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Geteilte Büros und eine Flut an Ideen

Von WZ-Korrespondent Andreas Hackl

Wirtschaft

Von der Idee zur Firma ist es in der israelischen Stadt ein kurzer Weg.


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Tel Aviv. Im siebten Stock des ältesten Wolkenkratzers von Tel Aviv befindet sich ein unscheinbares Karrieresprungbrett: eine Bibliothek. Nur kommen die meisten Leute nicht zum Lesen hierher, sondern um zu arbeiten. Denn die kleine städtische Bücherei ist gleichzeitig ein sogenannter Shared Space, ein kollektiver Büroraum, in dem risikobereite Jungunternehmer die israelischen Zukunftsinnovationen aus der Erde stampfen, oder es zumindest versuchen.

Itai Klein ist einer von ihnen. Für rund 40 Euro im Monat stellt ihm die Stadt Tel Aviv einen Büroplatz zur Verfügung. Er sitzt neben anderen Start-Up-Anfängern an einem Tisch am Fenster mit Blick aufs Mittelmeer, hoch über den Dächern der Stadt. Ein Platz, der normalerweise tausende Dollar pro Monat kosten würde. Die Bibliothek ist Teil dessen, was die Stadt Tel Aviv als innovatives Ökosystem beschreibt. Eine Infrastruktur, die kreativen Unternehmern dabei helfen soll, aus Ideen Geld zu machen. Und dieses Geld, so die Kalkulation, fließt letztlich wieder zurück in die Stadt.

Stolz führt Klein sein Produkt am Laptop vor: eine Software, die Personen aus Filmen herausfiltert und es einem erlaubt, nur die Teile eines Videos zu sehen, auf dem Freunde und Familie zu sehen sind. "Ich habe mir gedacht, wer schaut sich schon ein komplettes Hochzeitsvideo an, das eine halbe Stunde dauert", sagt Klein. "So sieht man nur die Teile, die auch wirklich relevant sind." Wirkliche Profite wirft sein Start-Up noch nicht ab, wie auch die Ideen der meisten anderen, die täglich in die Bibliothek kommen. Der Erfolg, sagt er aber, der wird schon irgendwann kommen.

Tel Aviv hat auch neben der Bibliothek viele Kollektivräume zu bieten. So teilen sich kreative Köpfe Kosten und Raum. Ein Kollektiv hat aber auch einen anderen Vorteil: Austausch und gegenseitige Unterstützung.

Das Start-Up-Ökosystem

1200 High-Tech-Firmen seien in Tel Aviv ansässig, sagt Avner Warner, Chef für internationale Wirtschaftsentwicklung der Stadt. Und mehr als 700 neue Start-Ups versuchen zurzeit ihr Glück. Für eine Stadt mit nur 405.000 Einwohnern ist das beachtlich. Das Start-Up-Ökosystem lebt auch von gezielten Finanzspritzen. Etwa hat Itai Klein eine Starthilfe von 50.000 US-Dollar von der Stadt geliehen bekommen. Das Geld darf er wiederum nur für israelische Fachkräfte ausgeben, die sein Start-Up weiterentwickeln.

Für Avner Warner ist die Förderung von Innnovation und Start-Up-Kultur in Tel Aviv auch eine Antwort auf eine transnational orientierte Welt, die sich immer mehr in Großstädten abspielt. "Wenn man heute auf die globale Finanzwirtschaft schaut, sieht man keine Länder, sondern Städte", sagt Warner. "In diesen Städten steckt eine Menge Talent. Ein gutes urbanes Ökosystem ist eben extrem wichtig, wenn man dieses Talent nutzen will."

Nach Besuchen in Metropolen wie New York und London macht das globale Netzwerk "DLD" (Digital - Life - Design) diese Woche auch in Tel Aviv halt und bringt in einem Festival israelische und internationale Stars der High-Tech- und Innovationsszene zusammen. Teil des Festivals ist ein Start-Up-Bizcamp für europäische Jungunternehmer, die von Israel lernen wollen. Einer von ihnen ist der junge Informatiker Christian Kulas aus Deutschland. Sein Start-Up "Yones" will Internet-Nachrichtenseiten so personalisieren, dass jeder Leser nur mehr die Nachrichten am Bildschirm sieht, für die er sich auch interessiert.

"Neben Silicon Valley ist Tel Aviv das Herz der Start-Up-Szene", sagt der aufgeweckte Jungunternehmer. Und im Gegensatz zu Deutschland, wo Firmenchefs außer Reichweite seien, fühle sich Tel Aviv jedenfalls an wie "eine kleine Familie". Und diese Familie macht ordentlich Geld, auch wenn die meisten Start-Ups letztlich scheitern.

Pioneers-Festival in Wien

Vom 29. bis 31. Oktober wird Wien zur Start-Up-Hauptstadt. Vier Tage lang dreht sich alles um die Internet-Branche, um High-Tech und Jungunternehmer.

Adam Cheyer, der Erfinder der Siri-Sprachsteuerungssoftware für das iPhone, oder Investoren wie Esther Dyson sollen den Nachwuchs inspirieren.

Vier Tage haben Jungunternehmer die Chance, mit ihren Vorbildern zu diskutieren und auch zu feiern. Denn wie es sich für die quirlige Branche gehört, sind den Teilnehmern Partys ebenso wichtig wie Paneldiskussionen.