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Gesellschaft ohne Vertrauen

Von Anja Stegmaier

Politik

In Italien wollen viele Eltern ihre Kinder nicht impfen. Wissenschafter und Ärzte ringen um Glaubwürdigkeit, die aber selbst von der Regierung untergraben wird.


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Rom/Wien. Sie werden beschimpft und bedroht, vor allem in den sozialen Medien - Ärzte, die sich für die Impfung von Kindern aussprechen, haben es in Italien nicht leicht.

Nachdem die populistische Regierung in Rom aus Lega und Fünf-Sterne-Bewegung Anfang Juli die verpflichtende Impfung für Schulkinder auf 2019 verschieben will, muss nach dem Senat noch die Abgeordnetenkammer im September darüber abstimmen. Nun streiten sich Impfgegner und -befürworter wieder heftiger im Land. Mütter in TV-Shows raten von Impfungen ab, weil das Immunsystem stark genug sei, wenn die Kinder öfter im Dreck spielten. Ein Eisgeschäftbesitzer wiederum ließ per Aushang seine Kunden wissen, dass nicht geimpfte Personen nicht willkommen seien. Er erntete im Geschäft Lob, im Online-Netzwerk Facebook Hass. Aber auch Politiker und Wissenschafter liefern sich neue Gefechte in der Öffentlichkeit.

Hintergrund: Das italienische Gesetz - das noch von der Demokratischen Partei im Juli 2017 auf den Weg gebracht wurde - sah bisher vor, dass Eltern dem Kindergarten beziehungsweise der Schule eine Bescheinigung der Gesundheitsbehörde vorlegen mussten, die bestätigt, dass ihr Kind gegen zehn Krankheiten wie Masern, Hirnhautentzündung, Tetanus, Kinderlähmung, Mumps, Keuchhusten und Feuchtblattern geimpft ist. Denn Italien ist Schlusslicht, was die Durchimpfungsrate, vor allem bei Kindern, betrifft.

Bei der aufgeweichten Version des Gesetzes müssen Eltern künftig lediglich eine Selbstauskunft über erfolgte Impfungen vorlegen.

Die Verpflichtung führte 2017 zu beachtlichem Widerstand in der Bevölkerung - die Fünf-Sterne-Bewegung wie die Lega wetterten gegen den Erlass und nutzten den Protest für ihren Wahlkampf. Mitunter demonstrierten 10.000 Italiener auf den Straßen, vor allem in Norditalien.

Fünf-Sterne-Gründer Beppe Grillo machte als Impfgegner mobil. So sagte er etwa, Impfungen seien so gefährlich wie die Krankheiten, vor denen sie schützen sollen. Die Bewegung verbreitete auf ihrem Online-Portal falsche Informationen, etwa, dass Impfungen zu Autismus führten.

Versuchte Grillo-Nachfolger Luigi Di Maio kurz vor den Wahlen im März noch die Wogen zu glätten, indem er beteuerte, die Fünf Sterne seien nicht gegen Impfungen, sondern für eine Wahlfreiheit der Eltern, bleibt die Lega bei ihrem Anti-Impf-Kurs. So hat Innenminister Matteo Salvini erneut heuer im Juni wiederholt gegen die Pflichtimpfungen getönt. Impfungen seien "sinnlos", ja gar "gefährlich". Er und die Gesundheitsministerin Giulia Grillo (Fünf Sterne) initiierten die Aufweichung des Gesetzes.

Veritable Vertrauenskrise

Die Entscheidung löste heftigen Protest bei Ärzten und Wissenschaftern aus. Sie hadern mit dem steigenden Vertrauensverlust in der Bevölkerung -und der Politik. Empfiehlt ein Arzt Eltern in Italien, ihr Kind impfen zu lassen, ist er nicht kompetent, sondern von der Pharmaindustrie gekauft. Ärzte wie der renommierte Immunologe Roberto Burioni, die sich öffentlich für die Wichtigkeit von Impfungen einsetzen, werden vor allem im Internet diskreditiert, bedroht, beleidigt. Wissenschaftlichen Fakten wird misstraut - alles ist eine Meinung.

Beschränkte sich die Vertrauenskrise in Italien in den 1990er Jahren wegen skandalöser Korruptionsfälle hauptsächlich auf die Politik, so kämpfen mittlerweile Institutionen, Experten und Wissenschafter um Glaubwürdigkeit. Und der Populismus nutzt diese destruktive Entwicklung für sich. Nach dem Motto: Wer gewählt werden will in Italien, sollte erstens kein Politiker und zweitens entschieden gegen etwas sein.

Das Wettern gegen das Establishment, die Elite, "die da oben" der Fünf Sterne, der Lega aber auch der Forza Italia befeuern das Misstrauen in der Bevölkerung und untergräbt jede Kompetenz.

So postete etwa Davide Barillari, Stadtrat der Fünf Sterne in der Region Lazio, diese Woche auf Facebook zum Thema, dass es nun schon so weit gekommen sei, dass Wissenschaft wichtiger als Politik sei. Die "Mainstream-Wissenschaft" müsse sich daran gewöhnen, dass sie nicht allein die Wahrheit gepachtet habe. Wissenschaft habe "demokratisch" zu sein und "auf jeden zu hören", so der Politiker.

Mit einem Internetzugang in fast jedem Haushalt haben Menschen zudem ungefiltert Zugang zu Informationen und Daten, aus denen sie versuchen, selbst schlau zu werden. Gerüchten auf sozialen Medien wird mehr geglaubt als Ärzten.

Impfmuffel Italien

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO müssen 95 Prozent der Menschen in einem Land geimpft sein, damit der Impfschutz für die gesamte Bevölkerung gilt. In Italien wird dieser Wert auch heuer wiederholt nicht erreicht. Allein seit Anfang dieses Jahres gibt es in dem Land einen Wiederanstieg von Masernfällen mit mehreren Todesopfern. 88 Prozent der Betroffenen waren nicht geimpft. "Italiens Durchimpfungsrate bei Masern ist gleich auf mit der Namibias und niedriger als die Ghanas", sagt der Arzt Burioni dem Nachrichtensender CNN. Wiewohl der Professor der San Raffaele Universität in Mailand bereits positive Entwicklungen der Maßnahme von 2017 sieht, die Durchimpfungsrate sei angestiegen, viele bisher unentschiedene oder gleichgültige Eltern hätten ihre Kinder geimpft.

Italien bleibt mit der Wende in der Gesundheitspolitik nun aber auch 2018 auf der "Top Ten"-Liste der Länder mit der höchsten Masernerkrankungsrate weltweit.

Die Folgen sind laut Burioni desaströs: "Jetzt gefährden Kinder, die nicht geimpft sind, andere Kinder in der Schule, die etwa noch zu jung für Impfungen sind oder gar nicht geimpft werden können, weil sie an Autoimmunerkrankungen leiden."