Grabsteine als Datenbanken

Von Robert Sedlaczek

Reflexionen

Der Wiener Tuchhändler Georg Gaugusch ist Genealoge aus Leidenschaft - und erforscht die Lebensläufe jüdischer Industrieller, die Österreichs Wirtschaft bis 1938 prägten.


Wohin das Auge schaut, ist Tradition und Gediegenheit zu verspüren. An einer Wand prangt der Doppeladler. Die Geschäftseinrichtung aus edlem Holz ist im Original erhalten, wer den Blick nach oben richtet, sieht ein beeindruckendes Deckengemälde: eine Allegorie auf den Seidenhandel; drei Putten symbolisieren den Weg von der Seidenraupe zum Stoff; der eine Kindsengel pflückt eine Raupe von einem Maulbeerbaum, der zweite spinnt einen Faden, der dritte hält den fertigen Stoff in der Hand.

Wir befinden uns im Tuchhaus "Wilhelm Jungmann & Neffe" im ersten Wiener Gemeindebezirk. Hier kauft man exquisite Schals, Krawatten und Schirme, außerdem edle Stoffe, aus denen Maßanzüge gefertigt werden.

Jolesch-Generationen

Als unser Taxi vor dem Geschäftslokal gehalten hatte, sahen wir auf der anderen Seite des Albertinaplatzes Menschen ins Museum strömen. Und das Erzherzog-Al-brecht-Reiterdenkmal vor der Stirnfront der Albertina hatte sich in den Schaufenstern des Tuchhauses gespiegelt.

Wir, d.h. Wolfgang Mayr, Melita Sedlaczek und ich, haben Georg Gaugusch bei unseren Recherchen für das Buch "Die Tante Jolesch und ihre Zeit" kennengelernt. Er half uns, mehrere Generationen der Familie Jolesch komplett aufzustellen - beginnend bei den Firmengründern Samuel und Sara Jolesch bis hin zu Franz Jolesch. Bei Friedrich Torberg fungierte "der Neffe Franzl" nur als Anekdotenlieferant, in Wirklichkeit war er eine schillernde Persönlichkeit: zu seinem Bekanntenkreis zählten Anton Kuh, Egon Erwin Kisch und andere Schriftsteller.

Gaugusch beim Rekonstruieren einer zerbrochenen Grabplatte.
© privat

Georg Gaugusch ist nicht nur Inhaber eines renommierten Tuchgeschäftes. In der Kulturszene hat er sich als Autor des Buches "Wer einmal war. Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800-1938" einen Namen gemacht. Der erste Band umfasst die Buchstaben A bis K und hat unglaubliche 1696 Seiten. Der zweite Band von L bis R mit 1456 Seiten Umfang ist kürzlich erschienen. (Der Buchtitel ist eine Analogie zu einem Werk von Sophie Lillie, "Was einmal war. Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen Wiens".)

Georg Gaugusch, Jahrgang 1974, besuchte zunächst die Höhere Bundeslehr- und Versuchsanstalt für chemische Industrie in der Rosensteingasse. Eine Professorin legte ihm ihre Dissertation als Beispiel vor, wie eine wissenschaftliche Arbeit abzufassen sei. "Ich erging mich damals weniger in der Struktur der Arbeit, vielmehr studierte ich den der Dissertation angeschlossenen Lebenslauf", schreibt Gaugusch im Vorwort des ersten Bandes von "Wer einmal war". "Dieser Lebenslauf begann mit ‚geborene M., geboren am . . . in Shanghai (China)‘. Frei von jeder Sachkenntnis gab mir das ein Rätsel auf. Auf jeden Fall traf ich zum ersten Mal bewusst auf ein Emigrantenschicksal, und mein Interesse war geweckt."

Nach Ableistung des Präsenzdienstes studierte Gaugusch Technische Chemie an der Technischen Universität Wien, musste jedoch feststellen, dass ihm dieses Fach fremd geworden war. Zu dieser Zeit plante eine Gruppe von Wiener Geschäftsleuten eine Ausstellung der k. u. k. Hoflieferanten. Die Firma "Wilhelm Jungmann & Neffe", die 1881 mit diesem Titel ausgezeichnet worden war, sollte in der Ausstellung nicht fehlen.

Verwehte Spuren

Also machte sich Georg Gaugusch an die Arbeit und stöberte in den alten Geschäftsunterlagen. Das traditionsreiche Unternehmen hatte sein Urgroßvater 1942 aus einer Insolvenz erworben, aber eine Firmengeschichte war nicht vorhanden. Er wusste allerdings, dass sich "Wilhelm Jungmann & Neffe" zu Zeiten der Monarchie als das führende Geschäft für die Damen des Hofes, der Aristokratie und des wohlhabenden Bürgertums etabliert hatte.

