Geplatzte Twin-City-Träume

Von WZ-Korrespondentin Simone Brunner

Politik

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs sind Wien und Bratislava einander wieder nähergekommen. Wie sehr sind die beiden Twin-Cities 30 Jahre danach wirklich zusammengewachsen?


Wenn sich Rastislav Prochazka an die Zeit vor 1989 erinnert, dann fällt ihm zuallererst der Schneeberg ein. Wie der Schnee in der Sonne glitzerte, selbst an warmen Tagen. Ein richtiges Postkartenmotiv, ein Sehnsuchtsort. Aber der Berg, den er als Kind an klaren Tagen von seiner Wohnung im fünften Stock des Plattenbau Petrzalka, der von den Kommunisten hochgezogenen Satellitenstadt im Westen Bratislavas, sehen konnte, lag jenseits der Grenze. Jenseits des Stacheldrahts, der durch das Feld vor der Siedlung verlief. Dem Eisernen Vorhang.

Es ist ein schwüler Sommerabend im Juli dieses Jahres, als Prochazka bei einem Bier im Stadtzentrum von Bratislava sitzt und sich daran erinnert. Hier, auf einem der bunten Klappsessel vor der hübschen, alten Markthalle, selbst ein Ort des Wandels, von wo die Kommunisten jahrzehntelang ihre Fernsehnachrichten sendeten und inzwischen ein Kulturzentrum untergebracht ist, wo die Bobos von Bratislava heute ihren Drink nach Feierabend nehmen. Seit 18 Jahren pendelt der heute 43-jährige Slowake jeden Tag als IT-Experte für eine internationale Umweltorganisation nach Wien - und erlebte Schritt für Schritt, wie die Grenzen fielen. Wende, EU-Beitritt, Schengen, Euro: Die Staatsgrenze, die früher zwei Welten trennten, überquert er heute jeden Tag. Eineinhalb Stunden braucht er von seiner Wohnung in Bratislava bis zu seinem Büro in Wien, Nähe Matzleinsdorfer Platz.

Enge historische Verbindung

Eng sind die historischen Bande zwischen den Zwillingsstädten Bratislava und Wien, legendär die Geschichten über die Straßenbahn, die Pressburger Lokalbahn oder "Elektrische", die die beiden Städte in der Donaumonarchie verband. Nur 55 Kilometer Luftlinie liegen zwischen den beiden europäischen Hauptstädten, so wenig wie sonst nirgends in Europa. Es war der Eiserne Vorhang, der die beiden Städte über Jahrzehnte hinweg trennte. Doch nach 1989 kannte die Slowakei wiederum nur eine Richtung: nach Westen. 2004 trat die Slowakei der EU bei, 2007 folgte der Beitritt zum Schengen-Raum. Seit dem Jahr 2009 wird in der Slowakei mit dem Euro bezahlt, im Mai 2011 wurde auch der österreichische Arbeitsmarkt für acht neue EU-Mitgliedsländer geöffnet.

Wer heute an offizieller Stelle nach den österreichisch-slowakischen Beziehungen fragt, rennt in Bratislava erst einmal offene Türen ein. Lucia Stasselova,, eine elegante Frau Anfang 60, sitzt im dritten Stock des prächtigen Primatialpalastes, wo heute die Stadtverwaltung der slowakischen Hauptstadt untergebracht ist. Ein Ort Zeitgeschichte: Hier wurde 1805 der sogenannte "Pressburger Frieden" zwischen den Habsburgern und Napoleon geschlossen, bei dem Österreich Tirol und Dalmatien abtreten musste. Doch heute weht ein frischer Wind durch die klassizistischen Räume: Vor einem Jahr wurde der junge Architekt Matus Vallo zum neuen Bürgermeister gewählt. Nach der Wahl hat er ein Team aus Aktivisten und Vertretern der Zivilgesellschaft um sich geschart, wie Stasselova, selbst Architektin und heute Vize-Bürgermeisterin der Stadt. "Wien ist Teil meines Lebens", sagt sie wie selbstverständlich. Stasselova spricht Deutsch, weil ihre Familie Wurzeln in Wien hat und sie selbst, wie viele Slowaken im Kommunismus, Deutsch lernte, um die ORF-Berichterstattung zu verfolgen - das einzige westliche Medium, das man damals in Bratislava empfangen konnte.

Doch über diese persönlichen Geschichten, auf die man in Bratislava immer wieder stößt, geht die Kooperation meist nicht hinaus. Zwar ging bereits die zweite Auslandsreise - die erste Reise geht traditionell nach Prag - der neu gewählten Stadtverwaltung nach Wien, wo man sich mit der rot-grünen Koalition über sozialen Wohnbau, Parkplätze und Fußgängerzonen austauschte. Doch in dem Buch, das Vallo vor seiner Wahl herausgegeben hat - "Plan B - Plan Bratislava", das Visionen auflistet zur Stadtentwicklung, von Mobilität über Bildung bis Kulturpolitik - kommt "Vieden", slowakisch für "Wien", erst gar nicht vor.

