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Griechenland blüht

Von Fabian Eder

Politik

Geschichten aus einem Griechenland jenseits von Krise, Bankrott und Aufruhr.


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Der 10. März 2012 begann wie jeder andere Tag: Meine Frau, Katharina Stemberger, und ich saßen beim Frühstück und die Meldungen über Griechenlands Krise prasselten auf uns ein, Kommentatoren wetteiferten mit Defizitzahlen, Politiker mit Austrittsszenarien, die im unschönen Wort "Grexit" zusammengefasst wurden, und wir stellten fest, dass auch in unserem Bekanntenkreis schon leidenschaftlich von den faulen Griechen, die am liebsten unterm Olivenbaum sitzend Steuern hinterziehen, gesprochen wurde. All das hatte ein Ausmaß erreicht, das wir so nicht mehr hinnehmen wollten. "Griechenland blüht" war geboren - und diese beiden Worte waren so verblüffend anachronistisch, so überraschend, dass sie in einem Maße Wirkung zeigten, das unsere Erwartungen schon bald übertreffen sollte.

Kreta: "Geld ist nicht alles"

Im April 2012 war es die Finanzkrise, die Europa seit drei Jahren erschütterte, die die Menschen polarisierte und schonungslos die Schattenseiten der Geiz-ist-geil-Gesellschaft ans Licht brachte. Griechenland war die Speerspitze dessen, was sich schmerzhaft in unsere Herzen und Gehirne rammte: So würde es nicht weitergehen. "Geld ist nicht alles. Das ist die wahre Bedeutung dieser Krise. Du weißt das, ich weiß das, aber die Politiker, unsere, aber auch alle anderen, scheinen das nicht zu wissen", sagte der 28-jährige Manoussos Pollakis in diesem April zu mir. Dann nahm er seine Lyra und begann, uns mit seinen Freunden poetische Lieder vorzuspielen. Im Garten der Taverne servierte der Wirt Köstlichkeiten, die er zuvor stundenlang auf niedriger Temperatur gegart hatte. Das Dorf Drakona befand sich auf etwa 1800 Meter Seehöhe, knapp darüber lag noch Schnee und im Garten nebenan blühten Obst- und Olivenbäume: Unsere Reise begann in den Bergen von Kreta.

"Das", Manoussos deutete auf seine Lyra, "ist mein Leben!" Er sprach die Dinge ganz direkt aus: "Wir, die Menschen, wir sind
wie ...", er zeigte auf den Boden, "wie sagt man dazu? - Ameisen! - Wir sind wie die Ameisen. Wir sind für die Politiker nichts, die kümmern sich doch nur um die Banken und ums Geld."

"Wann war denn das letzte Mal ein Politiker hier heroben bei euch?" - Manoussos lachte nur bitter über meine Frage. Solange er sich erinnern konnte, war kein Politiker jemals hier gewesen.

"Ich bin Grieche. Und ich bin stolz darauf. Hier haben schon vor vielen tausend Jahren Menschen gelebt. Weißt du: In Athen musst du dir Wasser kaufen, wenn du durstig bist, und wenn du kein Geld hast, verdurstest du. Aber da unten, siehst du? Unterhalb des Baumes dort ist eine Quelle. Wenn ich Durst habe, gehe ich dahin, halte meine Hand auf und trinke. Oder hier oben, da wachsen Oliven, und dort drüben stehen ein paar Obstbäume, dahinten ist ein Gemüsebeet. Und dann gibt es noch zigtausend Ziegen auf unserer Insel, genug, damit wir alle satt werden. Wenn ich an die Krise denke, denke ich zuerst an die armen Menschen, die nichts zu essen und zu trinken haben. Ich ertrage es nicht, wenn Menschen leiden und betteln müssen für einen Schluck Wasser oder ein Stück Brot."

Faulheit, Untreue, Korruption

Ein griechischer Rentner hatte sich in diesen Tagen am Syntagma-Platz vor einer Zypresse das Leben genommen, weil er, wie es in seinem Abschiedsbrief hieß, so nicht weiterleben konnte. Ich fragte mich, ob es richtig war, dass wir hier und nicht in Athen waren. Manoussos war sich seiner Würde bewusst, und es tröstete mich, dass diese ihm durch nichts und von niemandem zu nehmen war. Eine ganze Gesellschaft war mittlerweile zum Synonym für Faulheit, Untreue und Korruption geworden. Wer kannte denn nicht die Bilder der brennenden deutschen Fahnen, der aufgebrachten Menge vor dem griechischen Parlament, die Zitate der Boulevardzeitungen, die schon längst in einem Krieg der Worte verheddert waren, während uns die Nachrichtensprecher immer neue Summen von Rettungspaketen nannten, die sich unserer Vorstellungskraft vollends entzogen? Damals ging es um die ersten einhundert Milliarden Euro.

