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Giuliano Amato gibt für Francesco Rutelli auf

Von Rainer Mayerhofer

Politik

Rom - Die Nachricht, dass Regierungschef Giuliano Amato ihn zum Spitzenkandidaten des Mitte-Links-Bündnisses Ulivo für die im nächsten Jahr stattfindenden Parlamentswahlen vorgeschlagen hat, erreichte den römischen Bürgermeister Francesco Rutelli in der Nacht zum Dienstag auf dem Flug zu den Olympischen Spielen in Sydney bei einer Zwischenlandung in Bangkok. Das Tauziehen um die Frage, wer dem sich siegessicher gebenden Oppositionschef Silvio Berlusconi im kommenden Jahr gegenüberstehen wird, sollte ursprünglich Mitte Oktober entschieden werden.


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Amato, dem in Umfragen nicht allzu große Chancen eingeräumt wurden, aus dem Duell mit Berlusconi als Sieger hervorzugehen, hatte seinen Rückzug Montag Abend in der populären Fernsehsendung "Porta a Porta" (Von Tür zu Tür) bekanntgegeben. Den Entschluss dazu habe er einen Tag zuvor auf dem Heimflug von Lissabon in einem Gespräch mit seiner Frau gefasst, sagte der Premierminister, der aber noch bis zum Ende der Legislaturperiode im Frühjahr 2001 im Amt bleiben will.

Amato beendete mit seiner Ankündigung die Auseinandersetzungen innerhalb seines aus neun Parteien bestehenden Regierungsbündnisses, das von der Partei der Kommunisten bis zu christdemokratischen Gruppen reicht. Seit Wochen wurde nämlich nur mehr über die Frage der Spitzenkandidatur debattiert und die guten Erfolge des Wirtschaftsfachmannes Amato, dem politisches Charisma fehlt, fanden kaum mehr Beachtung. Es zeichnete sich auch bereits ab, dass im Fall einer Kandidatur von Amato dessen Vergangenheit als enger Mitarbeiter des verstorbenen früheren italienischen SP-Chefs Bettino Craxi ein Hauptangriffsthema der Opposition werden könnte.

Entsprechend atmeten die Koalitionspartner nach der Ankündigung Amatos, Rutelli das Feld zu überlassen auf. Der Chef der größten Regierungspartei, der Linksdemokrat Walter Veltroni sprach von einem Beweis persönlichen Desinteresses, der Verantwortung für das Mitte-Links-Bündnis und von staatsmännischem Verhalten des Premiers. Der Vorsitzende der Volkspartei, Castagnetti, forderte die Regierungskoalition auf, nun nicht einen einzigen weiteren Tag zu verlieren.

Naturgemäß anders reagierte die Opposition, die sich nun vor einem neuen Szenario sieht. Er werde sich durch Rutelli nicht einschüchtern lassen, meinte Silvio Berlusconi, für den sich "überhaupt nichts ändert". "Die Linke hat nicht den Mut, sich mit ihrem wahren Gesicht zu zeigen und sucht daher Kandidaten, die nur eine Fassade sind. Sie haben aber gegen uns keine Chancen" sekundierte ihm sein Fraktionschef im Senat, Enrico La Loggia. Er meinte, dass die Ulivo-Koalition weiterhin nach dem Prinzip "benutze und wirf weg" arbeite und nun nach Prodi und D´Alema eben Amato an der Reihe sei. Vorsichtiger äußerte sich der Chef der Alleanza Nazionale, Gianfranco Fini: "Amato, der den Bürgermeister von Rom krönt? Ich sehe darin nichts Neues". Nur Umberto Bossi, der wortgewaltige Parteichef der Lega Nord, der neuerdings überall Verschwörungen von Freimaurern und Homosexuellen wittert, ließ sich zu einer Wortspende hinreißen, die unter die Gürtellinie zielt: "Rutelli wird jetzt überall Gay-Pride machen", meinte er in Anspielung auf die im Sommer in Rom abgehaltene Homosexuellenveranstaltung, die im Vorfeld heftig vom Vatikan und rechten Gruppierungen bekämpft worden war.

Rutelli, der der Prodi-Partei "Demokraten" angehört, begrüßte die Ankündigung seines bisherigen Mitbewerbers um die Premierskandidatur als den Schritt eines wahren Ehrenmannes. "Es ist eine Ehre, aber es wird sehr hart werden" sagte er zu seiner neuen Aufgabe. In den Meinungsumfragen werden dem smarten Bürgermeister von Rom, der mit einer Spitzenjournalistin verheiratet ist und als Bürgermeister sehr gute Figur gemacht hat, jedenfalls mehr Chancen eingeräumt, den Ansturm der rechten Opposition abzuwehren als dem derzeitigen Ministerpräsidenten.