Zum Hauptinhalt springen

Gregor Sebba, der Mann in Doderers Schatten

Von Gerhard Strejcek

Wissen

Der von den Nationalsozialisten vertriebene Autor und Wissenschafter wohnte einst in jenem Atelier, in dem Heimito von Doderer die "Strudlhofstiege" schrieb. Eine Recherche.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 4 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Gregor Sebba auf einer raren Aufnahme.
© Louisiana State University Press

Wer sich für die Biografie von Heimito von Doderer interessiert, stößt zwangsweise auf einen Mann, der dem derzeit in zwei Wiener Theatern aufgeführten Autor nie leibhaftig begegnet ist, obwohl beide auf denselben Wegen wandelten.

Unterschiedlicher könnten die Lebenswege des Sozialwissenschafters Gregor Sebba und des promovierten Historikers Doderer gar nicht sein, so meint man zunächst, ehe gewisse Parallelen augenfällig werden. Während der Mann, dessen Name an Kafkas zum Insekt verwandelten Handelsvertreter (Gregor Samsa) und an Handkes Hauptfigur in "Die Stunde der wahren Empfindung" (Gregor K.) erinnert, im estnischen Libau zur Welt kam, sah der kleine Heimito das Licht der Welt mit seinen asiatisch anmutenden Augen erstmals im damals niederösterreichischen Weidlingau (heute Wien-Penzing).

Doderer kam 1896 im Laudonschen Forsthaus zur Welt und starb 1966, Sebba lebte hingegen von 1905 bis 1985, worin Zahlenmystiker vielleicht eine Besonderheit sehen würden, weil sich der eine Autor bzw. dessen Schöpfer die 6er Jahre auserkor und der andere die 5er.

Die USA als Ziel

Aber darum geht es hier gar nicht, sondern um die seltsame Begebenheit, dass sich Sebba, der in Südtirol aufgewachsen war und zwei Doktortitel trug, nach Scheitern einer Beziehung in den 30er Jahren in Wien-Josefstadt einmietete und dort genau jenes Atelier bewohnte, das Doderer unter nicht restlos geklärten Umständen im Herbst 1938 mit seinem Lehrer und Freund Albert Paris Gütersloh (eigentlich Kiehtreiber) bezog.

Hier klaffen die Biografien fast wie nach Opfer-Täter-Schema auseinander: Der aus jüdischer Familie stammende Sebba wurde zum NS-Opfer, während Doderer zumindest in den Jahren 193340 als NS-Sympathisant galt und auch im April 1933 der Partei beigetreten war, die bald ihr hässliches Gesicht zeigen sollte.

Aktenkundig ist die Tatsache, dass Sebba am 16. März 1938, also in den ersten Wochen der NS-Machtübernahme in Österreich, überraschend verhaftet wurde und, wenn überhaupt, nur mehr kurz in das Atelier zurückkehrte. Er meldete sich nach der Entlassung aus der Gestapo-Haft bei seiner Ex-Gattin Irene in der Grünangergasse unweit des Stephansdomes als Untermieter und bereitete dort seine Emigration in die Niederlande vor, die mit einer Reise nach Rotterdam am 16. August 1938 begann.

In der Zeit zwischen Sebbas Abmeldung und Doderers Einzug vergingen einige Monate, in denen eine dem Wiener Autor bekannte und eng befreundete Medizinstudentin als Mieterin auftrat und mit zwei weiteren Bekannten das Atelier einrichtete. Das war nichts Ungewöhnliches, denn die sportliche junge Frau hatte schon mehrfach für Doderer Wohnungen, meist Ateliers in Döbling, angemietet. Das Auffinden der Josefstädter Wohnung soll auf ein Inserat zurückgehen, das die Tochter der Hauseigentümerin Gisela Wähner, die Malerin Trude Wähner (auch: Waehner), geschaltet haben soll.

Heimito von Doderer, hier in der Uniform der Dreier-Dragoner, verbrachte vier Jahre (1916-20) in sibirischer Gefangenschaft.
© Hannelore & Gustav König

All dies erwähnt auch Doderers Biograf Wolfgang Fleischer ("Das verleugnete Leben", 1996), der den Autor von einem Vorwurf des Kulturstadtrates Matejka reinwäscht. Dieser behauptete nämlich, dass Doderer und Gütersloh Trude Wähner aus ihrer Wohnung komplimentiert hätten, was Fleischer aber widerlegen kann.