Georg Gaugusch im Kontor seines Wiener Tuchgeschäfts.
© Wilhelm Jungmann & Neffe

Die Firmengeschichte war schnell verfasst, doch der Impetus, verwehte Spuren sichtbar zu machen, sollte bleiben. Wer waren die Kunden von "Wilhelm Jungmann & Neffe" gewesen? Die aristokratischen Damen waren leicht den jeweiligen Familien zuzuordnen, aber mittendrin gab es Namen, die nicht auffindbar waren. Es waren Juden, die in der Shoa ermordet oder aus Österreich vertrieben wurden. Um diese der Vergessenheit zu entreißen, machte sich Georg Gaugusch auf die Suche nach jenen großen jüdischen Industriellen, die Österreichs Wirtschaftsleben bis 1938 entscheidend geprägt hatten.

Es ist fünf Jahre her, als uns die Geschlechterfolge der Familie Jolesch beschäftigte. "Wer war Julius Jolesch?", hatten wir Georg Gaugusch gefragt. "Wir wissen über den Onkel von Franz Jolesch recht wenig. Er hat eine Zeitlang das Familienunternehmen in Wiese bei Iglau geführt und dieses verlassen, um beim Großindustriellen Isidor Mautner als Geschäftsführer anzuheuern."

Gaugusch hatte uns in einen Nebenraum seines Lokals geführt und das Notebook angeworfen. Seine Finger flogen über die Tastatur, er hantelte sich von Datenbank zu Datenbank, Geburts-, Heirats- und Sterbedaten der Standesämter sowie Todesanzeigen in den Zeitungen waren genauso schnell auf dem Schirm wie Wohn- und Geschäftsadressen.

Immer wenn er etwas gefunden hatte, sprudelte es aus ihm nur so heraus: "Julius Jolesch liegt im Urnenhain in Wien begraben, sein Sohn Alexander starb 1972 im Alter von 83 Jahren . . . Julius Jolesch war mit Gisela Salacz verheiratet, deren Vater stammte aus Großwardein, das war im Osten der ungarischen Reichshälfte, heute liegt der Ort in Rumänien und heißt Oradea . . . Gisela war ein Einzelkind, die Eltern haben sich früh scheiden lassen . . ."

Zu Isodor Mautner machte er uns ein Angebot: "Im zweiten Band von ,Wer einmal war‘ werdet ihr ein ausführliches Kapitel über den Industriellen Isidor Mautner finden. Ich kann euch eine erste Fassung des Kapitels mailen."

Das Familienunternehmen der Mautners war ursprünglich in Nachod angesiedelt. Die Stadt im Nordwesten Tschechiens erfuhr im 19. Jahrhundert dank der sich dynamisch entwickelnden Textilindustrie einen Aufschwung. Die Familie Mautner zog schließlich nach Wien und begründete die Zentrale eines riesigen Textilkonzerns, dessen Geschäftsgebiet bald ganz Österreich-Ungarn umfassen sollte.

Arme & reiche Juden

Jetzt sitze ich dem Genealogen wieder gegenüber, in demselben Nebenraum seines Geschäftes. "Seit unserem letzten Gespräch hat sich viel geändert", sagt Gaugusch, "das Personenstandsgesetz 2014 erleichtert die Recherchen. Früher waren Standesamtsunterlagen generell für hundert Jahre gesperrt, jetzt sind die Sterbeakten nur noch für dreißig Jahre gesperrt. Ich glaube, das ist lang genug, eine ganze Generation. Schmerzhaft ist der Verlust des Matrikelamtes der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde. Mit der Pensionierung des letzten Matrikelführers wurde die Stelle aufgelöst und dem Gemeindearchiv eingegliedert. Dieses hat die Arbeiten mit den Originalmatrikeln streng reglementiert."

"Sie haben uns seinerzeit erzählt, dass die zuverlässigsten Daten auf den Grabsteinen zu finden sind . . ." - "Ich fahre nach wie vor mit meiner Frau (die Historikerin Marie-Theres Arnbom) von Friedhof zu Friedhof und fotografiere die Grabsteine der jüdischen Indus-triellen. Dadurch entsteht eine große Datenbank. Grabsteine sind eine hervorragende Quelle, die die mitunter fehlerhaften Angaben von Standesbeamten ergänzen. Aber leider sind viele jüdische Friedhöfe in einem katastrophalen Zustand." Manchmal sind die Grabsteine mit Efeu überwuchert und Gaugusch muss sich an die Inschriften erst heranarbeiten. Wenn Vandalen eine Grabplatte in mehrere Teile zerschlagen haben, setzt er die Reste wie ein Puzzle zusammen (siehe Abbildung unten).

