Zum Hauptinhalt springen

Gel und Licht statt Skalpell

Von Alexandra Grass

Wissen
Korrekturen im Gesicht mit der Spritze allein.
© © © Fotostudio FM/Corbis

Biomaterial zum Kneten soll Entstellungen im Gesicht ausgleichen. | Verfahren muss nach ersten Tests noch weiter verbessert werden. | Forscher sehen großen klinischen Bedarf.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 12 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Wien. Deformationen, wie sie oft nach chirurgischen Eingriffen im Gesicht zurückbleiben, oder auch angeborene Entstellungen können für Betroffene schwere soziale und emotionale Folgen mit sich bringen. US-Wissenschafter setzen große Hoffnung in ein neues Material, das entstellte Gesichtszüge ohne chirurgischen Eingriff wiederherstellen kann. Umfangreiche Versuche an Ratten, aber auch erste Pilotversuche an Menschen, zeigten Erfolge.

Das Material, eine Zusammensetzung aus biologischen und synthetischen Bestandteilen, wird unter die Haut injiziert, lässt sich durch Kneten in die gewünschte Form bringen und härtet aus, indem es mit Licht bestrahlt wird. Das Gel besteht aus Hyaluronsäure, ein natürlicher Bestandteil des menschlichen Bindegewebes, der für Elastizität sorgt, und synthetischem Polyethylenglycol, wie es in den im chirurgischen Alltag verwendeten Wundklebern vorkommt.

Möglichkeiten begrenzt

Bis dato seien die Möglichkeiten in der Gesichtschirurgie sehr begrenzt, betont die Biomedizintechnikerin Jennifer Elisseeff von der John Hopkins University in Baltimore im Journal "Science Translational Medicine". "Für Knochen haben wir Metalle und Kunststoffe, aber für weiches Gewebe wie Lippen und Wangen fehlen uns gute Ersatzmaterialien."

Mit bislang implantiertem biologischen Gewebe kann zwar die Beschaffenheit von Weichteilen wiederhergestellt werden, es hält seine Form allerdings nur eine gewisse Zeit. Synthetische Moleküle werden wiederum häufig vom Immunsystem abgestoßen und lassen das Gesicht künstlich erscheinen, betont Elisseeff. Das neue Material hat die Vorzüge beider Welten vereint - die Kompatibilität mit dem Körper sowie eine gewisse Haltbarkeit durch die Synthetikanteile.

Ausgehärtet wird das Material bei einer Bestrahlung mit sichtbarem grünem LED-Licht, das bis zu vier Millimeter tief in die Haut eindringen kann. Dieses sei verträglicher als UV-Licht, das etwa zu DNA-Schäden führen oder Zellen absterben lassen kann. Eine lediglich zweiminütige Belichtungszeit genügt, um das Gel auszuhärten.
<br style="font-weight: bold;" />

Verfahren nicht ausgereift

Für die breite Anwendung ist die Methode allerdings noch nicht genug ausgereift. Das Forscherteam hatte Laborratten das Material in den Rücken gespritzt. Das günstigste Verhältnis von Hyaluronsäure und Polyethylen-glycol hielt fast 500 Tage, bevor es vom Rückengewebe der Tiere aufgelöst wurde. Elisseeff hofft auch, dass sich das Material als Gerüst eignen könnte, an dem entlang sich neues Gewebe bilden kann.

An der klinischen Studie waren drei Patienten in Kanada beteiligt, die sich ihr Bauchgewebe straffen lassen wollten. Ihnen war das Material - in der Größe eines Fingernagels - für zwölf Wochen lang eingespritzt worden. Nach dieser Zeit wurde mittels Magnetresonanztomografie festgestellt, dass die Form und Größe des Implantats standgehalten hatte. Nach Entfernung des Teils waren im umliegenden Gewebe allerdings leichte bis mittlere Entzündungen zu sehen. Diese könnten eine Folge der Steifigkeit der Implantate, eine Abwehrreaktion auf die chemischen Komponenten im Material oder vom umliegenden Fettgewebe ausgelöst worden sein, wird von dem Wissenschafterteam vermutet. Zu schmerzhaften Nebenwirkungen war es nach Angaben der Forscher nicht gekommen.

Die Forscher wollen nun die Beständigkeit und Sicherheit des Materials in anderen Regionen des Körpers - nämlich Muskeln oder weniger fettreichen Stellen, etwa im Gesicht - testen, um das Verfahren verbessern zu können, erklärt Elisseeff. Die Biomedizintechnikerin arbeitet an einem Material, dessen synthetischer Anteil möglichst gering ist.

Zwar dauert es für gewöhnlich lange, bis solche neuen Verfahren es in die Kliniken schaffen, doch wenn es um Gesichtsrekonstruktionen gehe, gebe es einen klinischen Bedarf für eine neue Technologie.