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Globalisierung treibt Fusionswelle an

Von Peter Lessmann

Wirtschaft

Sie schmieden Allianzen und Fusionen, schließen sich zu Branchenriesen zusammen und drücken auf die Kostentube: Kein Tag vergeht, an dem nicht irgendwo in der Welt ein Zusammenschluss von | Unternehmen Schlagzeilen macht. Von Telecom Italia/Olivetti, über MCI Worldcom/Sprint, Viacom/CBS bis zu Veba/Viag, Deutsche Bank/Bankers Trust und Hoechst/Rhone Poulenc · die Liste der spektakulären | Firmenhochzeiten 1999 ist lang. Die "Fusionitis" hat alle Branchen erfasst.


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Als Hauptmotiv der Konzentrationswelle wird immer wieder ein Argument genannt: "Fusionen sind angetrieben durch die Globalisierung der Märkte", sagt Christian von Weizsäcker,

Ökonomieprofessor an der Universität Köln. Bei den Zusammenschlüssen ginge es den Unternehmen um eine Vergrößerung ihrer Absatzmärkte und Synergien. Die Freiheit des Kapitalverkehrs, der Binnenmarkt

in Europa und das Fallen der nationalen Barrieren machen's möglich.

In die vergrößerten Märkte wollten die Unternehmen hineinwachsen, begründet Ulrich Hombrecher, Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Düsseldorfer WestLB, den Fusionstrend. In Europa hat nach

seiner Meinung vor allem die Währungsunion diesen Prozess beschleunigt. Die Globalisierung, meint auch Unternehmensberater Roland Berger, zwinge die Unternehmen, sich Größenvorteile zu sicheren und

im Verbund neue Regionen zu erschließen.

Welche Dynamik das Fusionsgeschäft angenommen hat, verrät ein Blick auf die Zahlen: Nach einer Studie des Institute for Mergers & Acquisitions (IMA) an der Privatuniversität Witten/Herdecke werden

Fusionen 1999 weltweit einen Wert von umgerechnet rund 28.142 Mrd. Schilling und damit Rekordniveau erreichen. 1992 lag die entsprechend Zahl noch bei knapp 3.500 Mrd. Schilling. In Europa

registrierten die IMA-Forscher in den ersten neun Monaten 1999 Zusammenschlüsse und Übernahmen in einem Transaktionsvolumen von mehr als 10 Bill. Schilling.

Den wesentlichen Antrieb der Fusionswelle in Europa sieht IMA-Gründer Stephan Jansen vor allem in der Deregulierung vieler Märkte wie die Energiewirtschaft und Telekommunikation. Während es in der

erstgenannten Branche darum geht, durch Marktanteilszukäufe in die Topliga der Großen aufzusteigen (EdF, Eni, RWE/VEW, Veba/Viag), rangeln in der dynamischen Wachstumsbranche Telekommunikation die

Marktgiganten noch um Führungspositionen.

Dabei geht es nur noch um die Alternative: Fressen oder Gefressen werden. Der Spruch, die Schnellen fressen die Langsamen, sagt Vorstandschef Ron Sommer von der Deutschen Telekom, gelte in der

Telekommunikation nicht. "Nur wer groß und schnell ist, kann sich am wirkungsvollsten gegen das Gefressenwerden schützen".

Und über alles wacht der Aktionär und fordert: Rendite, Rendite und nochmals Rendite. Steigerung des Shareholder Values und Konzentration auf das Kerngeschäft haben sich die Firmenchefs dick auf die

Fahnen geschrieben. Das Shareholder Value-Prinzip, also die Steigerung des Aktien- und Unternehmenswertes, sei eine Konsequenz des Informationszeitalters, meint Ökonom von Weizsäcker.

Die geographische Distanz sei heute kein Kommunikationshindernis mehr und für Kleinanleger organisierbar geworden - in Investmentfonds beispielsweise. "Hieraus entsteht die Macht des Aktionärs, die

die Macht der Manager abzulösen beginnt". Frei nach dem Prinzip Management by Shareholders. Dabei seien aus der Sicht des Aktionärs die Mittel des Unternehmens dann am besten investiert, wenn sie in

die Bereiche fließen, wo das Kern-Know-how liege.

Viele Unternehmen verschafften sich durch den Verkauf von Teilbereichen die liquiden Mittel für den Ausbau ihrer Kerngeschäfte. Von Weizsäcker: "Diese Entwicklungen schlagen sich nieder in einem Boom

bei den Investmentbanken, in einem Boom auf dem Gebiet der Fusionen einerseits und der Entflechtungen andererseits."

Doch längst nicht alle Fusionen halten, was sich die Firmenchefs von ihnen versprechen. Eine allzu einseitige Ausrichtung der Zusammenschlüsse auf Kosteneinsparungen berge Gefahren, sagt der IAM-

Gründer Jansen. Studien zeigten, dass mehr als 60% der Fusionen scheiterten oder nicht den erwarteten Erfolg zeigten.