"Was ist von dem oft zu hörenden Argument zu halten, dass besonders viele Unternehmen in jüdischer Hand waren?" - "Es gab nicht nur viele reiche Juden, sondern auch viele arme Juden, wie es auch in der Gesamtbevölkerung Reiche und Arme gibt. Der Anteil der jüdischen Unternehmer unter den Geschäftsleuten war allerdings tatsächlich hoch, und zwar deshalb, weil die Juden bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts kein Handwerk ausüben durften. Sie konnten also beispielsweise nicht Schuhmacher werden - aber eine Schuhfabrik durften sie gründen. Man könnte sagen: Die Antisemiten haben die Entwicklung des jüdischen Unternehmertums indirekt gefördert."

Dies war übrigens für breite Bevölkerungsschichten ein Segen. Die handgenähten Schuhe des Schuhmachers waren für sie unerschwinglich gewesen, die billigen Schuhe aus den Schuhfabriken konnten sie sich leisten.

Ähnlich wie den Handwerkern erging es den Absolventen des Jus-Studiums. Da eine Karriere im Staatsdienst unwahrscheinlich war, gründeten sie Rechtsanwaltskanzleien. Als die Nazis in Österreich die Herrschaft übernahmen, war dann die Zahl jener Rechtsanwälte, die in Konzentrationslager deportiert und dort ermordet wurden, besonders groß. Einer von ihnen war der Sozialdemokrat Dr. Hugo Sperber, der in Friedrich Torbergs Buch "Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten" mit vielen Bonmots zitiert wird.

Im Buch "Wer einmal war" wird ein Dr. jur. Josef Löwer erwähnt, Hofrat, Senatsvorsitzender und Richter in Wien. Als er 1932 starb, schrieb man auf den Grabstein: "Der erste Jude, der als Richter einem Wiener Gerichtshofe angehörte."

Sicher spielte es auch eine Rolle, dass in den jüdischen Familien Bildung großgeschrieben wurde. Man schaute darauf, dass die Söhne Jus oder Betriebswirtschaft studierten. Gaugusch: "Frei zu denken und initiativ zu sein, das war das oberste Gebot - stärker als in der Mehrheitsgesellschaft."

Auch Franz Jolesch wurde angehalten, an der Wiener Universität Jus zu studieren. Er sollte in der Lage sein, das Familienunternehmen in Wiese bei Iglau einmal zu übernehmen. Dass er sich in eine Kommunistin verliebte, diese heiratete und von seinem Vater enterbt wurde, passt irgendwie in das Bild.

Böse Unterstellungen

Die Christlichsozialen hingegen waren rigoros bildungsfeindlich. Der Katholik Gaugusch formuliert es so: "Es gab eine Grundstimmung im katholischen Etatismus, die dem liberalen Judentum diametral entgegengesetzt war: Der Staat soll alles regeln." Die Sozialdemokraten wiederum hefteten sich zwar das Thema Bildung an ihre Fahnen - möglichst viele Genossen sollten einen akademischen Grad erwerben -, doch dies war Selbstzweck. Gaugusch: "Es ging darum, die politischen und wirtschaftlichen Parteiinteressen mit Leuten aus den eigenen Reihen besser vertreten zu können."

Dass jüdische Unternehmer "die brutalsten Ausbeuter" gewesen wären, wie Antisemiten häufig behaupten, ist - so formuliert es Gaugusch wörtlich - "eine äußerst bösartige und gemeine Unterstellung". Bei seinen genealogischen Forschungen gewann er den Eindruck, dass es in den Unternehmen, die von Juden gegründet und geführt wurden, relativ selten zu Arbeitskämpfen kam. "In den Geschäftsberichten findet man oft Sätze wie: ,Wir sind stolz darauf, dass in den letzten sechs Jahrzehnten nicht gestreikt wurde.‘ Es gab in diesen Unternehmen auch besonders viele Sozialeinrichtungen für Arbeiter."

Das hatte auch unsere Recherche über die Familie Jolesch ergeben. Als Julius Jolesch im Jahr 1894 für Isidor Mautner in der Nähe von Rosenberg (ungarisch Rozsahegy, slowakisch Ruzomberok) am Rande eines Flusses eine riesige Textilfabrik errichtete, wurden Arbeiterhäuser und Schlafsäle errichtet, außerdem eine Bäckerei, eine Fleischerei, eine Selcherei, ein Konsumverein und eine Arbeiterküche. Hierbei ist es allerdings schwierig, die Grenze zwischen edler Gesinnung und wirtschaftlicher Notwendigkeit zu ziehen. Wenn ein Unternehmer eine Fabrik auf die grüne Wiese stellt, kommt er nicht umhin, für die Arbeiter auch eine Werkssiedlung samt Infrastruktur zu errichten.

