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Grauen als Propaganda

Von Isolde Charim

Gastkommentare

Die Entwicklung von einer heroischen zu einer postheroischen Gesellschaft ist relativ neu.


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Die Videos des "Islamischen Staats", die dessen Gräueltaten dokumentieren, sollen angeblich zu Propagandazwecken dienen. Insbesondere jenes, das die Ermordung des US-Journalisten James Foley vor laufender Kamera zeigt. Wie kann es sein, dass solche Bilder manche ansprechen? Kulturelle Unterschiede? Das greift zu kurz. Denn bis vor kurzem gab es auch hier eine Aufladung von Gewalt, eine Ästhetisierung von Kampf. Die Entwicklung von einer heroischen zu einer postheroischen Gesellschaft ist relativ neu.

Gerade die derzeitige Erinnerung an 1914 betont immer die damalige Kriegsbegeisterung. Diese war eine doppelte: eine, die durch Narrative wie Vaterland und Kaiser angefacht und eine, die von Technikbegeisterung getragen wurde. Man denke etwa an die Futuristen und deren Euphorie für Technik als Ermächtigung des Einzelnen. Oder an Ernst Jünger, bei dem die Bilder des Grauens der Begeisterung für den Krieg keinen Abbruch taten. Aber der Erste Weltkrieg brachte die Erkenntnis, dass Fortschritt der Kriegstechnik und Heroismus sich ausschließen.

Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg begann der lange Weg in die postheroische Gesellschaft. Das ist eine Gesellschaft, die nicht einfach friedfertig ist, sondern vielmehr eine Gesellschaft, die todbringende Technik und Heldentum trennt. So ist etwa die Drohne zum "Wesen der postheroischen Gesellschaft" geworden (Herfried Münkler). Was aber war aus den Heldenvorstellungen geworden? In der Gesellschaft war für diese kein Platz mehr. Sie wurden ausgelagert.

In den 1960er Jahren wurde Heroismus von links in die Figur des "Guerilleros" ausgelagert. Der Revolutionär, der die Welt verbessern wollte, sollte widersprüchliche Sehnsüchte versöhnen: jene nach dem Guten und jene nach Stärke. Er sollte das Paradox eines moralischen Kämpfers sein: "Jesus Christus mit der Knarre" à la Che Guevara. Das war eine Ästhetisierung des Kampfes, die gewissermaßen aseptisch war: Sie blendete Bilder von Grausamkeit aus - für die Illusion eines sauberen Kampfes.

Heute versucht der Dschihadist die Position des Helden einzunehmen. Die postheroische Gesellschaft wird mit Bildern einer unfassbaren Grausamkeit konfrontiert - und mit der Tatsache, dass diese Grausamkeit von manchen begeistert aufgenommen wird; dass von solcher Bestialität ein Ruf ausgehen kann und manche diesem folgen - wie man am "Dschihad-Tourismus" (was für ein Wort!) ersehen kann. Viel ist die Rede von einer gekonnten Medienoffensive des IS, von einer Propagandataktik. Das erklärt vielleicht die Art der Nutzung von Social Media, nicht aber den Effekt einer positiven Rezeption.

Dies sind Bilder einer spezifischen Grausamkeit. Die Opfer werden nicht an die Wand gestellt. Das gehört zu einer anderen Inszenierung. Das Abschlachten, das sie bereitwillig ausstellen, soll die IS vielmehr an ihr religiöses Ursprungsmodell andocken. Es soll sie als Nachfolger bestätigen und ihre Monstrositäten religiös aufladen. Eine schreckliche Gleichung: je grausamer, desto (vermeintlich) frommer. Jeder Mord wird dabei zu einem Glaubensbeweis, der die sündige Welt einer "Gottesordnung" näher bringt: "Mord als Gottesdienst" (Friedrich W. Graf). In Europa hat die Zivilisierung solcher "brutalisierten Frömmigkeit" Jahrhunderte gedauert.