Zum Hauptinhalt springen

Goldrausch aus Angst

Von Alexander Dworzak

Politik

Die Schweizer stimmen am Sonntag auch ab, ob die Nationalbank 20 Prozent ihrer Bilanz in Gold halten muss.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 9 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Zürich/Wien. Ein meterhoher Turm aus Gold steht inmitten einer idyllischen Bergkulisse. "Festung des soliden Geldes" steht darauf, flankiert von einem Schweizerkreuz. Doch die drei Schweizer darunter - alle in Tracht - sind gefesselt, während ein Bagger versucht, die Goldschätze des Landes abzubauen. Auf dem schweren Gerät sitzen Thomas Jordan, Chef der Schweizerischen Nationalbank (SNB), EZB-Präsident Mario Draghi, die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatschef François Hollande. So stellt sich die Initiative "Rettet unser Schweizer Gold" in einem Cartoon, veröffentlicht auf Facebook, die Lage vor: alleine, gegen das Establishment im In- und Ausland.

Tatsächlich stehen die Initiatoren der Sonntag stattfindenden Volksabstimmung zumindest parteipolitisch recht einsam da. Die im Parlament vertretenen Bundesparteien, von Sozialdemokraten und Grünen auf der Linken, über BDP, FDP und CVP aufseiten der liberalen und konservativ-moderaten Gruppierungen sagen Nein zu den Plänen der Gold-Initiative. Auch die nationalpopulistische Schweizerische Volkspartei Christoph Blochers schließt sich diesem an - was mehrere lokale Ableger und die Bundesparteijugend aber nicht an der Unterstützung der Gold-Pläne hindert. Diese sehen vor, dass die Schweizerische Nationalbank binnen fünf Jahren zumindest 20 Prozent ihrer Vermögenswerte in Gold halten muss. Zudem müsse der Goldbestand künftig zur Gänze in Schweizer Bunkern gelagert werden. Dadurch könne Volksvermögen auch in der "heutigen unsicheren Zeit" gesichert werden, meinen die Proponenten.

Dabei ist die Schweiz in genau jener "unsicheren Zeit" glimpflich davongekommen: Zum Beispiel herrscht weiterhin Vollbeschäftigung, die Arbeitslosenquote betrug im Oktober 3,1 Prozent. Zum Vergleich: Im EU-Schnitt waren es 11,5 Prozent, ganz zu schweigen von Krisenländern wie Spanien und Griechenland. Doch der kontinuierliche Erfolg der Eidgenossen sorgte seit Inkrafttreten der Personenfreizügigkeit in den vergangenen zwölf Jahren für starke Zuwanderung aus der Union. Mittlerweile hat fast jeder vierte der knapp mehr als acht Millionen Einwohner Migrationshintergrund. Viele Schweizer, insbesondere aus der Mittelschicht, fürchten daher den Abstieg aufgrund der überwiegend hochqualifizierten Zuwanderer. Oder sie sorgen sich, dass auch die Insel der Prosperität in den gesamteuropäischen Abwärtsstrudel gerät. Abgrenzung statt Kooperation lautet deren Devise.

Genau jene Klientel bedient "Rettet unser Schweizer Gold" nun. Oftmals handelt es sich bei den Sympathisanten um Personen in Vorständen und Umlandgemeinden. Abseits des Urbanen war bereits im Februar die Mehrheit für ein Ende der Personenfreizügigkeit, wodurch EU-Staatsangehörige, Norweger, Isländer und Liechtensteiner nicht weiter unbegrenzt in der Schweiz wohnen und arbeiten dürfen.

Kein sicherer Wert

Nichts symbolisiert den Wunsch nach Werthaltigkeit mehr als Gold. Für Stabilität, wie sie viele Bürger schätzen, sorgt das Edelmetall gerade nicht, sondern unterliegt starken Schwankungen. Der Kurs für eine Feinunze lag im Jahr 2008 noch um 1000 Dollar (die Notierung erfolgt in der Währung) und erfuhr im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise einen Boom. Mittlerweile bewegt sich der Kurs knapp unter 1200 Dollar. Derzeit hält die SNB sieben Prozent ihrer Bilanz über 522 Milliarden Franken (434 Milliarden Euro) in Gold. Wäre die Nationalbank verpflichtet, auf 20 Prozent aufzustocken, müsste sie umgerechnet 54 Milliarden Euro investieren. Goldhändler und jene, die das Edelmetall bereits besitzen, dürften sich in diesem Fall über einen kräftigen Kurssprung freuen. Dabei verfügt bereits jetzt kein Land der Welt über so viel Gold pro Kopf.

Die Zürcher Notenbanker warnen daher eindringlich. Sie kauften in den vergangenen Jahren massenweise Anleihen und ermöglichten damit der Exportindustrie einen Wechselkurs von 1,20 Franken pro Euro. Diesen Richtwert verteidigte die SNB eisern, Währungsspekulanten hatten gegen sie keine Chance und verloren letztlich den Appetit an Franken-Wetten. Mit der Forderung der Initiative müssten die Banker nun jedes Mal, wenn sie ihre Bilanz erhöhen, auch entsprechende Goldkäufe tätigen - was den Handlungsspielraum der SNB enorm einschränken würde.

In der Bevölkerung zeichnet sich ein Nein zur Initiative ab; 47 Prozent sind laut SRG-Umfrage dagegen, 38 Prozent dafür und 15 Prozent noch unentschlossen. Wesentlich klarer ist die Ablehnung der Ecopop-Initiative, wonach die Zuwanderung auf nur mehr 16.000 Personen pro Jahr begrenzt werden soll (die "Wiener Zeitung" berichtete). Wie auch bei der Gold-Initiative dominiert hier das Bild einer Schweiz, die sich einigeln und abschotten muss. Dass das Land seine Prosperität nicht dem winzigen Heimatmarkt verdankt, verschweigen deren Proponenten dabei allzu gerne.