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Ghana im Erdöl-Jubel

Von Konstanze Walther

Wirtschaft

120.000 Barrel täglich gefördert. | Nigeria dient Politik und Bevölkerung als Negativ-Beispiel. | Wien/Accra. In Ghana war die Freude Mitte der Woche groß. Beim Festakt zogen sich die Tänzerinnen Gummistiefeln an und trugen die Wachs-Jacken der Ölfeld-Arbeiter über den bunten Kostümen. 2007 wurden größere Ölvorkommen vor der Küste Ghanas gefunden - am Mittwoch wurde nun das Ölfeld "Jubel" ("Jubilee") offiziell eröffnet. Damit tritt Ghana nun in die Riege der ölexportierenden Länder.


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"Das ist eine von Gott geschenkte Ressource, die allen Ghanaern gehört, inklusive den noch ungeborenen Generationen", erklärte Ghanas Präsident John Evans Atta Mills anlässlich des Beginns der Förderung. "Ich habe immer gesagt, und werde es weiter sagen, dass das Geld aus dem Öl allen Ghanaern zugute kommen wird, und nicht nur ein paar wenigen."

Das Ölfeld wird auf ein Volumen von 1,8 Milliarden Barrel geschätzt, seit Mittwoch werden 120.000 Barrel pro Tag gefördert, in drei Jahren soll sich die Produktion auf 250.000 Barrel pro Tag mehr als verdoppeln. Im Jänner beginnt der Export. Wie viel letztlich für den Staat abfällt, ist unklar. Die Schätzungen bewegen sich zwischen 400 Millionen und einer Milliarde Dollar. So oder so viel Geld: Ghanas Haushalt beläuft sich derzeit auf 5 Milliarden. "Ein historischer Moment", jubelten Ghanas Regierungszeitungen, als der Präsident symbolisch die Ölproduktion eröffnete.

Die Vergangenheit hat allerdings gezeigt, dass Ölfunde in Entwicklungsländern nicht nur ein Segen sind. Besonders im nahe gelegenen Nigeria (mit einem geschätzten Ölvorkommen von rund 37 Milliarden Barrel) kommt es immer wieder zu gewalttätigen Angriffen von Rebellen: Pipelines werden mit Dynamit und Handgranaten zerstört, Arbeiter als Geiseln genommen. Grund dafür: Das Geld aus dem Öl fließt überall hin, außer in die Taschen des nigerianischen Volks. Aufgrund dieser Unzufriedenheit sympathisieren viele Nigerianer mit den Rebellen. Auch in Angola kam es nach dem Ölfund (13,5 Milliarden Barrel) zu bürgerkriegsartigen Zuständen.

"Die Chancen, dass es friedlich abläuft, sind in Ghana besser als in allen anderen afrikanischen Staaten, Südafrika mit eingeschlossen", glaubt Walter Schicho, Vorstand des Wiener Afrikanistik-Instituts. Bei der Demokratisierung ist Ghana das fortschrittlichste Land in Afrika.

Zu einer ähnlichen Schlussfolgerung kommt auch das Forschungsinstitut Giga in Hamburg. "Das Land ist stabil und es gibt auch ein relativ großes Problembewusstsein, die Zivilgesellschaft ist relativ stark, auch weil das Beispiel Nigeria als Abschreckung funktioniert", meint Ghana-Experte Sebastian Elischer von Giga (ehemals "Übersee"-Institut). Elischer gibt zudem zu bedenken, dass die Ölvorräte vergleichsweise gering sind und Ghana als zweitgrößter Goldexporteur Afrikas schon Erfahrungen im Handel hat.

Korruption als Gefahr

"Die viel größere Gefahr ist Korruption und Intransparenz, und dass das Geld vor allem in die Gehälter von Beamten und Militär fließt", erklärt Elischer im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", und erinnert daran, dass es in der Vergangenheit immer wieder Militärcoups in Ghana gegeben hat. Vergangenen Monat wurde in Accra der "Ghana Petrol Revenue Management Act" verabschiedet: ein Gesetz zur Verwaltung der Öl-Gelder. Im zuständigen Gremium sitzen nur Personen, die der Präsident direkt ernennt. Aber das Gesetz selbst enthält keinen Verteilungsschlüssel - es lässt offen, was mit den Geldern passieren wird. "Das ist nicht gut", konstatiert Elischer.

Auch können Ölgewinne in Zukunft als Sicherheit für Kredite genutzt werden. In näherer Zukunft schließt Afrika-Forscher Elischer einen Bürgerkrieg aus. Doch es könnte zu Konflikten kommen, wenn sich Ghanas Bevölkerung hintergangen fühlt. Schon jetzt ist es ein Problem, dass die meisten Öl-Arbeiter von dem irischen Förderunternehmen Tullow Oil gestellt werden: Für die Ghanaer entstehen maximal 1500 Arbeitsplätze direkt, da das Land nicht über genügend qualifizierte Kräfte verfügt.

Eine beunruhigende Entwicklung ist, dass laut der nationalen Kommission für Handfeuerwaffen der Besitz von Pistolen in den Ölfördergebieten zugenommen hat. "Das kann aber mehrere Gründe haben", meint Elischer.