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Grönland hofft auf Unabhängigkeit

Von WZ-Korrespondent Thomas Hug

Europaarchiv

Behörden wollen von Umweltbedenken nichts hören. | Sogar BP zieht sich aus dem Rennen um Bohrlizenzen zurück. | Oslo/Nuuk. Seit den 70er Jahren wird in Grönland nach Erdöl gesucht, bisher vergebens. Diese Woche aber kam von der schottischen Erdölgesellschaft Cairn Energy endlich eine Erfolgsmeldung. Bei Probebohrungen in der Disko-Bucht an der grönländischen Westküste stieß man in 2000 Meter Tiefe auf Gas.


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Die fündige Erdölgesellschaft selbst versucht die Erwartungen noch zu dämpfen. "Wir haben bis jetzt kein Erdöl gefunden, aber wir haben etwas gefunden, das Erdöl andeutet", so Simon Thompson von Cairn Energy im grönländischen Radio. Jedes der vier Bohrlöcher habe eine zehnprozentige Chance, dass es auch Erdöl enthalte. "Wir probieren unser Bestes, wir machen viele Untersuchungen, wir haben Talent und hoffentlich auch Glück", meinte Thompson weiter.

In Grönlands Hauptstadt Nuuk gibt man sich freilich schon lange optimistisch. "Das Schwarze hier ist Erdöl", hatte Jörn Skov Nielsen schon vor einigere Zeit zu Journalisten gesagt. Der Chef es grönländischen Rohstoffamtes legte demonstrativ einen dunklen Steinklumpen auf den Tisch. Skov Nielsen ist sich sicher, dass es auf Grönland Erdöl gibt. "Die Frage ist nur, ob die Vorkommen eine lohnende Gewinnung erlauben."

Das Fell des Bären ist bereits zweckgewidmet

Längst hat sich Grönland Gedanken gemacht, wie man eventuelle Erdöleinkommen verteilen könnte, ohne die Wirtschaft zu erhitzen. Vorbild ist dabei Norwegen, das den Großteil der Einnahmen in einem Fonds für zukünftige Pensionen einbringt.

Doch für Grönland hätten Ölfunde eine andere, größere Bedeutung als das: Sie sollen die Unabhängigkeit finanzieren. Erst 1953 wurde das Land gleichberechtigter Teil Dänemarks, bis dahin war die größte Insel der Welt eine dänische Kolonie. 1979 erhielt Grönland Autonomiestatus mit einer "Hjemmestyre"-Ordnung, einer in vielen Bereichen autonomen Regierung. Einnahmen aus der Rohstoffgewinnung sollten Hilfsgelder aus Kopenhagen überflüssig machen.

Zurzeit erhält Grönland von Dänemark jährlich einen Zuschuss von umgerechnet 430 Millionen Euro.

Ein Erdölfund hätte große Konsequenzen für Grönland, sagte der grönländische Regierungschef Kuuip Kleist Anfang August zum norwegischen Nachrichtenbüro NTB. "Wir werden unsere Vereinbarungen mit Dänemark erfüllen, Grönlands Wirtschaft entwickeln, so dass wir es einmal ohne dänische Zuschüsse schaffen werden", meinte Kleist.

Doch Bohrungen vor Grönlands Westküste sind riskant. Wassertiefen von über 1000 Meter und treibendes Eis steigern die Gefahr von Unfällen. Insbesondere nach der Katastrophe vom Golf von Mexiko häufen sich die Bedenken, in diesem heiklen arktischen Gebiet Erdöl zu fördern. Die Umweltorganisation Greenpeace beobachtet die Bohrungen argwöhnisch von ihrem in der Nähe ankerndem Schiff "Esperanza". Aber die grönländischen und dänischen Behörden haben Greenpeace vor einem Eindringen in die Sicherheitszone um die schwimmenden Bohranlagen ausdrücklich gewarnt.

Grönlands wichtigste wirtschaftliche Einnahmequelle ist bisher die Fischindustrie, da vor allem Garnelen. Unter den Fischern mehren sich Bedenken gegen die Bohrungen - man hat schließlich die Folgen der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko für die dortige Garnelenindustrie registriert.

Das dafür verantwortliche Unternehmen, BP, nimmt indes von Grönland Abschied. Ein BP-Repräsentant bestätigte einen Bericht des "Guardian", dass sich der Konzern nicht mehr um grönländische Bohrlizenzen bemüht, wollte aber keine Gründe für die Unternehmensentscheidung nennen.

Der "Guardian" berichtete, die durch die Ölkatastrophe angeschlagene Reputation des britischen Konzerns habe BP quasi zum Rückzug gezwungen. Angeblich legte die Autonomieregierung in Nuuk BP nahe, die Beteiligung an der Ölsuche aus Gründen der Optik fallen zu lassen.

Die Nase vorn hat derzeit die Cairn Energy. Interesse haben auch andere Konzerne angemeldet, darunter die US-Ölriesen Exxon und Chevron.