Zum Hauptinhalt springen

Georg Kraft-Kinz und Ali Rahimi

Von Katharina Schmidt

Reflexionen
"Wir müssen auch über Tabuthemen reden": Ali Rahimi (Mitte) und Georg Kraft-Kinz (r.) im Gespräch mit "WZ"-Redakteurin Katharina Schmidt. Foto: Andreas Pessenlehner

Der Banker Georg Kraft-Kinz und der Teppichhändler Ali Rahimi, die Gründer des Vereins "Wirtschaft für Integration", sprechen über Zuwanderung und die damit verbundenen Probleme und Chancen.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 13 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Wiener Zeitung: Vor mehr als einem Jahr haben Sie den Verein "Wirtschaft für Integration" gegründet. Was bringt zwei wirtschaftlich erfolgreiche Menschen dazu, so eine Initiative zu setzen? Ali Rahimi: Die Freundschaft. Oft heißt es, es gibt Missstände bei der Integration, auf der anderen Seite verstehen wir uns so gut - Georg ist in Tirol geboren, in Graz aufgewachsen und ist in Wien integriert, und ich als Perser bin auch integriert. Daher haben wir uns gefragt, was wir für die Wirtschaft und für Österreich tun können - und beschlossen, einen Verein zu gründen.

Georg Kraft-Kinz: Unser Ziel ist ein offenes, positives Klima für das Thema des Miteinander. Wir sind aber ein Wirtschaftsverein, kein Sozialverein - wir wollen also, dass die Wirtschaft profitiert, und setzen in diese Richtung Aktivitäten.

Was haben Sie bisher erreicht? Kraft-Kinz: Es wird sehr viel geredet und gesudert. Daher wollen wir Projekte machen, welche die Dinge verändern, und nicht nur reden. Im vergangenen Jahr haben wir vier Projekte zu wichtigen Themen wie Bildung und Sprache gemacht, darunter den ersten multilingualen Sprachwettbewerb in Wien und den Österreichischen Integrationspreis zusammen mit dem ORF.

Rahimi: Es ist eine Tatsache, dass Wirtschaftstreibende von Migranten abhängig sind - wir wollen, dass diese Menschen reden. Denn sie müssen nicht wiedergewählt werden, sie können Zahlen sprechen lassen.

Oft scheint es so, als hätte die Wirtschaft längst verstanden, worum es geht, und als würde nur die Politik sich zieren, anzuerkennen, dass Österreich ein Zuwanderungsland ist. Rahimi: Wirtschaft ist Integration. Wenn jemand arbeitet, ist er schon integriert.

Kraft-Kinz: Ich lehne den Satz "Wir sind ein Zuwanderungsland" ab, weil er den Menschen Angst macht.

Georg Kraft-Kinz und Ali Rahimi. Foto: Andreas Pessenlehner

Rahimi: Wenn man "Zuwanderungsland" sagt, glauben viele, dass alle Türen offen sind und alle hereinkönnen. Das stimmt nicht, dagegen sind wir auch. Deutschland kostet es jährlich 20 Milliarden Euro, weil es dort mehr Aus- als Einwanderung gibt. Klein- und Mittelbetriebe konnten 2009 acht Prozent der Aufträge nicht annehmen, weil sie zu wenige Fachkräfte hatten. Wenn die ehemaligen Ostblockstaaten in einigen Jahren einen Arbeitskräfte-mangel haben werden, ist Österreich in einer ähnlichen Situation. Dann werden wir froh sein, wenn Menschen von woanders herkommen.

Jene Migranten, die schon hier sind, haben oft nicht die Möglichkeit, eine ihrem Bildungsstand entsprechende Arbeit zu finden. 2008 waren 28 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund überqualifiziert, bei den "Einheimischen" waren es nur zehn Prozent. Ist das nicht auch ein Problem, wenn Akademiker dann Taxi fahren müssen? Rahimi: Natürlich. Wir wollen das Potenzial der Menschen nutzen und werden alles dafür tun, damit die Politik schnellere Schritte setzt und die ökonomische Integration einfacher wird.

Kraft-Kinz: Die Zugänge und die Nostrifizierungen müssen einfacher werden. Wir wollen aber auch auf der emotionalen Ebene intervenieren und mit positiven Bildern zeigen, wie gut Integration gelingen kann.

