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Gottschauen im Futtertrog

Von Wolfgang Machreich

Reflexionen
Gelebte Tradition: Eine Darstellung, die auf dem Krippenpfad am Wiener Rathausplatz zu sehen ist.
© Machreich

Warum sich die Krippe nicht von ihrem Stammplatz im Inventar des Weihnachtsfestes vertreiben lässt.


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Gott muss Humor und ein besonderes Faible fürs Handwerk haben. Warum hätte er ansonsten den Gottessohn in der Familie eines Zimmermanns zur Welt kommen und in einem aus rohen Brettern zusammengezimmerten Futtertrog seine erste Heimstatt finden lassen? Darüber hinaus inspiriert und motiviert diese zur Geburtsstation umfunktionierte Labestation für Nutztiere seit vielen Jahrhunderten unzählige Kinder, Damen und Herren Handwerker, eineinhalb Sätze des Evangeliums zu schnitzen, zu leimen, zu basteln: "... und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war."

Felix Culpa nennt die christliche Liturgie die "o glückliche Schuld, welche die Ursache war, dass wir einen so guten und so großen Erlöser haben". Ein Locus Felix ist dieser Logik folgend der Kreißstall in Bethlehem, ein der Hartherzigkeit der Ansässigen geschuldetes Nachtasyl, das wie kein zweiter Ort der Jesus-Tradition die künstlerische Fantasie beflügelt und zum kunstvollen Nachbau dieses göttlich-menschlichen, himmlisch-irdischen Wimmelbilds anregt.

Rudolf Berliner definierte Weihnachtskrippen 1955 als "Darstellungen mit der Geburt Christi verbundener Ereignisse, bei denen im wirklichen dreidimensionalen Raume möglichst körperlich und lebendig wirkende Figuren so verteilt sind, daß im Betrachter das Gefühl entsteht, ihnen selbst beizuwohnen". Was zur Folge hat, so der deutsche Pionier der Krippenforschung, dass im Betrachter "die religiösen Gefühle in jener Stärke erregt werden, die dem erlebten Wunder angemessen ist". Berliner gibt zu, dass seine Definition kompliziert ist, "aber das entspricht der uneinfachen Natur der Krippe".

Klimawandel und Krieg

Einen praktischeren Zugang wählt die Krippenbaumeisterin Monika Hopfgartner aus Bad Vigaun. Für sie geht es letztlich bei jeder Krippe darum, beschrieb sie unlängst im Lokalteil der "Salzburger Nachrichten" ihren zugleich künstlerischen wie spirituellen Anspruch, den besonderen Moment der Geburt Jesu einzufangen: "Es ist der Wow-Effekt, wenn in der Krippe plötzlich das Jesuskind drinnen liegt."

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Hopfgartner gehört zu einer Krippenbaumeister-Dynastie in dritter Generation. Bereits mit 18 Jahren bestand sie als jüngste Frau die Meisterprüfung. Gemeinsam mit ihren beiden Krippenbaumeister-Brüdern hat die Juristin über 100 Krippen gebaut. Unkonventionelle Zugänge zum Thema sind in ihren Krippenbaukursen erwünscht: "Wir hatten einmal eine Teilnehmerin, die ein Buswartehäuschen aus Wien zum Geburtsstadel für Jesus gemacht hat - gleich dahinter waren dann die Hochhäuser zu sehen."

Ein nicht üblicher Zugang zum Thema, den Ilse Ofner, die Obfrau des Wiener Krippenbauvereins, sehr begrüßt: "Krippenbau ist immer eine Traditionsfrage und jeder kann bauen, was er will, ganz andere Krippen sind uns aber sehr willkommen." Der Verein "Krippe Wien" stellt den Bastel-Interessierten Werkstatt, Materialien und Know-how zur Verfügung. Der gefragteste Krippentypus sei nach wie vor das Tiroler Haus, mit oder ohne Schnee, sagt Ofner. Manchmal stünden noch orientalische Krippen auf der Wunschliste. "Was uns aber sehr gefallen würde, wäre eine heimatliche an die Wiener Architektur angelehnte Krippe, denn die Wiener Innenhöfe geben krippenbautechnisch irrsinnig viel her." In Klosterneuburg ist in der heurigen Weihnachtszeit eine "Schuttkrippe" ausgestellt, "eine sehr interessante Krippe", sagt Ofner, die aus den armseligen Baustoffen der Nachkriegszeit zusammengestückelt wurde.

