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Gender-Check

Von Reinhard Göweil

Leitartikel

Ups - im Tarnen-und-Täuschen-Spiel um die Spitzenjobs in der EU (inklusive Kommission) wurde leider auf jemanden vergessen: Die Frauen. Bloß drei von 27 der künftigen EU-Kommissare sind Frauen. Der Kommissionspräsident ist bereits fix ein Mann (Barroso), der EU-Vorsitzende wird ein Mann, der EU-Außenminister wohl auch.


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Nun haben sich weibliche Abgeordnete im Europa-Parlament über alle Fraktionen hinweg solidarisiert und organisiert. Man werde den Bestellungen einfach nicht zustimmen, so deren schlichte Ankündigung. 35 Prozent aller EU-Abgeordneten sind Frauen.

Für den EU-Sondergipfel am Donnerstag bedeutet das eine zusätzliche Komplikation. Im überaus komplexen Machtgefüge Brüssels ist es ohnehin nicht einfach, das richtige EU-Team zusammenzustellen. Wenn nun die Gefahr besteht, dass Kandidaten bei notwendigen Anhörungen im EU-Parlament von zu Recht erbosten weiblichen Abgeordneten "gegrillt" werden, kann sich die Zusammenstellung der Kommission verzögern.

Und für den wiedergewählten Kommissionspräsidenten Barroso ist die Auswahl der Mitgliedsländer ein Schlag ins Gesicht: Er hat in einem Brief die Regierungschefs aufgefordert, Frauen für den Kommissions-Job zu nominieren. Bisher sind es acht, aktuell eben nur noch drei. Besser könnte nicht ausgedrückt werden, was die 27 Regierungschefs von den Wünschen Barrosos halten. Wenn er sich weiterhin so durchsetzt, stimmt die Kritik, dass er im Ernstfall wenig schlagkräftig ist.

Vermutlich wird der beginnende Protest der Frauen gegen die Vergabe der EU-Jobs in den Regierungskanzleien noch nicht so ernst genommen. Das könnte sich als fatale Fehleinschätzung herausstellen. Es ist zu erwarten, dass sich in den kommenden zwei Tagen Frauen-Organisationen in ganz Europa auf das Thema draufsetzen. Damit würde dies ein politisches Momentum bekommen, das schwer bis kaum zu steuern sein wird.

Bisher gab es in der EU eine Auseinandersetzung zwischen großen und kleinen Ländern; zwischen Konservativen und Sozialdemokraten - nun kommt der "Gender-Check" auch noch dazu. Wer bisher glaubte, Europa ist kompliziert, kann noch was dazulernen.