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"Geistig oder leiblich vergewaltigt"

Von Wolfgang Fritz

Wissen

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Am Beginn des bürgerlichen Fortschritts steht wie die Arbeiterfrage die Frauenfrage. Wie die Arbeiterinnen und Arbeiter, so wollen auch die Frauen der gehobenen Stände keine rechtlosen, dem Willen eines Herrn unterworfenen Sklavinnen mehr sein. Wenn auch in vielen Fällen die materielle Not keine Rolle spielt, verbleiben doch intolerable Ungerechtigkeiten, wie der Ausschluss von der Mittel- und Hochschulbildung und aus dem politischen Leben.

Im März 1870, fünf Monate bevor Rudolf Goldscheid das Licht der Welt erblickte, verlangte Marianne Hainisch (1839-1936) in der ersten politischen Rede, die in Österreich jemals eine Frau gehalten hat, an einem Wiener Realgymnasium Mädchenklassen einzuführen. Die Tochter des Badener Fabrikanten Josef Perger hatte 18-jährig den Fabriksbesitzer Michael Hainisch geheiratet, mit dem sie zwei Kinder hatte. Ihr Anliegen erschien damals, auch im liberalen Wien, als viel zu kühn. Die von ihr schließlich gegründete private gymnasiale Mädchenschule sollte bis 1895 kein Öffentlichkeitsrecht erhalten. Und bis die philosophische Fakultät der Wiener Universität das Studienverbot für Mädchen aufhob, vergingen noch einmal zwei Jahre.

1893 gründeten die Frauenrechtlerinnen der zweiten Generation, die Volksschullehrerin Auguste Fickert (1855-1910), die Schriftstellerin und Kunstmalerin Rosa Mayreder (1858-1938) und die Sozialarbeiterin Marie Lang (1858-1934) den Allgemeinen Österreichischen Frauenverein, der noch den Durchbruch der Frauen wenigstens zur formalen Gleichberechtigung sehen sollte.

Auch der jugendliche Schriftsteller Rudolf Goldscheid befasste sich in seinen ersten beiden Romanen mit Frauenfragen. Die Bücher erblickten in einer Aufschwungzeit für die österreichische Frauenbewegung das Licht der Öffentlichkeit und haben hier, wie Rosa Mayreder schreibt, ihre Wirkung nicht verfehlt.

1894 erscheint "Das Einmaleins des Lebens." Der Roman spielt in Berlin, im Milieu der weniger etablierten Künstler und Bohemiens, in dem Goldscheid wohl selbst verkehrt. Da ist eine auffallend schöne junge Frau, Paula Brück. Ihre Kindheit verdirbt ihr der Vater, Gastwirt in München, ein liebloser Pedant und Tyrann. Sie geht nach Berlin, wo sie eine Tante hat, der sie im Haushalt zur Hand geht. Als die Tante stirbt, muss sie sich ihren Lebensunterhalt als Verkäuferin verdienen. Die Tante hat einen Untermieter, einen jungen Arzt, der Paulas erster Geliebter wird. Als er sich dazu entschließt, sich bürgerlich zu etablieren, verliert er das Interesse an ihr. In ihrer Einsamkeit kommt sie auf den Gedanken, eine Art Volkshochschulvortrag über das Verhältnis zwischen Männern und Frauen zu besuchen, den Georg Wilken hält. Wilken ergreift leidenschaftlich Partei für die "Mädchen aus dem Volke", wie er sie als Gelegenheitsliebschaften seiner Freunde und Kollegen beobachtet: "Das Mädchen aus dem Volke", wirft er seinen Freunden vor, "ist zumeist ein Opfer unserer Brutalität, sie wird von uns geistig oder leiblich vergewaltigt." Er verlangt von den Freunden, ihr Gewissen in ihre Liebeshändel zu legen. Bei den Angesprochenen trifft er damit auf Spott und Zynismus. "Der Beruf der Blume", sagt einer von ihnen, "ist gebrochen zu werden. Und was die Frauen an uns am meisten lieben, das ist ja eigentlich nur unsere Brutalität." Paula aber spricht er aus der Seele.