Dieser Sparsamkeitsgedanke prägt auch die diesjährige Krippe am Petersplatz in Rom. Sie stammt aus der Region Friaul, ist ganz aus Holz gebaut und mit handgeschnitzten Figuren aus recyceltem Zedernholz bestückt. Dass Weihnachtskrippen nicht weltfremd sind und einer Schnee-von-gestern-Idylle huldigen, beweist eine Szenerie der diesjährigen Krippenausstellung im Vatikan, die das Weihnachtsgeschehen ins Stahlwerk Azovstal in Mariupol stellt.

Gebaut wurde die Kriegskrippe von einer ukrainischen Ordensfrau aus Donezk. Andere Krippen zeigen den Klimawandel oder die Flucht über das Mittelmeer. Am Krippenpfad im Wiener Rathauspark, der von "Krippe Wien" gestaltet wird, waren vor drei Jahren nur Krippen mit Wien-Bezug zu sehen, sagt Vereinsobfrau Ofner. Heuer sind es Krippen, "bei denen das Krippenbautechnische im Hintergrund und die Figuren im Vordergrund stehen".

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Eine Rangordnung, die auch eine der Wurzeln der Krippentradition prägte: Bei seiner Weihnachtsfeier 1223 in einer Grotte im Wald des mittelitalienischen Klosters Greccio setzte Franz von Assisi als Verstärkung seiner Predigtworte mit Erlaubnis des Papstes auf die Kraft der Bilder. In Erinnerung an das Weihnachtsgeschehen stellte er eine Futterkrippe mit seinen Mitbrüdern als Darstellern inklusive Ochs und Esel auf. Zu dieser Art "Mysterienspiel" wird auch das 1162 urkundlich erwähnte "Herodesspiel" in Augsburg gezählt, oder die "Wiegenspiele" im Innviertel.

"Gefrorenes Theater"

Krippenspiele mit Marionetten waren im 14. Jahrhundert in Frankreich, Spanien und Italien verbreitet; in Frauenklöstern wurde die Figur des Jesuskindes - als eine Art Babyersatz, so die Deutung heutiger Zeit - "aus der Wiege genommen, umhalst und geküsst". Der deutsche Theologe und Frühaufklärer Sebastian Franck schrieb in seiner "Weltchronik" aus dem Jahr 1534: Am "fest der geburt christi / da hat man an vil orten seltzam spil / wiegen eyn hultzen kind oder götzlein in der kirchen".

Mittlerweile werden in der Forschung Krippenspiele nicht mehr als direkte Vorgänger der Weihnachtskrippe angesehen, die von ihrem Wesen her eine eigene zwischen Spiel und Gebilde angesiedelte Form darstellt. Krippenforscher Berliner beschreibt diese Mischkulanz als "gefrorenes Theater". Initiator der frühesten Krippe im heutigen Sinn ist für Berliner der Heilige Kajetan von Thiene. Der gründete in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts den Orden der Theatiner zum Ausmisten des klerikalen Saustalls in der römisch-katholischen Kirche. Als Kontrastprogramm und zur geistlichen Erbauung pflegte er in der Weihnachtszeit den Stall von Bethlehem zu bauen.

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1613/14 liest man von einem "weihnacht kripl" im fürstlichen Damenstift zu Innsbruck, für das aber erst im Jahr darauf die Heilige Familie und weiteres Personal angeschafft wurden. Ab 1577 bestellte Erzherzogin Maria von Steiermark das Krippen-Ensemble für die Szenen der Anbetung des Jesuskindes und seiner Beschneidung sowie die Darstellung des Letzten Abendmahles und der Pfingstereignisse. Als Mindestanforderung bestand sie auf anzukleidende Puppen, die sitzen, stehen und knien können.

