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Gehwege werden zu Sackgassen

Von Adrian Lobe

Reflexionen

Straßen werden in Megacities zunehmend marginalisiert: Fußgänger sind nicht mehr vorgesehen. Eine Verfallsgeschichte.


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Gehsteige gibt es in den Hochhausschluchten von Kuala Lumpur nicht mehr - dafür steht Fußgängern ein 1,2 km langer "Skywalk" zur Verfügung.
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"Sous les pavés la plage." Unter den Straßen der Strand. Das war der anarchisch-libertäre Schlachtruf der Pariser Studentenproteste im Mai 1968. Demonstranten und Kommunarden aller Art rissen die Pflastersteine aus den Boulevards und schleuderten sie gegen die Polizei, die die verhasste Staatsmacht repräsentierte. Es war ein Akt roher Gewalt, aber auch ein symbolischer: Die Boulevards standen für die Bourgeoisie, und indem sie die Pflastersteine herausrissen und damit Barrikaden errichteten, griffen die Demonstranten auch diese Bastion der Bürgerlichkeit an. Unter den Steinen trat der Sand hervor, der zum Topos für allerlei utopistische Weltvorstellungen wurde.<p>Inzwischen gibt es in Paris am Seineufer einen eigenen Stadtstrand (Paris Plage), der eine recht bürgerliche und touristische Veranstaltung ist. Doch "die" Straße in ihren vielgestaltigen Ausprägungen wie Boulevards, Avenues, Rues und kleinen Gässchen ist gerade in Paris noch immer ein schillernder und politisch aufgeladener Ort.<p>

Terrain des Flaneurs

<p>Klassischerweise ist die Straße das Terrain des Flaneurs, für den die Stadt Gegenstand unablässiger Entschlüsselungen ist, ein Rätsel, das sich durch Begehung langsam löst. Wer einmal durch das Viertel Montparnasse mit seinen Cafés flaniert ist, kann sich vorstellen, wie sich Schriftsteller wie Simone de Beauvoir oder Jean-Paul Sartre weiland inspirieren ließen. Paris ist ein einziges Künstler- und Literatencafé, die Straßen die Wegmarken dieses Schauplatzes.<p>Auf der anderen Seite ist die Straße aber auch ein Ort, wo sich Protest entlädt. La rue, die Straße, ist der Versammlungsort der Gewerkschaften und außerparlamentarischen Opposition: Hier werden Reformen blockiert, Regierungen gestürzt und Revolten angezettelt. Das "Gesetz der Straße" ist in Frankreich zuweilen stärker als das des demokratisch legitimierten Parlaments, wobei das "Recht der Straße" für gewöhnlich in scharfem Kontrast zu rechtsstaatlichen Konfliktlösungsmechanismen steht.<p>Baron von Haussmann, der Baumeister von Napoleon III., schuf im 19. Jahrhundert so breite und kerzengerade Straßen, die nicht nur optisch imposante Perspektiven zeitigten, sondern im Bedarfsfall auch den Aufmarsch der Truppen erleichterten. Insofern geht es bei Straßen auch immer um das Austarieren von Machtverhältnissen zwischen Regierung und Volk. Die Mächtigen versuchten schon seit jeher, der Straße ihren Stempel aufzudrücken.<p>Die Vorstellung von sauberen und intakten Straßen hat mit der Realität im Mittelalter nicht viel gemein. Früher kippten Kürschner und Gerber ihren Müll in die Kanalisation, der sich mit den Fäkalien der Pferde mischte - es muss furchtbar gestunken haben. Und es war auch alles andere als ein sicherer Ort. Huren und Halunken trieben sich in den Gassen herum, der Pöbel lieferte sich Wirtshausschlägereien, die mitunter auch vor der Tür ausgetragen wurden.<p>Die Geschichte des modernen Gehwegs beginnt nicht in Paris, sondern in London. Mit dem Westminster Paving Act of 1762 wurden auf jeder Seite der Straße feste Gehwege errichtet. Das georgianische London wurde zum Vorbild zivilisierter Straßen, auf denen Fußgänger ohne Schmutz, geschlachtete Gänse, Blut und anderen Unrat gehen konnten. Als Voltaire in den 1720er Jahren London besuchte, war er so begeistert, dass er darin ein Vehikel für die Demokratisierung der Stadt sah. Schon bald sollte das Londoner Vorbild auch in Frankreich Schule machen. Im Vorfeld der Französischen Revolution wurden in den Städten, allen voran in Paris, großflächig Gehwege errichtet. Das Trottoir sollte ein gleichberechtigter Begegnungsort zwischen dem Volk und der aristokratischen Elite sein. Während der Bürgersteig in Großbritannien eher von der Hygiene her gedacht wurde, hatte er in Frankreich schon immer eine politische Dimension als urbanes Symbol der Republik.<p>