Ungenau war aber auch seine Biografie, die den Vormieter Gregor Sebba kein einziges Mal erwähnt, ging es doch bei der Anmietung im April 1938 gar nicht um die Verdrängung der Eigentümerin Gisela Wähner oder deren Tochter Gertrude, sondern um den Mieter Sebba, welcher weichen musste. Auch Trude Wähner war eine Nazigegnerin, die damals mit einem jüdischen Mann (ihrem späteren zweiten Gatten Schmidl) liiert war. Die beiden lebten noch bis 1939 in Döbling, dann emigrierte Wähner in die Schweiz, später nach New York, wo sie die Nachricht vom Tod ihrer Mutter 1945 ereilte.

Die Vereinigten Staaten waren auch das Ziel von Sebba, der von den Niederlanden nach London weiterreiste, wo er seine zweite Gattin Helen ehelichte, die er schon in Wien kennengelernt hatte. Später fand er ein neues Zuhause im südlichen Bundesstaat Georgia, in dem er als Statistiker und Sozialwissenschafter akademisch lehrte und als Autor bekannt wurde. Eine frühe Studie befasst sich mit jenen displaced persons (hauptsächlich Emigranten), die wie er in diesem südlichen Bundesstaat lebten, aus dem auch der US-Präsident Jimmy Carter stammte. An Sebbas Biografie und Werk arbeitet derzeit der Wiener Politologe Peter Pirker, der noch zahlreiche wichtige Aspekte beleuchten wird.

Unsichtbarer Feind

Wir aber wollen hier kurz innehalten und eine zweite räumliche Parallele zwischen Sebba und Doderer erwähnen, die jenen tatsächlich zum "Schattenmann" von diesem machte. Sebba betrieb nämlich bis 1937/38 im Auftrag der Firma Meinl, der er als Angestellter und Werbeexperte gedient hatte, ein heute noch bestehendes Atelier in der Widerhofergasse.

An dieser Adresse, wo bis vor einigen Jahren die akademische Bildhauerin Milada Zahnhausen residierte, kommt man normalerweise nicht zufällig vorbei. Der Grund liegt darin, dass es sich um eine kurze, eigenartig hakenförmige Sackgasse handelt, die von der Währinger Straße unweit des Arne-Carlsson-Parks und der Kreuzung mit der Nussdorfer Straße in Richtung der Strudlhofgasse abzweigt.

Genau an dieser Stelle bezog Doderer, der nach seiner Rückkehr aus der norwegischen Kriegsgefangenschaft nur mehr kurz im Josefstädter Atelier und dann nach einer Räumungsklage in einer kompromissweise angemieteten Wohnung im selben Haus wohnte, seinen Alterswohnsitz im Jahr 1956.

Zu diesem Zeitpunkt war Sebba, der somit in den 1930er Jahren zwischen der Strudlhofstiege und Doderers Alterswohnung gearbeitet und in demselben Josefstädter Atelier wie nach ihm der Wiener Autor gelebt hatte, bereits ein etablierter amerikanischer Ökonom und Statistiker, der durch seine vielfältigen Interessen und Publikationen hervorstach.

Sebba war aber nicht nur der räumliche Schatten Doderers, sondern er übte diese etwas unheimlich anmutende Funktion auch im Leben des gefeierten Autors von "Die Dämonen" und "Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre" aus, sogar postum. Während nämlich Doderer, der sich nach eigener Aussage von seiner anfänglichen Begeisterung für die in Berlin herrschenden Nazis immer weiter zurückzog, als diese auch in Wien regierten und die Stadt in eine untergeordnete Rolle drängten, in die Luftwaffe einberufen wurde und ab 1940 in Mont-de-Marsan in Frankreich stationiert war, betätigte sich Sebba für den britischen MI5 und sodann für das amerikanische OSS, wo er Kommandoaktionen von Fallschirmspringern hinter den deutschen Linien organisierte. Sebba soll dabei selbst an der Erbeutung von Wehrmachtsuniformen beteiligt gewesen sein.

