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Gentechnik: Aus dem Alltag der Medizin nicht mehr wegzudenken

Von Christa Karas

Wissen

Gentechnisch erzeugte Medikamente, Gentests und Arzneimittel, die auf defekte Erbanlagen abzielen: Während öffentlich rund um bestimmte Schlagworte wie etwa "Klonen" und "embryonale Stammzelltherapie" diskutiert wird, ist etwa die Gentechnik aus der Medizin längst nicht mehr wegzudenken, werden die neuen Methoden praktisch bereits permanent eingesetzt. "Molekulare Medizin und Gentechnik - Was ist heute schon Alltag?", heißt das Generalthema des 54. Van Swieten-Kongresses, der vom 23. bis 25. Oktober im Wiener AKH stattfindet. Tatsächlich gehört bereits vieles zum Alltag - nur die eigentliche Gentherapie, also das Einschleusen von Erbgut in Zellen, braucht über Einzelerfolge hinaus noch mehr Zeit.


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Knapp 70 in der EU zugelassene Medikamente stammen bereits aus Gen-Organismen, wie jüngst der deutsche Verband Forschender Arzneimittelhersteller berichtete. Derart veränderte Mikroorganismen produzieren z. B. Insulin für Diabetiker und Impfstoffe gegen Hepatitis, Laborkulturen aus Hamster-Eierstockzellen stellen menschliches Erythropoetin gegen Blutarmut her.

"Die Medizin ist in einem gewaltigen Strukturwandel. Wir begeben uns weg von einer organbezogenen Medizin hin zu einer fachübergreifenden Medizin. Wir werden aber auch eine Medizin haben, die sich zu den Wurzeln wagt. Der wirkliche Beweis, dass die Gentherapie beim Menschen dauerhaft eine Heilung erzielen kann, muss aber erst erbracht werden", meint denn auch Univ.-Prof. Dr. Georg Stingl (Immundermatologie/AKH-Wien).

Bisher sind rund 10.000 Krankheiten oder Merkmale bekannt, die von einem einzelnen Gen verursacht werden. Doch mehr als 240 gentherapeutische Studien an über 4.000 Patienten weltweit verliefen in den vergangenen Jahren erfolglos, ehe französischen Experten im Frühjahr der erste deutliche Sieg glückte: Alain Fischer, Marina Cavazzana-Calvo und ihrem Team gelang es mit Hilfe der Gentherapie, mehrere Babys zu retten, die an SCID litten. Dabei handelt es sich um ein schweres kombiniertes Immunversagen, das meist binnen eines Jahres zum Tod führt.

Allein gegen Krebs liefen mit Stichtag im Juni dieses Jahres in aller Welt 279 derartige Studien an 2.459 Patienten. Gentherapien gegen schwere Leiden, die durch ein defektes Gen verursacht werden, werden in weiteren 55 Studien erprobt und 33 derartige Untersuchungen befassen sich mit Infektionskrankheiten.

In Österreich laufen drei Gentherapie-Studien: Die erste wurde von Stingl und seinen Mitarbeitern ab 1994 mit einem am Institut für Molekulare Pathologie (IMP) entwickelten Melanom-Vakzin durchgeführt und befindet sich nun in einer zweiten Phase.

Eine Wissenschaftergruppe um den Onkologen Univ-Prof. Dr. Christoph Zielinski (AKH Wien) erprobt derzeit in Zusammenarbeit mit der Universitäts-HNO-Klinik in Wien eine Gentherapie, bei der Patienten mit Krebstumoren das Wächtergen p53 injiziert bekommen. Das soll die Krebszellen quasi in den "Selbstmord" treiben.

Das dritte Projekt (Universitätsklinik Innsbruck) besteht aus der Einbringung des Gens für die Herpes simplex-Virus Thymidinkinase in Reste von Gehirntumoren. Verabreicht man dann den Patienten das Arzneimittel Gancyclovir, soll es durch das Enzym ausschließlich in den Krebszellen zu einem Zellgift werden und die Tumorzellen abtöten.

Doch abseits dieser Zukunftsprojekte profitieren viele Patienten jetzt schon täglich von den Methoden der molekularen Pathologie. Univ.-Prof. Dr. Günther Krejs, Vorstand der Medizinischen Universitätsklinik in Graz: "Bei der Leberkrankheit Hämochromatose können wird das Leiden jetzt allein auf Grund der genetischen Mutationen und ohne Biopsie diagnostizieren. Das ist ein wesentlicher Vorteil für die Patienten. Ähnlich ist das beim Morbus Wilson, einer Kupferspeicherkrankheit. Hier können wir schon behandeln, bevor Symptome auftreten."

Zwei der Festvorträge zur Eröffnung des 54. Van Swieten-Kongresses am Montag beziehen sich auf das Generalthema: "Das humane Genomprojekt und seine Konsequenzen" von Univ.-Prof. Dr. Gerhard Utermann (Vorstand des Instituts für Medizinische Biologie und Humangenetik, Innsbruck) und "Arbeit mit Erbsubstanz und Ethik" aus christlicher (Univ.-Prof. Dr. J. Niewiadomski) und jüdischer Sicht (Oberrabbiner P. Eisenberg).

Zweites Generalthema ist die Dermatologie (Allergien, Neurodermitis, Cortison, malignes Melanom, Lasertherapie, infektiöse Hauterkrankungen und Aids). Der Kongress bietet auch eine gute Plattform für intensivere Kontakte zwischen den niedergelassenen Ärzten und den Universitätskliniken. Denn, so der ärztliche Leiter des Wiener AKH, Reinhard Krepler: "Es ist uns ein Anliegen, dass die Forschungsergebnisse rasch allen Ärzten zugänglich gemacht werden."