Straße als Spektakel

<p>Die Einführung von Gehwegen transformierte nicht nur das Straßennetz, sondern auch den urbanen Raum, indem vormals unzugängliche Orte erschlossen und aufgewertet wurden. Litfaßsäulen wurden aufgestellt, an denen Kriegsdepeschen oder Propagandablätter aufgehängt wurden, Zeitungsburschen verkauften Journale. Die Straße wurde zum Spektakel: Schöne und Reiche promenierten in ihren Luxustextilien, Geschäfte stellten ihre Waren ins Schaufenster, Gaukler führten Kunststücke auf.<p>Es gibt wohl kaum einen kulturgeschichtlichen Topos, der so leidenschaftlich und emphatisch besungen wurde wie die Straße. "Streets of Phildelphia" ist einer der größten Hits von Rock-Sänger Bruce Springsteen, der die Tristesse in der Metropole an der amerikanischen Ostküste beschreibt. Das Musikvideo ist ein Ruinenpanorama heruntergekommener Häuser und Viertel. Ralph McTell nimmt bei seinem sentimentalen Song "Street of London" die Hörer mit bei seinem Streifzug durch die Straßen von London samt ihrer bettelarmen Bewohner.<p>"Der Gehweg", schrieb der Architekturkritiker Edwin Heathcote in der "Financial Times", "ist eine paradoxe Sache: Er beginnt als Symbol der Zivilisation und Befreiung, ist aber gleichsam eine Art Endstation, der Bereich der Heimatlosen, Bettler und defäkierender Hunde." Auf der Straße zu landen oder zu schlafen ist der Inbegriff des Scheiterns; wer hier campiert, ist auf der niedersten Stufe der Zivilisation angekommen. Das zeigt den krassen Gegensatz: Einerseits ist die Straße ein Ort des Triumphs, dort, wo Fußballmannschaften ihre Meisterschaften vor hunderttausenden Fans feiern oder Politiker ihre Wahlsiege bejubeln, andererseits der Ort der Deklassierten.<p>Die Straße, die alle gleich machen soll, differenziert wie kein zweiter Ort zwischen Helden und Habenichtsen. "Auf die Straße gehen" und "auf der Straße landen" sind die extremen Pole des Lebens in der Stadtgemeinschaft. Der Zugang ist derselbe, und doch sind die Rollen, die einem die Straße zuweist, grundverschieden.<p>

Gehsteig-Rückbau

<p>Trotz ihres rauen und teils brutalen Charakters strahlen Straßen Grandezza aus. Die Pflasterböden von Lissabon sind kunstvoll verziert, Tausende von handgeschlagenen Kalk- und Basaltsteinen bedecken die Straßen von Portugals Hauptstadt, Steinsetzmeister bessern in mühevoller Handarbeit die Plätze und Gehwege aus und ersinnen neue Muster.<p>Der Landschaftsarchitekt Roberto Burle Marx gestaltete in Rio de Janeiro die Schwarz-Weiß-Pflaster an der Copacabana, die wie wogende Wellen einer Düne aussehen. Straßen sind schön. Allein, die Ästhetik der Straße darf nicht den Blick auf ihre Funktionalität verstellen. In immer mehr Städten wird ein Rückbau der Gehsteige betrieben, Straßen müssen, eingekeilt von Bauvorschriften, schmäler werden, der Fußgänger wird marginalisiert.<p>In den Hochhausschluchten Kuala Lumpurs gibt es schon gar keinen richtigen Gehsteig mehr. Wer eine Straße überqueren will, muss sich den Weg durch ein wirres, teilweise unbefestigtes Wegenetz bahnen. Rund um Bukit Bintang, das Shopping- und Entertainmentcenter der Hauptstadt Malaysiens, wurde ein 1,2 Kilometer langer Skywalk gebaut, ein oberirdisches Tunnelsystem, durch das Fußgänger etwa die Petronas Towers ansteuern können. Radfahrer wurden von den Städteplanern offensichtlich vergessen.<p>Städte werden heute für Autos und nicht für Menschen gebaut. Und in einer autozentrierten Kultur gibt es für Gehwege schlicht keinen Platz. Zwar wird in den USA unter dem Rubrum "Walk-able City" seit Jahren die Begehbarkeit von Städten diskutiert, doch die Mallifizierung und Privatisierung des öffentlichen Raums schreitet unaufhaltsam voran.<p>Shanghai hat die Straße als öffentlichen Raum abgeschafft. In Mega-Strukturen wie dem geplanten Cloud Citizen in Shenzhen, einer gigantischen, wolkenartigen Verdichtung von Bauwerken, sind gar keine Straßen und Boulevards mehr vorgesehen. Man muss nicht mehr auf die Straße, um einkaufen zu gehen.<p>

Cyber-Agora

<p>Shopping-Malls sind die Marktplätze des 21. Jahrhunderts - sie scheinen Straßen und Boulevards als Versammlungspunkte zu ersetzen. Mit dem Verschwinden der Straße stirbt auch ein Stück weit die Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Man kann heute am Themseufer nicht mehr flanieren, ohne privates Grundstück zu betreten. In einem Vorort Chicagos kam es vor ein paar Jahren zu Protesten wegen eines Gehsteigs, sodass die Bauarbeiten eingestellt werden mussten.<p>Wohlhabende Milieus wollen Gehwege sperren, weil sie befürchten, dass dann Bettler und Kleinkriminelle durch ihr Viertel vagabundieren könnten. Infolgedessen verschanzt man sich in Gated Communities. Es ist schon eine Ironie der Geschichte, dass das Bürgertum, das einst für Bürgersteige kämpfte, deren Nutzung nun eingeschränkt sehen will - und damit auch die Offenheit des urbanen Raums.<p>Vielleicht ist die Straße auch gar nicht mehr die Keimzelle des Protests, weil man sich heute in Cyber-Agoren versammelt oder in den Echokammern Facebooks "Argumente" um die Ohren brüllt. Nachdem die Pariser Steinewerfer das Kopfsteinpflaster ruinierten, zog die Stadtverwaltung eine neue Asphaltdecke auf, die zwar die originäre Textur zerstörte, die alten Strukturen aber wiederherstellte. Wo einst die Studenten Autos in Brand steckten und kommunistische Manifeste verteilten, schlürfen Pariser Bobos heute ihren Petit Noir.

Adrian Lobe, geboren 1988 in Stuttgart, studierte Politik- und Rechtswissenschaft und schreibt als freier Journalist für diverse Medien im deutschsprachigen Raum.