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Geld Macht Forschung

Von Helena Pichler

Wissen
© Andrii Yablonskyi - stock.adobe.

Private Geldgeber prägen die wissenschaftliche Landschaft. Und unsere Zukunft?


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 11 Monaten in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Am Anfang einer wissenschaftlichen Studie steht die Idee. Dann kommt das Geld. Denn Forschung ist teuer: Forschungsgeräte für die Labors, neueste Technologien, die Gehälter des Teams ... die Liste scheint endlos. Staatliche Förderungen können das alles nicht immer vollständig abdecken. Aus diesem Grund wenden sich Forschende an Stiftungen und private Geldgeber. Mit 44 Prozent wurde in den USA fast die Hälfte der Fördergelder von den Wissenschaftsphilanthropen übernommen .

40 Prozent ihrer regulären Arbeitszeit, schätzte das Wissenschaftsmagazin "Scientific American", müssen US-amerikanische und europäische Forschende für die Suche nach Sponsoren und finanziellen Unterstützern durchschnittlich aufbringen.

Während man sich mit bestimmten Forschungsthemen an spezielle Stiftungen wenden kann, ist die Situation im Falle privater Geldgeber eine andere: Wer seine Forschung attraktiv verkaufen kann, wird auch am ehesten die gewünschte Unterstützung bekommen. In Folge nimmt das allerdings die Qualitätsprüfung wissenschaftlicher Arbeiten aus der Verantwortung der Fachjournale oder der öffentlich finanzierten Förderagenturen, die nach objektiven Kriterien vorgehen, und gibt sie an Personen ab, die sich seltener durch einen wissenschaftlichen Hintergrund als durch ihr Bankkonto auszeichnen.

Mit dem Druck, Studienthemen für Außenstehende aufregender aussehen zu lassen, entsteht ein Trend, der es besonders der Grundlagenforschung erschwert, potenzielle Geldgeber für sich zu finden. Nicht für jeden Forschungsgegenstand lässt sich die Wichtigkeit dahinter auf den ersten Blick erkennen, insbesondere wenn handfeste Ergebnisse, aus denen sich neue Produkte machen lassen, auf einer Zeitskala nicht absehbar sind: Bedingungen, die insbesondere in der Grundlagenforschung der klassischen naturwissenschaftlichen Fächer oder den Geisteswissenschaften gegeben sind.

Milliardäre im All

Bereits im Jahr 2014 erkannte die "New York Times", dass sich die Forschung mehr und mehr von Grundlagenforschung verabschiedet und diese "für ein Sammelsurium von populären Wohlfühlfächern eintauscht." In den seltensten Fällen hätten die Sponsoren selbst einen wissenschaftlichen Hintergrund, sie seien Geschäftsmänner, in den wenigsten Fällen auch Geschäftsfrauen. Ihre Entscheidungen, wen sie sponsern wollen, würden seltener aus dem Gedanken heraus getroffen, die Unterförderung bestimmter Forschungsfelder auszugleichen, sondern würden von der Frage geleitet, welche Felder sich positiv auf ihr Business auswirken.

Als Beispiel nannte die "New York Times" damals unter anderem die Weltraumforschung. In der Welt der Wissenschaft zählt sie als trendy. Sie ist wie eine Clique während der Schulzeit, zu der man immer schon gehören wollte. Geprägt vom Traum der Menschheit, die unendlichen Weiten des Weltraums für sich erfassen zu können, bietet die Raumforschung die perfekte Nebenbeschäftigung für Wirtschaftsmagnaten, die noch ein paar Milliarden auf der Seite haben.

Um nur zwei Beispiele zu nennen, soll auf das Unternehmen SpaceX, unter Elon Musk als CEO, verwiesen werden. SpaceX spricht gegenwärtig davon, der Menschheit "multiplanetarisches" Leben zu ermöglichen à la Marskolonie. Seit 2015 investiert auch der Internetgigant Google und ist mit fast zehn Prozent Inhaberschaft unter den Shareholdern vertreten.

Da es für Personen mit Durchschnittseinkommen allerdings nicht möglich ist, von der SpaceX-Mission zu profitieren, hinterlassen die Ankündigungen den Geschmack einer reinen Luxusfantasie ohne größeren Nutzen. Ein Projekt von Superreichen für Superreiche. Ähnlich verhält es sich auch bei Amazon-Gründer Jeff Bezos’ Herzensprojekt Blue Origin, ein weiteres Unternehmen, das Leben im All ermöglichen will. Allerdings ließ schon allein die phallische Form der Rakete für eine im Jahr 2021 misslungene Mission vermuten, dass es hier nicht um mehr Träume geht als Bezos’ eigene. Davon abgesehen: Wie viel Weltraumforschung brauchen wir wirklich?

Ich mach mir die Welt

Findet sich Geld vermehrt an einer Ecke wieder, fehlt es woanders. In einer Welt, in der die Reichen und Schönen und größtenteils Männlichen das Geld haben, um die Wissenschaft voranzutreiben, gehen Themen, die sich mit den Problemen der ärmeren Gesellschaftsschichten und Ländern befassen, unter. Auch Forschung, die sich explizit mit Frauen befasst, geht häufiger leer aus. Handelt es sich um das Vermögen einer Privatperson, ist es allerdings auch das gute Recht dieser Person, in Forschungsthemen zu investieren, die sie für sinnvoll hält. Gerade das kann einen bizarren Effekt nach sich ziehen: Wissenschaftliche Fortschritte werden sich dort finden, wo investiert wurde - also in Forschungsfeldern, die eben diese Privatpersonen als förderungswürdig empfinden.

In einem Interview mit dem britischen "Guardian" fasste der Herausgeber der Website "Inside Philanthropy", David Callahan, die Sache so zusammen: "In Wirklichkeit sollte die Frage lauten, ob wir es insgesamt für in Ordnung halten, dass Philanthropen so viel Macht haben, um ihre eigene Vision einer besseren Gesellschaft voranzutreiben."

Gemeint ist, dass auch wenn aus bester Absicht gehandelt wird - und davon gehen wir in erster Linie aus -, trotzdem aus der subjektiven Absicht einer einzigen Person heraus gehandelt wird. Spinnt man den Gedanken nun weiter, überlassen wir somit den Ultrareichen die Macht, zu entscheiden, welche Krankheiten eine Forschung verdienen, die Heilung verspricht, welche Technologien uns von A nach B bringen werden und wie weit künstliche Intelligenz uns im Alltag begleiten wird.

Viel Geld hat schon immer viel Macht bedeutet. Auch die Macht, sich die Welt nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Selten jedoch verlangt Geld die Verantwortung, beim Ausgeben an andere zu denken. Vom Fortschritt der Forschung sind wir schlussendlich alle abhängig. Sie zeigt uns nicht nur auf, wo die Probleme liegen, sie kann uns auch die Lösungen geben. Die Abhängigkeit der Wissenschaft von ihren Geldgebern macht sie allerdings manipulierbar - und somit auch uns.