Rahimi: Wir müssen auch über Tabuthemen reden. Es ist eine Tatsache, dass gewisse Migranten nicht Deutsch lernen wollen. Auf der anderen Seite sind Ausländer Nettozahler, etwa bei den Pensionen. Um das Potenzial zu fördern, gehören auch die Eltern zur Verantwortung gezogen, denn der Staat kann nicht immer alles tun. Es gibt genug Möglichkeiten, in Österreich Deutsch zu lernen. Man muss sich auch mit der Geschichte des Landes auseinander setzen und die Kultur respektieren. Genauso wie wir andere Kulturen respektieren.

Apropos Potenzial: Immigranten der zweiten und dritten Genera-tion haben oft keine Bildungschancen und fühlen sich von unserer Gesellschaft nicht akzeptiert. Dann setzen sie das berühmte Kopftuch auf und reden Türkisch, um sich abzugrenzen.

Ali Rahimi: "Ein Kopftuch ist ein Wettbewerbsnachteil." Foto: Andreas Pessenlehner

Kraft-Kinz: Wir haben im Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft in den 1950er Jahren Menschen als Gastarbeiter zu uns geholt, bei denen es völlig egal war, ob sie Deutsch können oder nicht. Mittlerweile hat sich Österreich zu einer Solidargemeinschaft entwickelt. In einer solchen gilt es als beleidigend und bedrohlich, wenn jemand unsere Sprache nicht kann. In den USA ist das anders, dort gibt es keine Solidargemeinschaft, die verschiedenen Ethnien sprechen ihre Sprachen, über Integration wird nicht einmal diskutiert. Wir müssen auch der türkischen Community vermitteln, dass jemand, der nicht Deutsch kann, wenig Chancen hat, weiterzukommen - er ist arm.

Es gibt in türkischen Familien da und dort einen Statusfatalismus nach dem Motto: Ich war Arbeiter und du wirst auch nur Arbeiter werden. Wer nach Österreich kommt, der muss unsere Identität mitverantworten, und es gibt eine Basis, auf der diese Identität steht. Das ist keine islamische, sondern eine liberale, wertoffene Basis.

In ihrem Buch "Die große Verschleierung" vertritt Alice Schwarzer den Standpunkt, dass unsere Gesellschaft zu liberal ist und unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zulässt. Wir würden etwa muslimische Mädchen diskriminieren, wenn wir zulassen, dass sie vom Schwimm-unterricht befreit werden. Sind wir zu liberal und nehmen damit den Kindern die Chancen? Rahimi: Das ist ein sehr heikles Thema. Ich bin hier eher ein Hardliner, weil ich sage: Wenn ich in Österreich lebe, muss ich die Regeln einhalten. Aber es geht darum, die Eltern zu überzeugen, das freiwillig zuzulassen.

Kraft-Kinz: Die Gesellschaft ist nicht zu liberal, aber sie ist oft zu feig. Wir müssen den Mut aufbringen zu sagen: "In der Klasse akzeptieren wir das nicht." Nicht am Schwimmunterricht teilzunehmen ist desintegrierend und für das Kind und damit für die Wirtschaft ein Problem, weil das Kind damit sein Leben schon als Außenseiter beginnt. Da bin ich für klare Regeln, dann kann sich jeder überlegen, ob er in Österreich leben will oder nicht.

Georg Kraft-Kinz: "Ich halte den kommunikativen Rechtsruck für feig." Foto: Andreas Pessenlehner

Rahimi: Ich habe aber Angst vor Verallgemeinerung. Von hundert Familien nehmen vielleicht drei den Schwimmunterricht nicht an - und dann heißt es gleich, alle seien so. Wir müssen auch versuchen, unsere eigenen Vorurteile zu beseitigen - aber unter der Voraussetzung, dass die Gesetze und die Hausordnung eingehalten gehören.

Aber was ist die Hausordnung? Ist es Religionsfreiheit, wenn ein Mädchen in der Schule ein Kopftuch tragen darf, oder ist es Ausgrenzung? Kraft-Kinz: Alles, was Kinder aus der österreichischen Gemeinschaft ausgrenzt, ist für den Wirtschaftsstandort problematisch.

Rahimi: Ein Kopftuch ist ein Wettbewerbsnachteil für das Kind. Ich bin aber gegen Verbote, dadurch erreicht man sehr wenig.

In ganz Europa gibt es einen Aufstieg der rechten Parteien, bei der Wien-Wahl hat die FPÖ mit dem "Ausländerthema" massiv dazugewonnen. Diese Parteien formulieren sehr klar Feindbilder . . . Rahimi: Für uns ist das Problem nicht die Freiheitliche Partei. Es ist klar, dass Österreich qualifizierte Zuwanderung braucht, das wissen die Menschen insgeheim auch. Deswegen fordern wir alle Parteien auf, etwas für Österreich zu tun - und dieses Thema ein bisschen zu beflügeln.