Handfestere Hinweise auf das soziale Handeln jüdischer Unternehmer finden sich in "Wer einmal war", und zwar in großer Zahl. Als Beispiel soll hier Leopold Popper dienen. Er war zwischen 1860 und 1886 der bedeutendste Holzindustrielle Österreichs und Ungarns, lieferte sogar Holz für den Bau des Suezkanals.

In einem ministeriellen Antrag für eine Ordensverleihung ist von seiner "philantropischen und humanitären Gesinnung" die Rede. "Namhafte und zahlreiche Beträge spendete er für Schulzwecke, für Verunglückte und zur Unterstützung der hinterbliebenen Familien der gelegentlich der Okkupation Bosniens gefallenen Krieger, ferner zum Aufbau eines Armee-Hauses in Trencsin-Teplitz (heute Trenčianske Teplice in der Westslowakei) und zur Förderung des Industrie-Fachunterrichts. . ."

Außerdem war ihm die Benachteiligung der Mädchen im Schulsystem ein Dorn im Auge. "Zur Dotation der Trencsiner höheren Staatsschule für erwachsene Töchter leistete er jährlich einen bedeutenden Beitrag." Der Holzindustrielle und Großgrundbesitzer bekam die für ihn beantragten Orden, wurde schließlich in den Adelsstand erhoben und war fortan Leopold Freiherr Popper von Podrághy.

Für Georg Gaugusch sind derartige Hinweise weder Zufall noch Lobhudelei. "Wer eine Nobilitierung anstrebte, musste an Hand konkreter Beispiele ein soziales Engagement nachweisen, sonst wurde der Antrag abgelehnt. Unbescholten zu sein und ein wirtschaftlicher Erfolg reichten nicht aus."

Derartige Spenden kamen einem Staatsapparat gelegen, der für die Arbeiter und für die Armen recht wenig tat. Zu Beginn der Industrialisierung und auch noch einige Jahrzehnte darüber hinaus gab es keine Sozialversicherung. Erst als es vermehrt zu Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten kam, wurde 1887 eine Unfallversicherung geschaffen: Nur für Personen, die unmittelbar mit Maschinen zu tun hatten, wurde eine Verletztenrente und eine Hinterbliebenenrente auf die Beine gestellt. Die wenig später beschlossene Krankenversicherung galt nur für industrielle und gewerbliche Arbeiter und Angestellte, nicht für Landarbeiter.

Arbeit am dritten Band

Alle Unternehmer, nicht nur die jüdischen, hatten jahrzehntelang von einer 66-Stunden-Woche profitiert - elf Stunden Arbeit pro Tag bei nur einem freien Tag pro Woche - und von steuerlichen Rahmenbedingungen, die Unternehmergewinne praktisch ungeschoren ließen. Wer aus dieser Position heraus in einem besonderen Maße Gutes tat, der wird zurecht posthum vor den Vorhang gebeten.

Gaugusch arbeitet zurzeit am dritten und letzten Band von "Wer einmal war". "Ich hoffe, dass ich 2020 fertig bin. Im dritten Band wird es auch ein Namensregister geben und Nachträge zu den ersten zwei Bänden, auch die Familie Jolesch wird im dritten Band zu finden sein."

Das komplette Werk wird rund 4500 Seiten umfassen. Die nach genealogischem Prinzip zusammengefassten Stammbäume mit Geburts- und Sterbedaten sind für Laien nicht leicht zu lesen, aber mit etwas Übung ist es zu schaffen. Außerdem gibt es kurze einleitende Familiengeschichten mit Auszügen aus Nachrufen und Zeitungsberichten. Die Arbeit des Genealogen ist ein sorgfältig zusammengestelltes und äußerst wichtiges Basismaterial für weitere Forschungen.

Georg Gaugusch: Wer einmal war. Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800 bis 1938. Der Band "A-K" ist 2011 (1696 Seiten, 128,- Euro), erschienen, "L-R" 2016 (1456 Seiten, 148,- Euro), beide bei Amalthea, Wien.

Robert Sedlaczek, geboren 1952 in Wien, ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, und Sprachglossist der "Wiener Zeitung". Gemeinsam mit Wolfgang Mayr und Melita Sedlaczek ist er Verfasser des Buches "Die Tante Jolesch und ihre Zeit. Eine Recherche" (Haymon, 2013).