Er lernt sie einige Zeit später durch Zufall persönlich kennen. Es entsteht eine harmlose Freundschaft mit gemeinschaftlicher Buchlektüre und auf gelegentlichen Ausflügen. Wilken ist auch recht verliebt, doch sein Standesdünkel erweist sich als unüberwindlich. Andererseits vermag seine bloße Existenz die erkalteten Gefühle des Arztes wieder zu erwecken. Die arme Paula, viel zu gewissenhaft für ein solches Spiel, wird hin- und hergerissen zwischen einem eifersüchtigen Liebhaber und einem eifersüchtigen Kind; sosehr, dass sie sich schließlich durch einen Sprung in die Spree dem unerträglichen Konflikt entzieht. Man rettet sie, der Arzt bekennt sich endlich zu ihr, zurück bleibt Wilken, der sich wunder wie betrogen und entehrt fühlt.

Goldscheids erzählerisches Erstlingswerk erscheint, wie alle ihm folgenden Prosaarbeiten, bei Pierson in Leipzig, einem jener Verlage, die damals jungen Talenten eine erste Heimat boten. Auch Hermann Hesse hat hier debütiert. Er findet auch schon einige öffentliche Aufmerksamkeit. Die Neue Freie Presse glaubt, in ihm eine sozialistische Tendenz zu erkennen "Und zwar", so schreibt der Rezensent, "begehrt Golm im Einklange mit den naturalistischen Heilspredigern Achtung und Humanität auch für das Mädchen, das schon einmal gefallen ist, indem er leugnet, dass es deshalb zu den Verlorenen zu zählen sei." Weitere Kritiken bringen das Berliner Tageblatt und die Hamburgische Correspondenz.

Schon ein Jahr später, 1895, erscheint Goldscheids nächster dickleibiger Roman "Der alte Adam und die neue Eva", die beste seiner literarischen Arbeiten.

Käthe Hübner, Tochter eines ziemlich unleidlichen frühpensionierten Buchhalters, hat sich von ihren Eltern die Liebe zu einem mittellosen angehenden Wissenschafter ausreden lassen. Sie unterzieht sich einer Ausbildung als Lehrerin, was ihr die Möglichkeit gibt, sich ihren Lebensunterhalt als Nachhilfelehrerin selbst zu verdienen.

Sie wird vom Witwer Arnold Buggenrieth für drei Stunden täglich zu seiner Tochter und seinem Sohn engagiert. Buggenrieth ist Fabrikant, ein grober, herrschsüchtiger, schlauer Mann. Er versucht, sie zu seiner Geliebten zu machen, worauf sie empört den Posten verlässt. Schließlich stellt er ihr einen Heiratsantrag, den sie annimmt, schon um dem widerlichen Elternhaus zu entkommen, in die einzig geachtete Stellung einer Ehefrau aufzusteigen.

In der Verlobungszeit geht Buggenrieth noch auf alle ihre Wünsche ein, er lässt sich von ihr sogar dazu bereden, seinen Arbeitern am 1. Mai freizugeben. Nach der Hochzeit beginnt der Krieg. Käthe möchte eine freie, in ihren Auffassungen geachtete Persönlichkeit sein, Buggenrieth kommt es darauf an, in allem seinen Willen durchzusetzen.

Sie strebt die Scheidung an, aber ihr Mann weigert sich einzuwilligen. Als nach dem Tod der Mutter ihr Vater zu ihnen zieht, wird durch diese doppelte Unterdrückung ihr Leben vollends unerträglich. Sie verlässt, das Haus, verdient sich ihren Lebensunterhalt in ihrem alten Beruf und lernt die Demütigung kennen, die in ihrer Stellung als "davongelaufene Ehefrau" liegt.

Vom Vater an sein Sterbebett gerufen, lässt sie sich von ihm und ihrem Gatten schließlich das Versprechen abringen, in ihr schönes Heim zurückzukehren. Sie resigniert, passt sich an und retardiert von der neuen zurück zur alten Eva.

