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Goldrausch in Afghanistan - werden aus Taliban sanfte Lithium-Scheichs?

Von Michael Schmölzer

Analysen

Kriegsgebeutelt und ausgeblutet - das sind die zwei Worte, die auf Afghanistan zutreffen: Ein unwirtliches Hochland, in dem es wenig zu holen gibt, das in einem mörderischen Krieg 1979 bis 1989 zuerst von den Invasionstruppen der UdSSR zerbombt, dann von den Taliban wirtschaftlich und kulturell in die Steinzeit befördert wurde; ein Land, das jetzt unter der Kontrolle einer internationalen Schutztruppe wirtschaftlich und kulturell prosperieren sollte - es aber nicht tut.


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Vielmehr gelingt es der von den USA geführten Isaf nicht, das Land zu befrieden. Kaum ein Tag, an dem es nicht zu Anschlägen und Gefechten mit den Islamisten kommt. Die afghanische Armee ist korrupt, ihre Mitglieder stehen oft auf der Gehaltsliste der Taliban. Die Gotteskrieger sollen jetzt zwar in die künftige Führung des Landes integriert werden - tun aber alles, um die westliche Aufbauarbeit zu sabotieren. Straßen und andere Bauprojekte, die mit internationalem Geld errichtet wurden, werden regelmäßig in die Luft gejagt.

Der Blutzoll steigt, US-Präsident Barack Obama sucht verzweifelt nach Perspektiven für Afghanistan, nach einer Möglichkeit, in der er sagen kann: "Es war nicht alles umsonst."

In diese Situation platzt die Jubelmeldung: US-Geologen wollen unter Leitung des Pentagons gigantische Rohstoffvorkommen entdeckt haben. Es gebe hier Kupfer, Eisen, Gold und Lithium in Massen zu schürfen, die Ressourcen seien eine Billion Dollar wert. Afghanistan könnte zum "Saudi-Arabien des Lithiums" werden, wird in Washington frohlockt (kein Mobiltelefon und kein Laptop kommt ohne diesen Rohstoff aus). US-General David Petraeus - er ist militärisch für Afghanistan zuständig - spricht von "atemberaubenden Möglichkeiten" auch für den Westen, der diese Rohstoffe braucht und bald kräftig investieren könnte. Das Pentagon meint, die Funde könnten dem Krieg die entscheidende Wende geben.

Die Folgen des Rohstoff-Segens - so er überhaupt kommt - sind aber fraglich: Wird der plötzliche Geldregen aus fundamentalistisch-brutalen Taliban pragmatische Lithium-Scheichs machen? Oder wird der Goldrausch Afghanistan, wenn es nach dem US-Abzug in rivalisierende Stämme und Clans zerfällt, wenn Taliban und skrupellose Warlords um die Macht kämpfen, noch tiefer ins Unglück stürzen? Aus Afrika weiß man, dass die Kombination aus wertvollen Bodenschätzen, einem verarmten Land und rivalisierenden ethnischen Gruppen nur zu oft blutige Kriege, Verteibungen und Verbrechen an wehrlosen Zivilisten zur Folge hat.

Siehe auch:Afghanen sitzen auf Riesenschatz