Ios, sicherer Hafen

Wir kamen in das kleine Café neben der Straße etwas außerhalb der Chora. Stravoula hatte kurzes, rötliches Haar, trug eine knallrote Jacke und eine Sonnenbrille.

"Ich habe nur eine Stunde, wir müssen uns schon auf die Saison vorbereiten. Nennt mich bitte Vivi wie alle hier!", sagte sie und führte uns auf die Terrasse, die Teil eines kleinen Hotels war, das sich auf der Leeseite der Insel an den steilen Südhang schmiegte. In der Ferne sahen wir wieder die Umrisse von Santorin. Vivi erzählte uns, dass sie in Athen studiert habe und vieles von dem, was sie gelernt habe, nun hier im Familienbetrieb umsetzen wolle.

"Ios ist ein sicherer Hafen in meinem Leben", stellte sie fest. "Ich bin hier geboren, und ‚für immer‘ wäre vielleicht ein zu großes Wort, aber ich will hier bleiben und sehen, was ich tun kann, damit uns die Krise nicht zu hart trifft."

Ich wollte von Vivi wissen, wie es ihrer Meinung nach zu der Krise gekommen war.

"Es ist einfach zu sagen: Die Politiker sind an allem schuld. Aber wir dürfen es uns nicht so einfach machen! Es gehören immer auch die Menschen dazu. Solche, die bei den Schweinereien mitmachen, und solche, die die Politiker wählen! Jeder, vom Schuljungen bis zum alten Opa und natürlich auch die Politiker, schummelt und betrügt. Es gehört irgendwie dazu. Nehmen wir zum Beispiel das Rauchverbot in Lokalen. Es gilt in Griechenland genauso wie überall anders auch. In den ersten Wochen, nachdem es eingeführt wurde, hielten sich auch die meisten daran. Und jetzt? Schau dich um, jeder, wirklich jeder raucht in den Lokalen, die Aschenbecher stehen sogar direkt unter den Rauchverbotszeichen. Ich weiß wirklich nicht, warum das so ist, warum wir nicht einfach Ja sagen können zu den Gesetzen!"

Vivi hatte den Finger auf eine Wunde gelegt: Wo zogen wir unsere Grenzen? Wo drückten wir mal ein Auge zu? Und was war ein Kavaliersdelikt? Ich versuchte mir vorzustellen, wie es wäre, wenn wir alle immer auf Punkt und Komma nach dem Gesetz handeln würden. Die Vorstellung gefiel mir gar nicht. Es war also keine Frage der Gesetze oder der Exekutive, es war ausschließlich eine Frage der Moral.

"Wir brauchen wieder etwas Spielraum, um etwas zu kreieren, etwas, um über diesen Totpunkt hinwegzukommen. Ich meine damit nicht: Gebt uns mehr Geld, sondern: Nehmt uns nicht auch noch das letzte bisschen, was wir haben, weg. Und mein Vorschlag an meine Landsleute ist: Denkt nach, wen ihr wählt. Wählt ihr jemanden, der etwas verändern will, oder wählt ihr wieder die, die verantwortlich sind für die ganze...-", die Fünfundzwanzigjährige suchte kein anderes Wort, "Scheiße."

© Braumüller-Verlag

Buchhinweis

Der Vorabdruck stammt aus "Griechenland blüht: Eine Odyssee durch das andere Griechenland". "Unser Ziel war es, ein mediales Gegengewicht zur permanent negativen, von der Wirtschaftsmisere geprägten Berichterstattung zu schaffen - und offenbar waren wir mit dieser Sehnsucht nicht allein", schreibt der Autor Fabian Eder in seinem Buch. Spontan hätten sich Kollegen wie Richi Wagner und Andreas Handl in das Projekt eingebracht.

Seit einiger Zeit ist die Website www.griechenlandblueht.com online, ihr während der Reise gedrehter Dokumentarfilm war auf 3sat und wenig später im ORF zu sehen. André Heller übernahm die Schirmherrschaft der Initiative. "Griechenland blüht", die sich für die Verständigung zwischen Nord und Südeuropa einsetzt.

Fabian Eder: Griechenland blüht. Braumüller, 14,90 Euro