Zum Hauptinhalt springen

Geldentwertung, na und?

Von Christian Ortner

Gastkommentare

Wenn ein führender Ökonom das Inflationsziel der EZB einfach abschaffen will, dann ist Feuer am Dach.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 1 Jahr in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität Berlin, ist zweifellos einer der einflussreichsten Ökonomen Deutschlands. Sein Wort hat in der wirtschaftspolitischen Debatte also einiges Gewicht, ganz besonders bei der in Berlin regierenden SPD, der er nahe steht. Umso befremdlicher - um nicht zu sagen: bedrohlicher - klingt für alle, die den Euro nutzen (müssen), was Fratzscher dieser Tage, just zum 25. Geburtstag der Europäischen Zentralbank, von sich gab: Weil es der EZB nicht einmal annähernd gelingt, die Inflationsrate bei oder unter 2 Prozent zu halten, wie es ihrem Auftrag entspricht, möge sie ihr Inflationsziel einfach aufgeben.

Damit würde der seit geraumer Zeit laufende schwere gewerbsmäßige Betrug, den die Zentralbank in Frankfurt an allen Sparern Europas durch das staatlich legitimierte Geldfälschen betreibt, gleichsam zur offiziellen EZB-Politik. Ohne Inflationsziel könnte man ja auch die derzeit in Österreich gemessene Geldentwertung von knapp 9 Prozent als völlig in Ordnung qualifizieren. Der Euro würde so auch hochoffiziell, was er heute eh schon de facto ist: eine Art Euro-Lira oder Euro-Drachme, weich wie ein Lappen. Die Abschaffung des Inflationsziels ausgerechnet mit der Unfähigkeit (oder besser: Unwilligkeit) der EZB zu begründen, dieses ihrem Auftrag gemäß einzuhalten, ist eine ganz besondere Chuzpe. Denn das ist, als würde der Gesetzgeber Wohnungseinbrüche legalisieren, weil so viel eingebrochen wird.

Wer so mit der Stabilität des Geldwertes von hunderten Millionen Europäer verfährt, gibt im Nachhinein all jenen Recht, die vor der Einführung des Euro vor den Gefahren dieser neuen Währung gewarnt haben. Aus heutiger Sicht muss man leider sagen: zu Recht gewarnt haben, was die ehemaligen Hartwährungsländer betrifft. Geradezu dreist wird die Angelegenheit schließlich dadurch, dass der "Topökonom" Fratzscher zu jener Gruppe meist linker Inflationsversteher gehört, die die Geldentwertung erst bestritten und dann zu einer vorübergehenden Problematik erklärt haben; um sie nun quasi wegdefinieren zu wollen, indem das Inflationsziel gekippt wird. In Österreich etwa meinte noch vor gut zwei Jahren der mit Fratzscher geistesverwandte Ökonom Oliver Picek vom linken Momentum-Institut (Hauptfinanzquelle: Arbeiterkammer-Zwangsbeiträge): "Die große Inflation ist nicht nur in Österreich ein journalistisches Lieblingsthema. Nur, dass sie tatsächlich kommt, ist sehr unwahrscheinlich. Empirisch und theoretisch spricht das Allermeiste dagegen."

Das Problem ist nicht, dass sich diese Fraktion der Ökonomenzunft derart spektakulär geirrt hat; das kann passieren. Das viel größere Problem ist, dass sie nach wie vor - siehe SPD und Fratzscher - massiven Einfluss auf die Geldpolitik in Europa hat. Schon dass sich der Chef eines renommierten deutschen Wirtschaftsforschungsinstitutes traut, offen die endgültige Abkehr vom Prinzip der soliden Währung zu fordern, zeigt, welche mentalen Dämme da mittlerweile geborsten sind.