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"Gesamtpaket zur Deradikalisierung in Österreich fehlt"

Von Eva Zelechowski

Politik

Mehr denn je sind Lösungen zur Deradikalisierung und sinnvolle Präventionsarbeit gefragt. Welche Ansätze gibt es - welche fordern Experten?


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Wien. Die Ereignisse und Anschläge der vergangenen Wochen vermitteln den Bürgern vor allem ein Gefühl: Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Und trotzdem, oder gerade deshalb, müssen Lösungen zu Prävention und Schutz vor Radikalisierung erarbeitet werden, die potenzielles, extremistisches Auflodern im Keim ersticken. Jede Attacke, ob nun als Terrorakt eingestuft oder nicht, unterscheidet sich von der vorherigen. Jeder Anschlag ergänzt Pläne und Strategien zur Deradikalisierung von Extremisten um weitere Faktoren, die es zu berücksichtigen gilt.

Der für August angekündigte Integrationsbericht 2016 wird laut Außenminister Sebastian Kurz einen Schwerpunkt "Radikalisierung" enthalten, denn "es gibt eine hohe Zahl an radikalisierten Personen in Österreich, die mit dem IS sympathisiert", so Kurz am Mittwoch. Für Extremismus-Experten und Politologen Thomas Schmidinger müsse "sinnvolle Deradikalisierungsarbeit verschiedene Expertisen zusammenführen", wie er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" sagte. "Menschen radikalisieren sich aus unterschiedlichen Ursachen."

Umfassende Lösungsansätze

Deshalb brauche es Lösungen aus mehreren Richtungen. Dazu zählen eine psychotherapeutische Behandlung, ideologische Dekonstruktion dschihadistischer Vorstellungen, Ansätze aus der Sozialarbeit und Psychoanalyse, theologisches Wissen und Kenntnisse über die Region, aus der die betroffenen Personen kommen. Einen solchen umfassenden Ansatz und ein solches Gesamtpaket gebe es in Österreich bisher nicht oder kaum. Sehr gute Basisarbeit erfülle laut Schmidinger etwa der Verein "Back Bone" in Wien, die Beratungsstelle Extremismus mit fundierten sozialarbeiterischen Ansätzen fungiere eher als Vermittler zu anderen Stellen.

Für den Dschihad-Experten sei "ein umfassendes, intensiv betreutes Programm" notwendig. Österreich stockt im Bereich Deradikalisierung und Prävention seit mehreren Jahren kontinuierlich auf. Ein Beispiel sind muslimische Seelsorger im Bundesheer und in Gefängnissen. Hier betreut der Verein "Derad" um den Pädagogen und Islamforscher Moussa al-Hassan Diaw Insassen während und nach ihrer Haft. Was es neben Forschung zu dschihadistischer Radikalisierung, da sich die Szene stetig verändert, nicht gebe, aber dringend nötig sei, seien "spezielle Aussteigerprogramme" wie in Deutschland, sagt Verena Fabris, Leiterin der Beratungsstelle Extremismus in Wien. In puncto Prävention müsse offene Jugendarbeit, also unabhängige Jugendvereine, gestärkt werden.