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"Geiseln müssen bereit sein, mit dem Leben abzuschließen"

Von Alexander U. Mathé

Politik

Der Psychologe Andreas Maercker spricht über Überlebensstrategien von Geiseln in Händen islamistischer Terroristen.


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"Wiener Zeitung":Wie verhält man sich als Geisel von islamistischen Terroristen am besten?Andreas Maercker: Es ist wichtig, dass die Betroffenen so bald wie möglich wieder ein Selbstbewusstsein entwickeln - auch wenn die Situation noch so gefährlich ist. Die Interaktion mit den Geiselnehmern sollte selbstbewusst erfolgen. Man muss schon vermitteln, dass einem daran gelegen ist, zu überleben, jedoch weder mit aggressiven Affekten noch in einer unterwürfigen Haltung. Diejenigen, die sich ganz verweigern, sind in allerhöchster Gefahr, denn sie werden dann entweder ganz gedemütigt oder getötet. Erkennen die Geiselnehmer aber, dass da jemand wieder er selbst ist nach dem Schock, dann ist das schon eine sehr gute Voraussetzung. Dazu gehört eine gewisse fatalistische Einstellung. Denn keiner weiß in so einer Situation, was daraus wird.

Das heißt, die Strategie ist es als Geisel, mit seinem Leben abzuschließen?

Ja. Um genau zu sein, geht es darum, bereit zu sein, mit dem Leben abzuschließen und nicht darum, damit abzuschließen. Letzteres wäre zu negativ und könnte wieder in eine Depression münden.

Wie laufen die Momente von der Geiselnahme bis zur Wiedererlangung des Selbstbewusstseins ab? Ist die Geisel da auf Autopilot?

Die meisten sind da schon auf Autopilot. Allerdings geht es um ein Zeitfenster von zwei Tagen. Hält der Zustand länger an, dann ist das ein Zeichen dafür, dass sich der Betroffene gar nicht mehr einkriegt und das Selbstbewusstsein nicht wiedererlangen wird. Da kann man allerdings selbst nichts direkt dafür tun.

Wie steht es um Faktor Angst: Ist es wichtig, sie zu haben, nicht zu haben oder nur ein wenig zu haben?

Angst als Alarmgefühl ist günstig, wenn sie einmal zunimmt und dann wieder abnimmt, aber nicht zu lange in einem der Extremzustände verbleibt. Zu wenig Angst ist nicht gut. Dieses Niedrighalten ist nämlich meistens mit zu hohem psychischen Aufwand verbunden.

Inwieweit ist die Zerstörung des Ichs ein Ziel der Geiselnehmer und wie schwer ist es, einen Zustand zu erlangen, in dem man wieder selbstbestimmt ist?

Islamistische Geiselnehmer haben ein anderes Ziel, als jemanden umzudrehen beziehungsweise zu konvertieren. Da geht es um einen kalkulierten Handel: Für Geld lassen sie die Person wieder frei oder töten sie und inszenieren das vielleicht auch noch medienwirksam. Die Zerstörung des Ichs findet sich eher bei Gefangennahme von eigentlich Gleichgesinnten, die man irgendwie als Dissidenten wahrnimmt und ändern möchte. Beispiel: Ein europäischstämmiger Islamist reist nach Syrien und ist mit den Zuständen dort auch nicht zufrieden. Seine Kumpanen können dann darauf abzielen, sein Ich zu zerstören.

Wie fragil sind Geiselnehmer selbst? Ist es denen überhaupt möglich, Empathie zu zeigen?

Geiseln berichten immer wieder von "anständig" gebliebenen Bewachern und Mitgeiselnehmern. Die senden kleine Zeichen der Menschlichkeit aus, was sie aber letztlich nicht daran hindert, die Geisel dann auch hinzurichten. Dennoch sind sie sehr wichtig. Denn an denen kann man sich aufrichten. Wenn man sein Selbstbewusstsein wiedererlangt hat, kann man sich dann kurzfristig an einem scheinbar menschlichen Geiselnehmer erfreuen.

Bei freigelassenen Geiseln gibt es welche, die schnell wieder klarzukommen scheinen, während andere an den Erlebnissen zugrunde gehen. Womit hängt das zusammen?

Da gibt es wirklich sehr viele Gründe. Der Ablauf der Geiselnahme und der Ablauf der Freilassung sind wichtig. Diejenigen, die da besondere Demütigungen erlebt haben, vielleicht sogar in beiden Situationen Todesängste über längere Zeit ausgestanden haben, haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass es ihnen schlecht geht. Ein anderer Faktor sind Familienmitglieder. Die können sich positiv auswirken: Sei es, wenn man an sie denkt oder wenn sie bei der Freilassung da sind und einen unterstützen.

Zur Person
Andreas Maercker ist Professor an der Universität Zürich und Fachpsychologe für Psychotherapie mit Schwerpunkt Trauma.