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Gesucht: Integrität

Von Bruno Jaschke

Politik

Arbeitnehmer fordern von Unternehmen soziale Verantwortung und von Führungskräften korrektes Verhalten.


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Vor einem Monat hat in Deutschland der Bundesrat das Hinweisschutzgebergesetz, besser bekannt als Whistleblowergesetz, gekippt. Es sollte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die Gesetzeswidrigkeiten in ihrem Betrieb an einer eigens dafür eingerichteten Meldestelle anzeigen, vor Vergeltungsmaßnahmen schützen.

Das Gesetz hätte die EU-Whistleblower-Richtlinie von 2019 bereits bis 17. Dezember 2021 in nationales Recht konvertieren sollen. Der solchermaßen mit über einem Jahr Verspätung zustande gekommene deutsche Entwurf scheiterte aber an der fehlenden Zustimmung der CDU/CSU (und AfD), die beanstandet, er verursache unzumutbare bürokratische Mehrarbeit für Betriebe. Das Gesetz verzögert sich also weiter, und es wird für Deutschland, das so wie Österreich und 13 andere EU-Staaten bereits von der EU abgemahnt worden ist, wohl eine Strafe setzen.

Österreich dürfte gerade noch die Kurve kratzen, denn hier wurde das Whistleblowergesetz am 16. Februar im Bundesrat beschlossen und trat eine Woche später in Kraft. Das österreichische Gesetz ist allerdings wesentlich schwächer formuliert als der recht strenge und umfassende deutsche Entwurf und erweitert die EU-Richtlinie nur um den Anwendungsbereich Korruption. Andere Verstöße wie Diskriminierung und sexuelle Belästigung sind darin nicht enthalten. Das heißt, ein Arbeitnehmer, der meldet, eine Führungskraft habe eine Untergebene sexuell belästigt, ist nicht geschützt.

Die Whistleblower-Richtlinie, die seitens der Wirtschaft öfters als Einladung zum Vernadern kritisiert wird, ist eine der zentralen Agenden der sogenannten Compliance. Der Begriff, vom englischen Verb "to comply" abgeleitet, steht schlicht für die Einhaltung vorgegebener Regeln. Spektakuläre Betrugs- und Korruptionsfälle in Wirtschaft und Politik zeugen allerdings von eher unterentwickelten Talenten, dieser Prämisse auch zu entsprechen.

Steigende Nachfrage nach Compliance-Schulungen

Ausgiebige Berichterstattung über Fälle wie die Preisabsprachen bei Baukartellen und in der Abfallwirtschaft sowie Privilegien und Unvereinbarkeiten in Führungspositionen der OMV haben indessen das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Compliance-Maßnahmen signifikant gestärkt. "Gerade nach solchen Fällen, aber auch um diesen vorzubeugen, sind Compliance Management Systeme wichtig. Gerade auch für Unternehmen, die von öffentlichen Auftraggebern abhängig sind", sagt Martin Eckel, Rechtsanwalt und Partner der Wirtschaftskanzlei Taylor Wessing.

Compliance Management Systeme (CMS), die die Regelkonformität in Betrieben sicherstellen sollen, können zertifiziert werden. Das kann insbesondere bei Ausschreibungen durch öffentliche Auftraggeber ein Vorteil sein und sich auch als strafmildernd bei Verstößen auswirken. Diese Möglichkeit wird mittlerweile verstärkt in Anspruch genommen; ebenso ist die Nachfrage nach Compliance-Schulungen deutlich gestiegen. "Wir sehen seit Jahren eine anhaltende, starke Nachfrage nach Schulungen auf der Seite unserer Ausbildungspartner, aber auch nach Personenzertifizierungen in Compliance-relevanten Bereichen als Compliance-Officer, Geldwäsche-Beauftragte, Datenschutzbeauftragte und dergleichen", berichtet Peter Jonas, Leiter des Geschäftsbereichs Zertifizierung bei der Normen-Organisation Austrian Standards.