Kraft-Kinz: Man kann die Bilder im Kopf nicht in zwei Jahren verändern. Integration ist ein Prozess. Das Wahlergebnis in Wien zeigt: Es gibt Angst, es gibt Kritik, und das ist völlig in Ordnung. Es gibt viele Details, die wir verbessern müssen. Dazu ist Liberalität auf beiden Seiten nötig.

Sofort nach der Wien-Wahl haben die Großparteien erklärt, sie müssten in Sachen Integration etwas tun, zwei Tage später war der Tenor wieder, man sei ohnehin auf einem guten Weg . . . Kraft-Kinz: Man muss die Aktivitäten in diesem Bereich verstärken. Dabei spielt das Thema Bildung eine wichtige Rolle. In Wien liegt das größte Problem in den Hauptschulen mit sehr hohen Migrantenanteilen. Diese Schulen sind teilweise Verwahrstellen des Proletariats. Wir managen diese Schulen nicht und investieren zu wenig in sie. Dort gibt es viele Lehrer und Schüler, die keine Entwicklungschancen haben.

Aber was kann man dagegen konkret tun? Kraft-Kinz: Man sollte einmal ein Screening aller Wiener Hauptschulen machen. Da wird es tolle Beispiele genauso geben wie schmerzhafte Erkenntnisse - etwa auch Fälle, wo die Lehrer frustriert und überfordert sind und weder disziplinär noch pädagogisch mit jungen Menschen arbeiten können.

Rahimi: Die Menschen wollen auch eine Ansprechperson haben. Aber es braucht hier möglicherweise konkrete, neue Anlaufstellen, die nicht die ohnehin schon überforderten Lehrer sind. Natürlich sind Minister und Stadtschulrat allein strukturell überfordert. Da geht es um eine notwendige umfassende Debatte unseres Schul- und Bildungssystems. Und die Eltern gehören dabei auch in die Pflicht genommen.

Wenn man aber an so manche bildungsfernen Schichten aus Ostanatolien denkt . . . Kraft-Kinz: Das ist ja nicht nur ein Integrationsproblem. Dieses Problem gibt es auch mit österreichischen Kindern. Wir brauchen mehr Selbstverantwortung. Ali und seinem Vater wurde der Erfolg auch nicht in die Wiege gelegt - der hat sich durch intelligente Integration ohne Assimila-tion entwickelt.

Rahimi: Für uns waren Bildung und Deutsch zu lernen das Wichtigste. Ich hatte nie ein Problem mit Ausländerfeindlichkeit. Wir müssen auch ein Klima schaffen, in dem sich Qualifizierte willkommen fühlen, sonst gehen sie nach Kanada oder sonstwo hin. Wir werden eine Werbeagentur beauftragen müssen, damit Topleute nach Österreich kommen wollen.

Kraft-Kinz: Wir brauchen auch eine andere Sprache. Als die Einigung zur Rot-Weiß-Rot-Card verkündet wurde, habe ich überhaupt keine Begeisterung erlebt. Wir brauchen die Besten, aber wir tun derzeit nichts dafür.

Rahimi: Es ist auch mehr Respekt gegenüber Zugewanderten notwendig. Man kann nicht zwischen guten und schlechten Einwanderern unterscheiden. Und man darf das nicht dauernd mit dem Sicherheitsthema vermischen. Auch wenn die Grenzen geschlossen wären, hätten wir Kriminalität.

Sie haben die Rot-Weiß-Rot-Card angesprochen. Was sagen Sie inhaltlich dazu? Kraft-Kinz: Wir haben eine Riesenfreude damit. Das ist ein Signal dafür, dass wir uns mit der qualifizierten Weiterentwicklung der Republik Österreich beschäftigen müssen. Die Vorstellung, rund um Österreich einen Zaun zu bauen, ist absurd. Bei 1,8 Millionen Einwohnern wurden im Jahr 2009 in Wien 17.000 Menschen geboren - wir können mit unserer eigenen Fertilität dem Wachstum dieses Landes nicht gerecht werden.

Rahimi: Sehen wir es als Chance. Es ist zum Beispiel beschämend, wenn wir vier oder fünf Jahre in Studenten investieren, und dann, wenn sie fertig studiert haben, dürfen sie hier nicht arbeiten und müssen sie das Land verlassen. Das ist unnötig vergeudetes Humankapital.

