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Gefangene ihrer Traumata

Von Klaus Huhold

Politik

Vor rund einem Jahr setzte die Massenflucht der Rohingya ein. Ihr Leiden hat mit dem Schritt über die Grenze kein Ende genommen.


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Jennifer Bose arbeitet seit mehr als einem Jahr für Care. Sie ist als "Emergency Communications Officer" tätig, reist dafür immer wieder in Krisenregionen, um über die Zustände dort zu berichten. Zuvor arbeitete sie für die UNO und war in asiatischen Ländern stationiert.
© klh

Der 25. August gilt als Jahrestag der Massenflucht der Rohingya aus Myanmar. Damals setzte plötzlich die Flucht zehntausender Angehöriger dieser moslemischen Minderheit nach Bangladesch ein. Nach Angriffen einer Untergrundarmee der Rohingya auf Grenz- und Polizeiposten kam es zu einer massiven gewalttätigen Antwort, bei der kein Unterschied zwischen Untergrundkämpfern und Zivilisten gemacht wurde. Ganze Dörfer wurden niedergebrannt, was durch Luftaufnahmen dokumentiert ist, Flüchtlinge berichteten unabhängig voneinander von Plünderungen, Morden und Vergewaltigungen - sowohl durch Sicherheitskräfte als auch durch Bürgermilizen. Die UNO spricht gar davon, dass die Vertreibung der moslemischen Rohingya - laut Schätzungen sind bis zu 800.00 geflohen - einer ethnischen Säuberung gleichkommt. Die Hilfsorganisation Care betreibt in Bangladesch ein Camp für 22.000 Flüchtlinge. Care-Mitarbeiterin Jennifer Bose sprach mit der "Wiener Zeitung" über die Lage der Rohingya und die immer noch prekären Zustände vor Ort.

"Wiener Zeitung": Zehntausende Rohingyakamen vor einem Jahr plötzlich über die Grenze nach Bangladesch. Wie hat sich damals für Hilfsorganisationen die Lage dargestellt?

Jennifer Bose: Die Menschen sind innerhalb von Minuten geflohen, haben ihr ganzes Hab und Gut zurückgelassen und sind vollkommen traumatisiert in Bangladesch angekommen. Sie haben erst einmal alles gebraucht, was man sich vorstellen kann: Lebensmittel, sauberes Trinkwasser, medizinische Versorgung, aber auch psychologische Hilfe. Wir haben all das möglichst schnell bereitgestellt.

Wie haben Sie das logistisch angestellt? Man braucht ja schnell Helfer, die vor Ort die Arbeit machen, und auch die Lebensmittel müssen irgendwo herkommen.

Wir haben ein großes Büro in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka, von dem dann viele Mitarbeiter für diese Krise herangezogen wurden. Wir haben internationale Helfer, die für solche Krisen auf Abruf bereitstehen und sehr schnell entsendet werden können. Und freilich müssen wir Gelder in so einer Situation vorstrecken. Dafür gibt es spezielle Fonds, aus denen Mitteln rasch bereit gestellt werden - von Care selbst oder weiteren Partnern wie der UNO oder der Republik Österreich. Wir versuchen dann, mittels Spendenaufrufen und Fundraising das Geld hineinzubekommen, haben aber keine Garantie, dass das so sein wird. Das birgt für uns ein großes Risiko.

Wie geht Ihre Organisation mit dieser Unberechenbarkeit um? Was geschieht, wenn nicht genug Geld eingenommen werden kann?

Wir kalkulieren gleich am Anfang, wie lange unsere Projekte dauern und wie viel wir bereitstellen werden. Nach einigen Wochen machen wir dann eine Evaluierung - und müssen dann vielleicht kürzen, können etwa Mitarbeiter nicht mehr einstellen oder müssen sie sogar abziehen.

Drohen bei der Rohingya-Krise die Mittel auszugehen, droht diese in Vergessenheit zu geraten?

Diese wurde erst durch die Flucht hunderttausender Rohingya im August vergangenen Jahres von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Doch die Rohingya leiden in Myanmar schon seit Jahren. Sie sind eine Minderheit ohne Grundrechte, besitzen keine Staatsbürgerschaft, und auch in Myanmar müssen Rohingyas oft in Camps unter ganz schwierigen Umständen leben. Am Anfang erhalten wir bei so einer Krise große Mittel, viele Menschen möchten helfen. Mit dem Fortschreiten der Monate schwindet aber die Aufmerksamkeit, und somit schwinden auch die Gelder, die wir bekommen. Aber wir sind noch immer mit einer humanitären Notlage konfrontiert, und die Menschen brauchen Hilfe.

Sind die Rohingya überhaupt bereit, nach Myanmar zurückzukehren - oder droht das Provisorium in Bangladesch zu einem Dauerzustand zu werden?

