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Groß wie das Riesenrad: Europas Auge im Weltraum

Von Heiner Boberski

Wissen

Hohe Auflösung ermöglicht Suche nach fernen Erden. | Kooperation von Weltraumteleskop und Bodenstationen. | Wien. Falls es im Weltraum Planeten gibt, die unserer Erde ähneln und vergleichbare Lebensbedingungen bieten, so werden wir das "in zehn bis zwanzig Jahren" wissen, meinte Joachim Krautter, Präsident der European Astronomical Society, vor Journalisten in Wien. Auf der bis 12. September laufenden Astronomie-Tagung "Jenam" (Joint European ans National Astronomy Meeting) in der Wiener Universität standen die Pläne für das "Extremely Large Telescope" (ELT) der Europäischen Südsternwarte (ESO) - der Österreich mit 1. Juli 2008 beigetreten ist - im Mittelpunkt.


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Laut ESO-Generaldirektor Tim de Zeeuw soll das ELT bis 2017 in Betrieb gehen und rund 13 Milliarden Jahre in die Vergangenheit blicken könnten, also in einen Bereich von etwa eine Milliarde Jahre nach dem Urknall. Wer in die Weite des Alls blickt, schaut in dessen Vergangenheit, denn er beobachtet Objekte, deren Licht Milliarden Jahre (Lichtjahre) bis zur Erde unterwegs war. Der Standort für das ELT, dessen Vorgänger, das "Very Large Telescope" (VLT), in Chile steht, ist noch nicht fixiert.

Das in der Größe an das Wiener Riesenrad heranreichende ELT soll das größte Teleskop der Welt werden. Es wird einen Hauptspiegel von 42 Meter Durchmesser haben, der sich aus 906 sechseckigen Spiegelelementen zusammensetzt.

Parallel dazu entsteht, als Nachfolger des amerikanischen "Hubble"-Weltraumteleskops, das "James Webb Space Telescope" (JWST). Daran arbeiten gemeinsam mit kanadischen Forschern die Weltraumorganisation der USA (Nasa) und die "European Space Agency". Der Ausguck im All ist kleiner, da man nicht durch die störende irdische Atmosphäre schauen muss. Mit einem Spiegeldurchmesser von über sechs Metern - der Hauptspiegel des "Hubble" hat 2,4 Meter - wird das JWST nach heutigen Planungen etwa ab 2013 in die Anfänge des Universums sehen.

Schon seit "Hubble" gibt es ein Zusammenspiel von Weltraumteleskop und Observatorien auf der Erde. Das Weltraumteleskop spürt die Objekte auf, das irdische Riesenteleskop besorgt dann die Daten für die Feinarbeit wie die Berechnung der Rotationsgeschwindigkeit des Objekts.

Ein Schwerpunkt der Arbeit mit dem ELT wird die Galaxien- und Sternenentstehung sein. Weiters erhofft man vom ELT auch neue Erkenntnisse über die Ausdehnung des Weltalls und die bis heute rätselhafte Dunkle Materie.

Außerdem wird man auch nach fernen Erden Ausschau halten, also nach Planeten, die unserer Erde ähnlich sind, und zugleich eine Antwort auf die alte Frage suchen: Gibt es außerhalb der Erde Leben im Kosmos? Solche Forschungen waren bisher nicht möglich, da jeder entdeckte Stern die ihn umkreisenden Planeten so überstrahlte, dass man ihre Existenz nur aus Helligkeitsschwankungen der Sterne erschließen, aber sie nicht wirklich beobachten konnte. Die hohe Auflösung und die Elektronik des ELT lassen hier die Astronomie in neue Dimensionen vorstoßen.

Einem russischen Forscher, der bahnbrechende Beiträge zur Erforschung der kosmischen Hintergrundstrahlung, des Echos des Urknalls, geliefert hat, dem aus Usbekistan stammenden Rashid Sunyaev, verlieh die Astronomische Gesellschaft am ersten Tag der Konferenz die renommierte Karl-Schwarzschild-Medaille. Weitere Auszeichnungen gingen an den schwedischen Sonnenforscher Göran Scharmer (der Tycho-Brahe-Preis) und an den deutschen Stellar-Astrophysiker Andreas Koch (der Biermann-Preis).

Warum die Milchstraße eine "Kannibalin" ist

Spannung verspricht der öffentlich zugängliche Vortrag der Heidelberger Forscherin Eva Grebel am Donnerstag, 11. September, 20 Uhr, im Auditorium maximum der Wiener Universität zum Thema "Die Milchstraße - eine Kannibalin im Universum".

Denn die Astronomie hat herausgefunden, dass unsere Milchstraße in ihrer mehr als 13 Milliarden Jahre dauernden Existenz ständig anderen Galaxien Sterne entrissen und kleinere Zwerg-Galaxien sogar komplett verschlungen hat. Jetzt befindet sie sich freilich auf Kollisions-Kurs mit dem benachbarten Andromeda-Nebel und ist damit vielleicht selbst gefährdet.

www.univie.ac.at/jenam2008