Die Ansprüche steigen auch bei Arbeitnehmern

Auch auf dem Arbeitsmarkt ist Compliance angekommen. Als Anspruch jedenfalls. Laut einer vor kurzem vom Jobportal karriere.at und der auf Compliance spezialisierten Unternehmensberatung rosa elefant OG initiierten Studie, für die österreichweit 501 Arbeitnehmer und Arbeitssuchende sowie 810 Personalbeauftragte von Unternehmen über ihre Einstellungen zu Compliance-Themen wie Integrität, Korruption, Diskriminierung, Nachhaltigkeit, Diversität und sozialer Verantwortlichkeit befragt wurden, erwarten rund neun von zehn Prozent der potenziellen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von ihren Führungskräften korrektes und integres Verhalten; jede zweite Person würde sich nicht bei einem Unternehmen bewerben, wo dies nicht der Fall ist. Auch dass soziale Verantwortung einen hohen Stellenwert im Unternehmen erhält, ist den meisten Arbeitnehmern laut der Umfrage sehr wichtig. Was natürlich die Frage aufwirft, anhand welche Parameter außer Medienberichten zu erkennen ist, wie es Unternehmen mit sozialer Verantwortung halten.

"Gute Indikatoren, um zu erkennen, ob gesellschaftliche Verantwortung und Integrität einem Unternehmen wichtig sind, sind Gütesiegel und das Vorhandensein eines Code of Conduct mit Handlungsanleitungen für alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in einem Unternehmen", erklärt Maresa Mayer, PR-Managerin bei karriere.at. "Auch die Art und Weise, wie eine Stellenausschreibung geschrieben ist, kann darüber Aufschluss geben, ob Themen wie Diversität, Frauenförderung und Nachhaltigkeit dem Arbeitgeber wichtig sind."

Unternehmen überschätzen sich oft selbst

Das Portal karriere.at hat aus diesem Grund in seinem Arbeitsmarktreport vom Jänner 2023 untersucht, wie oft in seinen Stelleninseraten bestimmte Schlagwörter vorkommen: "Nachhaltigkeit" war in acht Prozent der Ausschreibungen enthalten, "Vielfalt", "Chancengleichheit" und "Geschlecht" kamen jeweils in sieben Prozent vor. Die steigende Tendenz weise, so Mayer, darauf hin, dass die Relevanz dieser Themen auch für Arbeitgeber zunehme.

Österreichs Arbeitgeber haben, wie die Studie suggeriert, hohes (Selbst-)Vertrauen in ihre Anständigkeit. 79 Prozent geben an, proaktive Maßnahmen zur Unterbindung von korruptem Verhalten zu setzen. 77 Prozent attestieren den Führungskräften aufrichtiges, vertrauenswürdiges und integres Verhalten, ein ebenso hoher Anteil von Unternehmen hält das eigene Agieren für grundsätzlich nachhaltig, sozial und verantwortlich. 74 Prozent geben an, klare Werte und eine authentische Unternehmenskultur zu vertreten.

Weniger euphorisch beurteilen Arbeitnehmer ihre Arbeitgeber (nicht notwendigerweise genau die, die unternehmensseitig an der Studie teilgenommen haben): Von ihnen glauben nur 59 Prozent, dass in ihren Unternehmen korruptem Verhalten ein Riegel vorgeschoben würde. Nachhaltiges, soziale verantwortliches Agieren bescheinigen ihren Unternehmen 54 Prozent; klare Werte und eine authentische Unternehmenskultur sehen bei ihren Arbeitgebern 59 Prozent der Arbeitnehmer.

"Für diese Diskrepanz gibt es meines Erachtens zwei Gründe", erklärt Andrea Pilecky, Co-Geschäftsführerin von rosa elefant. "Zum Teil überschätzen sich die Unternehmen selbst, zum anderen kommen gesetzte Maßnahmen bei den Beschäftigten mangels Transparenz oder Kommunikation teilweise gar nicht an. Trotz der positiven Selbsteinschätzung geben über die Hälfte der im Rahmen der Studie befragten Unternehmen an, keinen Verhaltenskodex zu haben, in dem ihre Werte kommuniziert werden. Bei einer überragenden Mehrheit spielen außerdem Compliance-Aspekte im Bewerbungsgespräch gar keine Rolle."

Gesellschaftliche Wahrnehmung im Wandel

"Es hat sich die gesellschaftliche Wahrnehmung verändert, was sich auf die Arbeitswelt überträgt", relativiert Christian Korunka, Psychotherapeut und Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Uni Wien. "Klar stimmen zwei Drittel zu, wenn gefragt wird, ob einem Nachhaltigkeit wichtig ist. Ob das dann im Vorstellungsgespräch ein Thema ist, ist eine ganz andere Frage." Es sollte jedenfalls ein Thema sein, sagt Maresa Mayer: "Der hohe Anteil an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, denen das wichtig ist, zeigt, dass Unternehmen diese Themen proaktiv angehen müssen, um als Arbeitgeber in Zeiten von Fachkräfte- und Personalmangel attraktiv zu sein und zu bleiben."