Viele Rohingya sagen, dass sie nicht zurück wollen - wegen der Traumata, die sie dort erlebt haben. Andere wollen zurückkehren, aber nur, wenn ihre Grundrechte anerkannt werden. Sie wollen die Staatsbürgerschaft erhalten, sich frei im Land bewegen können, ein Recht auf Arbeit haben. Derzeit arbeiten Myanmar, Bangladesch und internationale Organisationen wie die UNO an einer langfristigen Lösung. Wir wissen momentan nicht, wann und ob die Flüchtlinge überhaupt nach Myanmar zurückkehren können. Bisher ist eine Rückkehr nur geplant, wenn sie freiwillig, in Sicherheit und in Würde geschehen kann.

Wie sind derzeit die Zustände in den Camps der Rohingya?

Immer noch sehr schlimm. Die Camps sind komplett überfüllt. Die Flüchtlinge leben in notdürftigen Unterkünften, etwa in Plastikzelten, die nun, während des Monsuns, sehr gefährdet sind, weggeschwemmt zu werden. Sie bekommen zwar Nahrungsmittel, aber es ist oft das gleiche Essen, zumeist Reis, Linsen, Salz und Öl. Die Rationen reichen oft nicht. Sie haben Toiletten, aber die sanitären Bedingungen sind sehr schlecht. In der Monsunzeit können nun auch Latrinen weggespült werden oder überlaufen. Das erhöht das Risiko von ansteckenden Krankheiten. Kinder leiden oft an Durchfallerkrankungen - und sie sind ohnehin schon sehr labil, weil sie mangelernährt sind. Auch die medizinische Versorgung ist nicht ausreichend. Es ist immer noch eine schwierige Situation - auch wegen der Masse an Flüchtlingen, die dort sind.

Wieso erhalten die Flüchtlinge nicht die benötigten Lebensmittel?

Wir geben Nahrung, wir sind vor Ort, wir helfen Menschen, nur fehlen uns oft die Mittel. Wir sind von Spenden abhängig.

Wie ist der psychische Zustand der Flüchtlinge?

Ich habe wirklich Horrorgeschichten erzählt bekommen. Die Flüchtlinge haben berichtet, dass ihre Dörfer niedergebrannt wurden, Kinder haben gesehen, wie ihre Eltern vor ihren Augen getötet wurden. Ich habe mit vielen Frauen geredet, und sie haben von Massenvergewaltigungen berichtet, von Todesfällen durch Vergewaltigung. Insbesondere Frauen und Kinder sind noch immer sehr traumatisiert, und das sieht man auch in den Camps. Care hat Frauenzentren aufgebaut, damit sich die Frauen untereinander austauschen können und psychologische Betreuung erhalten. Aber es ist klar, dass das Trauma noch tief sitzt und auch nicht so leicht zu verarbeiten ist. Hinzu kommt, dass die Bedingungen in den Camps sehr schwierig sind. Frauen haben weiterhin Angst, angegriffen zu werden. Sie sitzen, bis zu 23 Stunden am Tag, in ihren kleinen, schwülen Zelten.

Ist die Sicherheitslage in den Camps derart prekär?

Ja, das ist auch klar, wenn so viele Menschen zusammenkommen, die leiden, traumatisiert sind und die Gewalt aus Myanmar ein Stück weit nach Bangladesch mitgenommen haben. Sie sind mit so viel Gewalt aufgewachsen, dass sich das in den Camps widerspiegelt.

Wie stellt sich die Arbeit der Psychologen vor Ort dar?

Wir arbeiten mit Partnerorganisationen zusammen, die die lokalen Strukturen kennen und auch Bindungen in den Camps aufbauen. Es dauert, insbesondere bei Frauen, bis sie sich öffnen. Die Frauen schämen sich oft, wollen nicht darüber reden, was ihnen widerfahren ist. Deshalb braucht es Mitarbeiter, die langfristig vor Ort sind.

Die Verhältnisse sind aber offenbar für eine psychische Genesung denkbar ungünstig . . .

Ja, für die Bewohner gibt es in diesen Camps nichts zu tun. Gleichzeitig versuchen die Menschen zu überleben, mitten in ihren Traumata, mit diesen sehr begrenzten Mitteln, die dort zur Verfügung gestellt werden können. Kinder haben keine Perspektive, gehen nicht zur Schule. Es stehen zwar temporäre Lernzentren bereit, diese sind aber nicht mit Schulen vergleichbar, sie lernen dort nur Minimales, mit dem sie sich keine Zukunft aufbauen können. Jeder Tag, der in den Camps vergeht, ist ein vergeudeter Tag für diese Kinder. Es gibt keine Arbeitsmöglichkeiten, die Menschen sind dort mit ihren Traumata gestrandet und wissen nicht, wohin es gehen wird, wie ihre Zukunft aussehen kann.