Die Aktivitäten von Kommandotrupps, die vor der Invasion des "D-Day" im Juni 1943 zunahmen, veranlassten Hitler und seinen Stab im Oberkommando der Wehrmacht zum sogenannten Kommandobefehl, der nichts Gutes für die Überwältigten verhieß. In der Tat verwendeten manche Trupps zur Tarnung Uniformen der Gegenseite, was dem Kriegsrecht widersprach, aber auf beiden Seiten vorkam. Abgesehen von der unmoralischen Finte Hitlers im September 1939, der einen polnischen Angriff auf den Sender Gleiwitz durch KZ-Angehörige mit polnischen Uniformen vortäuschen ließ, griffen auch 1944 Truppen der Waffen-SS die Invasionsarmee der Amerikaner und Kanadier in den Ardennen mit erbeuteten US-Uniformen an.

Während also Doderer 1940/41 in Frankreich der deutschen Luftwaffe als Bodenoffizier im Rang eines Hauptmannes an mehreren in der Normandie gelegenen Stützpunkten diente, organisierte sein unsichtbarer Feind Fallschirm-Aktionen in derselben Region, welche das militärische Niederringen NS-Deutschlands vorbereiten sollten. Später musste der bereits 45-jährige Doderer, der schon die Jahre 1916 bis 1920 in russischer Kriegsgefangenschaft zugebracht hatte, an der Ostfront dienen, was ihn wieder in die Ukraine brachte, wo sich der erfahrene Offizier auf das Überleben der ihm Anbefohlenen konzentrierte.

Es wäre noch der Erwähnung wert, dass der junge Doderer im Sommer 1920 unweit von Sebbas Geburtsort in Estland auf seiner Heimreise von Sibirien nach Wien vorbeikam, ehe er via Stettin nach Österreich reisen konnte, und zwar in einer alten englischen Uniform, weil seine Dragoner-Kleidung der k.u.k. Monarchie restlos zerfetzt war.

Kritische Stellungnahme

Sebba, dessen "Bibliographia Cartesiana" (eine kritische Bibliografie des Werks von Descartes) in der Fachwelt ebenso gelobt wird wie seine Essays, verfolgte den Wiener Autor noch postum, ohne es je auf ihn abgesehen zu haben. Im Jahr 2001 erschien im Berliner Aufbau-Verlag die euphemistisch betitelte Studie "Unser Wien" von Walzer/Templ, die sich in sachlicher und zugleich erschütternder Weise mit Arisierungen zwischen 1938 und 1945 befasst.

Im Fall Doderers gibt es einen Eintrag, mit dem erstmals der Name Sebba mit jenem seines Nachmieters verbunden wird, allerdings in der allzu verallgemeinernden Weise, dass Doderer und Gütersloh das "Wohnatelier des Werbetexters Gregor Sebba" 1938 "arisiert" hätten (die Anführungszeichen stehen auch im Original, als Quelle wird das Melderegister der MA 8 angegeben).

Diese Passage war Gegenstand einer kritischen Stellungnahme der Doderer-Expertin Alexandra Kleinlercher, die sich in einer Monografie (Heimito von Doderer. Zwischen Wahrheit und Dichtung, Böhlau 2004) profund mit dessen NS-Affinität(en) befasste, aber keinen Beweis dafür finden konnte, dass eine Arisierung im rechtlichen Sinn vorlag und zudem eine Zeitspanne von einem halben Jahr vor dem Einzug der beiden Künstler lag.

Allerdings deckte die Autorin auch auf, dass die am Meldezettel aufscheinende Mieterin Mitglied der NSDAP und der Reichsärztekammer, ihr 1939 angetrauter Ehemann aber Mitglied der SS-Standarte 90 war, was Raum für unschöne Ahnungen lässt.

Dass Sebba bei der Gestapo schwer unter Druck gesetzt wurde, beweist nicht zuletzt sein Untertauchen bei der Ex-Gattin und seine überstürzte Abreise ein halbes Jahr nach dem Verhör. Und so haftet dem als Autor zu Recht geschätzten Doderer bis heute das unangenehme Odeur an, zumindest Teil jenes Unrechts geworden zu sein, an dem Österreich bis heute seine Mitverantwortung tragen muss.

Gerhard Strejcek, geboren 1963 in Wien, Außerordentlicher
Universitätsprofessor am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht an
der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien, Leiter des
Zentrums für Glücksspielforschung an der Universität Wien.