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Gott fürchten - und sonst noch einiges

Von Markus Kauffmann

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Markus Kauffmann , seit 22 Jahren Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

Wirtschaftslage, Arbeitslosigkeit, Teuerung, Katastrophen, Hilflosigkeit im Alter, überforderte Politiker und Erkrankung - das sind derzeit die sieben Hauptängste der Deutschen.


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Auf einer Deutschlandreise im Jahre 1955 sah ich in Bremerhaven die Reklametafel einer Firma "Schlotterhose". An diesen merkwürdigen Namen erinnerte ich mich, als vorgestern eine der größten deutschen Versicherungen eine Studie über die "Ängste der Deutschen" der Öffentlichkeit präsentierte.

Niemand weiß besser, dass man solche Ängste ernst nehmen muss, als Versicherungsunternehmen, die ja ihr ganzes Geschäft darauf aufbauen. Und klar ist auch, dass subjektive Ängste und tatsächliche Gefahren oft weit auseinander liegen. Augenfällig wird dies bei der Flugangst, die uns trotz der Erkenntnis befällt, dass Fliegen die sicherste Fortbewegung bietet. Objektiv scheitert jede dritte Ehe; subjektiv hingegen befürchten nur 16 Prozent der Deutschen ein Zerbrechen ihrer Partnerschaft.

Schon seit 19 Jahren untersucht die genossenschaftliche R+V Versicherung das Angstklima anhand repräsentativer Befragungen von rund 2400 Deutschen. Und legt jedes Jahr die Essenz ihrer Studien vor. Dabei sind die Einzelergebnisse gar nicht so rasend interessant. Erst durch den Vergleich mit früheren Befragungen und regionalen Unterschieden führen die Zahlen zu durchaus aufschlussreichen Erkenntnissen.

Es überrascht niemanden, dass im dritten Jahr der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise die ökonomische Entwicklung den meisten Menschen in Deutschland Sorgen bereitet. Mit 66 Prozent Nennungen führt sie die Angstliste an, gefolgt von weiteren Wirtschaftsängsten, wie etwa vor Arbeitslosigkeit und höheren Preisen. Hier zeigen sich zum Teil irrationale Reaktionen, denn die Krise hat bislang kaum den deutschen Arbeitsmarkt erreicht und die Preise sinken sogar.

Widersprüchlich ist auch, dass zwar zwei von drei Befragten höhere Arbeitslosenzahlen fürchten, aber nicht einmal jeder Zweite sorgt sich um den eigenen Arbeitsplatz.

1991, zu Beginn der Langzeitstudie - der einzigen in Deutschland -, führte noch die Angst vor Spannungen mit Ausländern die negative Hitliste an. Heute rangiert sie unter "ferner liefen". Steigende Lebenshaltungskosten hingegen, die seit fünf Jahren Schrecken Nummer eins waren, sackten heuer gleich auf den dritten Platz ab.

Leider weist die Studie nur auf erhebliche regionale Unterschiede hin, erklärt sie aber nicht. So bleibt die Frage offen, warum ausgerechnet ein so strukturschwaches Land wie Thüringen eine optimistische Bevölkerung hat, während in den wirtschaftsstarken Regionen Hessen und Bayern die Lage viel skeptischer gesehen wird. Am meisten Angst haben die gstandenen Bayern allerdings vor Naturkatastrophen.

Die Furcht vor Terrorismus ist um fünf Prozentpunkte gestiegen, die Angst vor Drogen- und Alkoholsucht bei Kindern erreicht mit 34 Prozent den geringsten Wert seit 1994. Frauen sind ängstlicher als Männer, 40- bis 59-Jährige sorgen sich mehr als die über 60-Jährigen. Altersarmut scheint kein Thema mehr zu sein.

Spannend ist auch die Frage, warum trotz weltweiter Krise das "Angstniveau" der Deutschen im Durchschnitt nicht gestiegen ist. Einer der Präsentatoren der Studie, Manfred Schmidt, Politologe und Professor an der Universität Heidelberg, nennt als einen der Gründe das staatliche Krisenmanagement und die sozialstaatlichen Programme (zum Beispiel Kurzarbeit). Und dies, obwohl mehr als jeder Zweite die Politiker für überfordert hält.

Insgesamt bleiben die Deutschen auch in der Krise relativ gelassen, kommt die Studie zum Schluss. Also doch kein Volk von Schlotterhosen.