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Gewalt eskaliert, zwingend

Von Walter Hämmerle

Leitartikel
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Es gibt keinen kontrollierten Krieg, keine wie immer begrenzte Gewaltanwendung zwischen zwei hochgerüsteten Gruppen, seien dies Staaten, Separatisten oder Terroristen. Das führt die Flugzeugtragödie im Osten der Ukraine, bei der rund 300 Menschen starben, allen vor Augen, die glauben, dass die fatale Dynamik von Gewalt und Gegengewalt nach Bedarf und politischem Gutdünken dosiert werden kann.

Bei dem Absturz der malaysischen Passagiermaschine spricht (zumindest bis zum Redaktionsschluss) die überwiegende Zahl der Hinweise dafür, dass es sich um einen Abschuss gehandelt hat; von wem muss noch offen bleiben, auch wenn der erste Verdacht auf die schlecht geschulten Separatisten fallen muss. Es war wohl keine gezielte Aktion, sondern unbeabsichtigt, verursacht von einer Kette von Fehlleistungen. Der Abschuss eines ukrainischen Kampfjets, wie er am Donnerstagvormittag berichtet wurde, liegt in der Logik dieses Kriegs zwischen der Zentralregierung und den von Moskau unterstützten Separatisten, nicht jedoch der Tod von so vielen völlig unbeteiligten Menschen an Bord einer zivilen Linienmaschine.

Jetzt, wo diese Tragödie geschehen ist, zeigt sich umso deutlicher, wie sehr der Westen, Europa insbesondere, versagt hat, entschlossen einzugreifen. Es wurde appelliert, laviert und ein bisschen gehandelt - alles in der Hoffnung, Moskau werde schon gewisse Grenzen der Eskalation nicht überschreiten und auf die Separatisten mäßigend einwirken. Man konnte und wollte nicht glauben, dass nur wenige hundert Kilometer entfernt von der EU-Außengrenze ein Krieg tobt. Der steigende Blutzoll bei Zivilisten ist ein hoher Preis, den wir für diese politische Unentschlossenheit berappen.

In dieses Bild passt auch die Aussage eines Vertreters der Europäischen Flugsicherung, wonach der Luftraum auch nach dem Unglück offenbleibt: "Aktuell haben wir keinen Anlass für eine Sperrung." Hunderte Passagierflugzeuge überfliegen demnach täglich in einer Höhe von über zehn Kilometer die Region. Die Behörde will nun den Vorfall überprüfen.

So lange wollten zahlreiche Fluglinien nicht warten: Noch am Abend erklärten sie, bis auf Weiteres die Flugroute über der Kriegsregion zu meiden. Das zeugt von deutlich mehr Realitätssinn für die Sorgen der Flugpassagiere, als es die Bürokraten aufzubringen imstande sind.