Rosa Mayreder hebt hervor, dass dem Roman, der auch ins Englische übertragen wurde, eine Pionierstellung auf dem Gebiete der Frauenliteratur zugekommen sei. Goldscheid habe versucht, das Thema mit einem weiteren Roman "Venus am Kreuz", zu vertiefen. Der Titel findet sich auch tatsächlich in einer Verlagsankündigung des Pierson-Verlages. Das Projekt ist aber, wie Rosa Mayreder schreibt, gescheitert. Es habe die Befassung mit dem Frauenthema Goldscheid aber schließlich zu seiner Lebensaufgabe, der Soziologie, geführt, als er sich dazu entschloss, seine Forschungen vom Ist auf das Warum des Frauenschicksals zu verlegen.

Rezensionen zu dem Buch erscheinen im Berliner Tageblatt, in der Kölnischen Zeitung, der Schlesischen Zeitung und der Wiener Abendpost. "Fern davon", schreibt das Tageblatt, "einen Tendenzroman zu schreiben, ist es ihm gelungen, die Charaktere in ihrer Natürlichkeit so heraus zu entwickeln und zu gestalten, dass sie lebendig vor uns stehen." Die Kölnische Zeitung hingegen ist der Meinung: "Aber das Werk überwindet nicht die Gefahr der Tendenzschriften, die willkürliche Einseitigkeit." Die als Beilage zur Wiener Zeitung erscheinende Wiener Abendpost schließlich führt aus: "Er skizziert seine These mit jener künstlerischen Überlegenheit, die ohne hervortretende Tendenz die documents humains, auf denen sie fußt, in abgerundeter Form darlegt."

Zwei Jahre später erscheint die weit leichter geschürzte Novelle "Ein falsches Liebeslied." Hier geht es um einen müßiggängerischen Millionär mit dem schweizerisch klingenden Namen Kaspar von Flüellen, den Mitte der dreißig plötzlich eine gewisse Leere überkommt. "Sozialdemokratie, radikale Aristokratie, pedantischer Naturalismus, mystischer Symbolismus, für all das hatte er sich im Lauf der Jahre abwechselnd schrankenlos begeistert. Und nun? Nun vermochte gar nichts mehr seinen ganzen Menschen auszufüllen. In immer engeren Kreisen umschlich ihn fürchterlichste Blasirtheit, er fand an nichts mehr Gefallen!"

Er kommt schließlich auf den Gedanken zu heiraten und begibt sich zum Zwecke der Partnerinnenwahl in ein Seebad. Er verliebt sich in die zwei Töchter eines ziemlich profanen Kunsthändlers, verlobt sich zuerst mit der mondänen älteren, löst die Verlobung zugunsten der fröhlichen und unkomplizierten jüngeren, die er auch heiratet, dies allerdings voll Reue, dass er doch lieber die Ältere hätte nehmen sollen.

1899 kommt Goldscheids letztes belletristisches Werk heraus, der Roman: "Bäume, die in den Himmel wachsen." Wie vorher ein Mann zwischen zwei Frauen, so steht diesmal eine Frau zwischen zwei Männern, dem Brüderpaar Martin und Albert. Martin, künstlerisch begabt, ein Schulabbrecher, leidet an zu stürmischem, zu ungeduldigem Temperament. Er bringt es nur zum Tapetenzeichner und Verlobten einer Handwerkerstochter. Als sein Bruder Albert, der in Bozen als Verwaltungsjurist arbeitet, sich verlobt, verliebt sich Martin hoffnungslos in dessen Braut Toni. Er bricht mit seiner Handwerkerstochter und erkrankt nach der Verehelichung des Bruders sosehr, dass der ihn zu sich nach Bozen nimmt. Dort hat Albert auch den unseligen Gedanken, seine Frau durch Martin malen zu lassen. Martin soll mit diesem Bild der künstlerische Durchbruch gelingen. An diesen Malstunden schaukelt sich die Eifersucht so maßlos auf, dass schließlich Albert seinen Bruder mit einem Faustschlag tödlich verletzt. Niemand macht ihm einen Vorwurf, der Todesfall wird als Unfall zur Kenntnis genommen. Albert findet, durch das Unglück geläutert, von Gott zum Atheismus, einem so mildtätigen Atheismus, dass er - pikante Idee! - in Bozen als Heiliger verehrt wird.