In Deutschland haben CDU und CSU erklärt, "Multikulti" sei gescheitert. Was ist "Multikulti" in Ihrer Sicht? Rahimi: "Multikulti" ist für mich ein Ausdruck, den ich nicht zuordnen kann. Wenn man zehn Österreicher in einem Raum versammelt, dann haben wir zehn unterschiedliche Auffassungsweisen von Kunst, Kultur, Religion.

Kraft-Kinz: Ich halte diesen kommunikativen Rechtsruck einfach nur für feig. Das ist eine Nicht-Aussage, eine Beruhigung derer, die dann zustimmen können: "Jetzt sagt er endlich die Wahrheit!" Die positive Aussage wäre: Wir bemühen uns um wesentlich mehr Integration.

Wo sehen Sie den Unterschied zwischen Assimilation und Integration? Herr Rahimi, sind Sie integriert oder assimiliert? Rahimi: Ich fühle mich wohl. Hören Sie mir mit den ganzen Fachausdrücken auf! Ich bin stolz darauf, Österreicher zu sein, mein Wahrzeichen ist der Stephansdom. Ich möchte aber auch niemals meine Wurzeln verleugnen: Ich komme aus Persien und ich bin stolz darauf. Wir dürfen auch nicht immer sagen, Menschen, die anderer Meinung sind, stünden automatisch rechts. Nein, sie brauchen Ansprechpersonen, die sich mit ihren Ängsten ernsthaft auseinander setzen.

Kraft-Kinz: Und ich glaube, dass die Solidargesellschaft insgesamt am Prüfstand steht. Vierhunderttausend Menschen in Österreich leben am Rande der Armut. Wie solidarisch ist die ursprünglich österreichische Gesellschaft untereinander? Und wie solidarisch ist sie mit Menschen, die zu uns kommen?

Wenn die Solidargesellschaft auf dem Prüfstand steht: Wie sieht dann die neue Gesellschaft aus? Kraft-Kinz: Die einen sagen, ein Land schafft sich ab. Wir sagen: wir erfinden uns neu! Jemand, der mit dem Burkini schwimmen gehen will, der will nicht an diesem liberalen Österreich mitarbeiten. Die Diskussion gehört geführt - politisch, gesellschaftlich, sozial und wirtschaftlich.

Rahimi: Wir bauen am Wohlstand, wobei jeder Baustein aus einem Menschen besteht. Ob der Österreicher ist oder nicht, ist sekundär. In der Politik kann man mit zwei Themen punkten: Hoffnung oder Angst. Wir müssen es über die Hoffnung machen - und nicht über die Angst.

Wie sehen Sie Österreich in zehn Jahren? Kraft-Kinz: Ich sehe Österreich in zehn Jahren wirtschaftlich sehr erfolgreich, wir werden uns in der Wissensgesellschaft wesentlich weiterentwickelt haben. Und wir werden einen liberalen Zugang zueinander gefunden haben. Unser Verein wird nicht mehr existieren, weil er nicht mehr benötigt wird. Österreich ist kein Kino, wo man drin sitzt und auf die schlechte Politik schimpft. In der Zivilgesellschaft sind alle dazu aufgefordert, etwas beizutragen.

Zur PersonGeorg Kraft-Kinz wurde 1962 in Tirol geboren und wuchs in Graz auf, wo er Jus studierte. Er ist seit 1988 mit Unterbrechungen im Bankwesen tätig. Seit Mai dieses Jahres ist der Vater zweier Kinder Generaldirektor-Stellvertreter der Raiffeisen-Landesbank Niederösterreich-Wien.

Ali Rahimi wurde 1964 in Teheran geboren und kam als Kleinkind mit seinen Eltern nach Österreich. In Wien hat er sich als begabter Netzwerker einen Namen gemacht - und als Experte für Orientteppiche: Er betreibt ein großes Teppichhaus in der Innenstadt.

Gemeinsam gründeten Kraft-Kinz und Rahimi 2009 den Verein "Wirtschaft für Integration", dem zahlreiche große österreichische Firmen angehören. Ziel des Vereins ist es, konkrete, nachhaltige Projekte vor allem im Bereich der Bildung zu initiieren. Im vergangenen Jahr organisierte "Wirtschaft für Integration" unter anderem einen multilingualen Sprachwettbewerb und vergab gemeinsam mit dem ORF den österreichischen Integrationspreis an Personen und Projekte, die einen Beitrag zur Integration leisten.

"Website":www.vwfi.at

Katharina Schmidt ist Historikerin und Innenpolitik-Redakteurin der "Wiener Zeitung".