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"Gott schütze Österreich und die EU"

Von Katharina Schmidt

Politik

Rednerliste hochkarätig: Ludwig Steiner, Heiner Schuschnigg und Otto von Habsburg als Zeitzeugen. | Kaiser-Sohn sieht Österreich als erstes Opfer der Nationalsozialisten. | Wien. "Gott schütze Österreich." Jene Worte, mit denen sich einst Bundeskanzler Kurt Schuschnigg von den Österreichern verabschiedet hatte, waren das Motto der ÖVP-Gedenkveranstaltung an den Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland 1938.


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Zu der rund dreistündigen Feier kamen am Montag an die 1400 Gäste - wegen Überfüllung mussten einige aus dem historischen Reichsratssitzungssaal in den Nationalratssitzungssaal ausweichen und die Reden über Videoleinwand verfolgen. Laut dem Zweiten Nationalratspräsidenten Michael Spindelegger war die Feier "die größte, die dieses Parlament je gesehen hat". Die Liste der Redner war dementsprechend ebenso lang wie hochkarätig: Neben Spindelegger, Vizekanzler Wilhelm Molterer und Klubchef Wolfgang Schüssel kamen auch Ex-Staatssekretär Ludwig Steiner, der Neffe von Kurt Schuschnigg und - quasi als gekrönter Abschluss - Otto von Habsburg zu Wort.

Der 95-jährige Sohn des letzten Kaisers sorgte für Applaus, als er zur Debatte um eine Mitschuld Österreichs am Anschluss erklärte, es gebe "keinen Staat in Europa, der mehr Rechte hat, sich als Opfer zu bezeichnen, als Österreich". Wohlweislich hielten sich die anwesenden ÖVP-Minister hier mit ihrem Beifall zurück - immerhin ist die Opfer-These nicht nur unter Historikern heftig umstritten. Doch Habsburg ließ sich nicht beirren: Unter Schuschniggs Vorgänger Engelbert Dollfuß habe es noch echte österreichische Patrioten gegeben, meinte er. Und: Schuschnigg habe mit der geplanten Volksabstimmung selbst den Einmarsch der Nazis provoziert.

"Waren bereit, wirklich

gegen die Nazis zu kämpfen"

Ganz anders sieht das freilich Heiner Schuschnigg, der Neffe des Ex-Kanzlers. Sein Onkel sei sich zwar von Anfang bewusst gewesen, dass er den Nationalsozialismus nicht aufhalten konnte, habe aber auch gewusst, dass das NS-Regime nicht ewig anhalten würde, erklärte Schuschnigg. Dass das Militär 1938 keinen Schießbefehl gegen die Nazis erhielt, hat für den Kanzler-Neffen zwei wesentliche Gründe: Weder habe Schuschnigg mit ausländischer Hilfe rechnen können, noch seien die politischen Kräfte bereit gewesen, gegen die Nazis zusammenzuarbeiten, meinte er mit Seitenhieb auf die Sozialdemokraten.

Dass es mehr Opposition hätte geben müssen, glaubt hingegen Ludwig Steiner, der in Tirol selbst im Widerstand war. Vor der NS-Machtübernahme "waren wir bereit, wirklich zu kämpfen, und wir waren zutiefst verbittert, dass das nicht gemacht wurde", sagte Steiner in seiner Rede.

"Schattierungen der

Wahrheit" für Schüssel

Angesichts der unterschiedlichen Sichtweisen sprach Schüssel dann von "Schattierungen der Wahrheit". Es sei ein "dramatischer Fehler" gewesen, das Parlament auszuschalten, erklärte er und warnte davor, aus "kurzfristigen taktischen Gründen etwas zu tun, das das Staatsganze gefährdet". Die parlamentarische Demokratie dürfe nicht abgewertet werden, so der Klubchef.

Auch Vizekanzler Molterer wies betont deutlich auf den nötigen politischen Konsens hin. "Die zentrale Botschaft der Katastrophe von 1938 heißt: Wir haben die unbedingte Pflicht zum Miteinander", sagte er. Nachsatz: "Das findet niemand leicht."

Gegen den Politikfrust sprach sich denn auch Schüssel in seinem Schlusswort aus. Und - bevor man zu Bundeshymne, Wein und Brötchen überging - erklärte der Klubchef, wie wichtig die Europäische Union (unter den Gästen war übrigens auch Ex-Agrarkommissar Franz Fischler) als "Gegengift zu Populismus und Nationalismus" sei: "Gott schütze Österreich und die Europäische Union", schloss er.