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Gift-Boykott wirkt

Von WZ-Korrespondent John Dyer

Politik

Niedrigster Stand an Hinrichtungen in den USA in zwei Jahrzehnten.


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Washington/Brüssel. US-amerikanische Straftäter müssen heute weniger häufig mit der Todesstrafe rechnen als in vergangenen Jahrzehnten. Einer der Gründe dafür ist der europäische Lieferboykott von Giftspritzen, wie ein Informationszentrum gegen die Todesstrafe in Washington herausfand. Weitere gewichtige Gründe sind die geringer werdende Akzeptanz von Hinrichtungen in Teilen der US-Öffentlichkeit, die Besorgnis angesichts von Fehlern bei Ermittlungen und Verurteilungen und vor allem der Trend zu mehr lebenslangen Haftstrafen ohne irgendeine Form der Bewährung.

In diesem Jahr sind bisher 39 Menschen in den USA hingerichtet worden, ein Rückgang um zehn Prozent gegenüber 2012. Richter verhängten 80 Todesurteile, davon 24 in Kalifornien und 15 in Florida. 2004 wurden noch 315 Todesstrafen ausgesprochen. Richter oder Staatsgouverneure haben in 33 Fällen die Vollstreckung einer Todesstrafe ausgesetzt. Im April, das sind die letzten verfügbaren Zahlen, saßen 3108 Verurteilte in den Todeszellen von US-Gefängnissen. Auch das sind zwei Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Von 50 Bundesstaaten haben 18 die Todesstrafe abgeschafft - Maryland erst in diesem Frühjahr.

"Vor 20 Jahren nahm die Zahl der Todesurteile zu. Jetzt gehen sie fast überall zurück", sagt Richard Dieter, Geschäftsführer des Death Penalty Information Center (DPIC) in Washington. "Die wiederholten Probleme mit der Todesstrafe haben ihre Durchführung seltener gemacht, vereinzelter und sie wird oft jahrzehntelang ausgesetzt." Und immer mehr Bundesstaaten überlegten, ob man diese teure und ineffiziente Praxis nicht abschaffen sollte, sagte Dieter.

Fast 60 Prozent der diesjährigen Hinrichtungen wurden in Texas und Florida ausgeführt. In Texas alleine wurden mehr Verurteilte hingerichtet als in jedem anderen Bundesstaat. Dort haben Richter in diesem Jahr allerdings "nur" neun Menschen zum Tode verurteilt - 2000 sind noch 40 solcher Urteile ausgesprochen worden.

Ein wichtiger Grund dafür, dass von texanischen Gerichten weniger Todesurteile verhängt werden, ist die Möglichkeit, lebenslange Haft ohne Bewährung zu verhängen, erklärt Rechtsprofessor Douglas Berman von der Ohio State University. "Lebenslang ohne Bewährung ist der wichtigste Einzelgrund für den Rückgang der Todesurteile in den vergangenen 15 Jahren", meint Berman.

Mehrheit der US-Amerikaner weiterhin für Hinrichtungen

Mit Ausnahme von Virginia benutzen alle Bundesstaaten einen Cocktail tödlicher Gifte, um Verbrecher hinzurichten. Diese Giftmischung ist allerdings in den USA schwerer zu bekommen, seit Europa Hindernisse für den Export errichtet hat. Der Hersteller von Pentobarbital, die dänische Firma Lundbeck, weigert sich, die Todesdroge für den Einsatz bei Hinrichtungen zu verkaufen.

Nachdem Missouri zwei Verurteilte mit Narkosemitteln hinrichten wollte, prüfte die Europäische Union ein Exportverbot. "Viele der in tödlichen Injektionen verwendeten Gifte werden in Europa hergestellt", hält der DPIC-Report fest. "Dort hat die Ablehnung der Todesstrafe zu einem Exportverbot für Exekutions-Gifte geführt." Ohio und Texas lassen sich ihren Henkers-Cocktail inzwischen jedoch in heimischen Apotheken zusammenmixen.

Die Mehrheit der Amerikaner ist für die Hinrichtung als Höchststrafe. "Etwa die Hälfte der Bevölkerung denkt, diese Strafe sollte viel öfter verhängt werden", sagt Berman unter Berufung auf Umfragen. Im vergangenen Jahr haben die Bürger Kaliforniens in einer Volksbefragung den Vorschlag zur Abschaffung der Todesstrafe abgelehnt.