Pläne verlaufen im Sand

Geplant war das Ganze eigentlich anders. Mit der EU-Osterweiterung vor 15 Jahren wurde von einer "Großraumregion Mitteleuropa", am Schnittpunkt der Grenzregionen von Österreich, der Slowakei, Tschechien und Ungarn geträumt, im 2006 beschlossenen "Zukunftsbild Centrope" plante man sogar, bis 2015 "einen gemeinsamen und einheitlichen Wirtschaftsraum im Herzen Europas" zu etablieren. Doch aus dem "Reißbrettprojekt Region Centrope" ist vorerst nicht viel mehr geworden als "bloß die Summe der Regionen", wie die "Neue Zürcher Zeitung" in einer Zwischenbilanz 2011 schrieb, "trotz gemeinsamer Vergangenheit in der Donaumonarchie".

Das gilt auch heute noch. "Das Problem ist, dass es wohl von Anfang an zu große Erwartungen gegeben hat", räumt auch Vize-Bürgermeisterin Stasselova ein. 30 Jahre nach der Wende ist der Twin-City-Liner, der die beiden Donaumetropolen per Schiff in 75 Minuten verbindet, das einzige nennenswerte grenzübergreifende Projekt. Schon der Bau einer Fußgänger- oder Fahrradbrücke über den Grenzfluss, die March, wird als großer Erfolg gefeiert. Immer wieder poppen Gespräche über den Ausbau der Infrastruktur auf, wie die Verlängerung der Schnellbahn S7 vom Flughafen Wien bis nach Bratislava, um dann wieder im Sand zu verlaufen. "Warum gibt es hier in Bratislava nicht jeden Monat eine Lesung eines österreichischen Autors?", fragt der slowakische Schriftsteller Michal Hvorecky, der selbst immer wieder mit seinen Büchern durch den deutschsprachigen Raum tourt. "Ich hätte mir mehr Kulturaustausch gewünscht, und nur die wenigsten Wiener waren schon einmal in Bratislava." Der Traum von "Centrope" - 30 Jahre nach der Wende ist er mehr Papiertiger als Wirklichkeit.

"Slowakei verliert ihre Eliten"

So sind es die Pendler, die die Geschichte vom vereinten Europa erzählen. Es ist 7.38 Uhr an einem Donnerstagmorgen im Juli, an dem Jeanette, die braunen Haare zu einem Dutt gebunden und mit einem Coffee to go in der Hand, am Hauptbahnhof Bratislava in den Regionalzug nach Wien steigt. Seit drei Jahren pendelt die 32-Jährige nach Kaiserebersdorf, wo sie als Pädagogin in einem städtischen Kindergarten arbeitet. Von Bratislava nach Simmering, jeden Tag. "Die Menschen wollen natürlich mehr verdienen", sagt Jeanette, die ein perfektes, schon wienerisch gefärbtes Deutsch spricht, während der Zug loszuckelt und vor dem Fenster die Landschaft vorbeizieht. Die grauen Plattenbauten der slowakischen Grenzsiedlung Devinska Nova Ves, Auen und Äcker, das Niemandsland des Machfeldes. Bei knapp 1800 Euro monatlich liegt das durchschnittliche Bruttogehalt für Kindergartenpädagogen in Wien, etwa drei Mal so hoch wie in der slowakischen Hauptstadt. "Und dafür nehmen wir nun mal eine längere Anreise in Kauf", zuckt Jeanette die Schultern.

Auch, wenn Bratislava inzwischen aufgeholt hat und punkto BIP pro Kopf nach Kaufkraft die österreichische Hauptstadt bereits überholt hat: Es ist vor allem Wien, das immer noch viele slowakische Pendler anzieht. Offiziell sind es 40.200 Slowaken, die in Österreich arbeiten, so die Daten des slowakischen Statistikamtes. So viele Slowaken wie in keinem anderen Land. Doch oft sind es gerade die Fachkräfte, die vom slowakischen Staat ausgebildet werden, doch dann am heimischen Arbeitsmarkt fehlen. Programmierer, Ärzte und Pfleger. "Die bisherige Emigration, vorwiegend junger Personen aus der Slowakei wird dort in den nächsten Jahrzehnten zu einer starken Überalterung führen", schreibt das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche in einem aktuellen Bericht "Bratislava und Wien: Twin-Cities mit großem Entwicklungspotenzial". Und: "Die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter wird bis zum Ende des Jahrhunderts voraussichtlich um beinahe ein Drittel zurückgehen." Laut der Business Alliance of Slovakia arbeiten bereits 300.000 Slowaken im Ausland. "Die Slowakei verliert weiterhin ihre Eliten", titelte der "Slovak Spectator" zuletzt.

Erfüllte Verheißung

Zumindest für Rastislav Prochazka, der vor der Markthalle sein Bier trinkt, hat sich die Verheißung vom gemeinsamen Europa erfüllt. In Bratislava könnte er als IT-Experte jetzt genauso gut verdienen wie in Wien, ist er überzeugt. Aber er mag den Wechsel zwischen den Städten. Das Flair einer Metropole in Wien, das beschauliche Leben in Bratislava. Inzwischen hat er sich auch seinen Kindheitstraum erfüllt - und den Schneeberg bezwungen. "Windig war es dort oben", lacht er. "Westen und Osten", sagt er, "das hat für mich keine besondere Bedeutung mehr."

Der Beitrag ist im Rahmen von "eurotours 2019" entstanden, ein Projekt des Bundeskanzleramtes, finanziert aus Bundesmitteln.