"Ich mag kniende Mariendarstellungen nicht", zieht Wiener- Krippe-Obfrau Ilse Ofner eine rote Linie bei ihrer Auslegung der Krippen-Kunst: "Das ist so etwas von unrealistisch, warum soll Maria kurz nach der Geburt knien? Sie hat etwas geleistet und darf sich ausruhen. Außerdem kniet Maria eher nur im deutschsprachigen Raum - in Italien oder Spanien sitzt oder liegt sie meistens." Hinter dieser europaweiten und daran anschließenden weltweiten Verbreitung der Weihnachtskrippen steht der Jesuitenorden.

Die Jesuiten erkannten das pädagogische Potential der Krippen und nutzten diesen Anschauungsunterricht der Gottesgeburt im Menschen für Gegenreformation und Mission. Das theologische Fundament dafür legte 1619 der Jesuit Philipp de Berlaymont, der in seiner Rechtfertigung des Krippenbrauchs schreibt: "... das ganze ist so geschickt arrangiert, daß das Frömmigkeitsgefühl der Beschauer auf das lebhafteste erregt wird. Sie glauben, dem wunderbaren Ereignis selbst beizuwohnen, mit eigenen Ohren das Wimmern des Kindes und die himmlische Musik zu hören, mit eigenen Händen die Windeln zu betasten, und ein heiliger Schauder erfaßt sie."

Der Jesuit Jorge Mario Bergoglio hat als Papst Franziskus die Förderung der Weihnachtskrippe zur Chefsache erklärt und dieser Tradition sogar ein eigenes Apostolisches Schreiben "Admirabile signum" ("Wunderbares Zeichen") gewidmet. Diese Krippen-Wertschätzung von höchster Stelle war nicht immer selbstverständlich - nicht in der katholischen Kirche, nicht im Staat. In der Aufklärung kamen die volkstümlichen Krippendarstellungen unter säkularen Rechtfertigungsdruck.

Unter anderem Kaiser Joseph II. oder der Salzburger Erzbischof und "katholische Aufklärer" Hieronymus von Colloredo verboten den Popanz, ließen die Krippen aus öffentlichen Gebäuden und Kirchen verbannen - und förderten damit deren Einzug in den privaten Bereich. Bürger und Bauern ließen sich "ihre" Tradition nicht nehmen. Hauskrippen wurden zum fixen Weihnachtszeit-Inventar für das Stadtpalais genauso wie die Bauernstuben.

In der Hocke

Aktuell wird über ein Verbot von Weihnachtskrippen im öffentlichen Raum in Mexiko debattiert. Auch in Frankreich oder den USA poppt die Diskussion, ob Krippen auf "weltanschaulich neutralem Gebiet" stehen dürfen, in regelmäßigen Abständen auf. Für den US-Supreme-Court sind Krippen im öffentlichen Raum dann unproblematisch, wenn sie mit anderen "kulturellen Symbolen" wie Santa Claus, Weihnachtsbaum oder Schneemann erscheinen.

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Eine sehr spezielle kulturelle Begegnung bieten Weihnachtskrippen im spanischen Katalonien: Ansonsten dem üblichen Setting folgend, sitzt irgendwo im Gelände eine Figur in der Hocke - mit heruntergelassenen Hosen und einem großen braunen Haufen unter dem blanken Hintern. Der Caganer, das Scheißerchen, ist eine wahrscheinlich barocke Tradition, die für die Düngung des Bodens rund um die Krippe und für den ewigen Kreislauf des Lebens steht. Mittlerweile gehört es zum Brauch, den Caganer mit Gesichtszügen von prominenten Personen oder Familienmitgliedern auszustatten. Zur Freude der Bloßgestellten, denn die Caganer gelten als Glücksbringer. Es ist eine Ehre, als Scheißerchen dargestellt zu werden.

Auch Weihnachtskrippen in Kirchen haben irgendwo einen Caganer sitzen. Sogar Jesus gibt es in der Hocke, berichtet ein Spanien-Korrespondent, nur Gott selbst nicht, da hört sich bei aller Freude über Weihnachten der Spaß auf.

Wolfgang Machreich lebt als freier Autor und Journalist in Wien.