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Große Enttäuschung bei Katholiken der Dritten Welt

Von John Rice

Politik

So groß die Hoffnung war, so tief ist jetzt die Enttäuschung. Von den Slums von Tegucigalpa über die Straßen von Buenos Aires bis zu den staubigen Dörfern in Nigeria hatten Katholiken auf den ersten Papst aus der Dritten Welt gehofft. Die Wahl des deutschen Kardinals Joseph Ratzinger löst in vielen Gemeinden Lateinamerikas und Afrikas keinen Jubel aus.


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Vor allem in Lateinamerika, wo rund die Hälfte der weltweit 1,1 Milliarden Katholiken lebt, wird die Enttäuschung kaum verhehlt, dass kein Kardinal aus der Dritten Welt zum Papst gewählt wurde. Von einem solchen Oberhaupt hätte man sich mehr Engagement für den Kampf gegen Armut und Hilfe in den eigenen Nöten versprochen. Schließlich waren gleich drei Kardinäle aus Lateinamerika als Favoriten gehandelt ins Konklave gegangen: Jorge Bergoglio, der 68-jährige Erzbischof von Buenos Aires, Claudio Hummes, der 70-jährige Erzbischof von Sao Paulo, sowie der 62-jährige Erzbischof von Tegucigalpa, Oscar Andres Rodriguez Maradiaga.

"Es hätte ein Latino sein sollen", sagt die 50-jährige Gloria Vazquez in der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa. Aber auch sie folgt dem Ruf der Glocken, die zu Ehren des neuen Papstes in die Kathedrale rufen. "Was sollen wir tun? Wir sind Katholiken."

Auch der Priester Julio Lancellotti, der sich in Sao Paulo für Obdachlose und Waisenkinder einsetzt, runzelt nur die Stirn, als er von der Entscheidung in Rom erfährt. "Ich akzeptiere den gweählten Papst schweigend", sagt der Geistliche. "Wir Priester können keine Meinung haben." Monsignore Alejandro Goic, Präsident der chilenischen Bischofskonferenz, verteidigt Benedikt XVI.: Er verfüge über "tiefe Kenntnisse von Lateinamerika".

Gegen Befreiungstheologen

"Ratzinger ist eine Katastrophe für Lateinamerika", schimpft hingegen der mexikanische Soziologe Bernardo Barranco. "Er hat es auf sich genommen, die Befreiungstheologie auszulöschen. Er versteht Lateinamerika nicht." Als Präfekt der Glaubenskongregation belegte Ratzinger den brasilianischen Theologen Leonardo Boff 1985 mit einem Schweigegebot. Boff gehörte zu den Vordenkern der Theologie der Befreiung, die den kirchlichen Kampf gegen die Armut auch politisch gedeutet und mit marxistischen Positionen verbunden hat.

In Afrika sind vor allem die enttäuscht, die sich für die Wahl des nigerianischen Kardinals Francis Arinze eingesetzt haben. Die 30-jährige Bankangestellte Mary Ekpe hatte allerdings nie geglaubt, dass ein afrikanischer Papst gewählt werden könnte. "Ich weiß, dass die Europäer und Amerikaner noch nicht bereit dafür sind." Auf einen Lateinamerikaner hätte sie aber durchaus gesetzt. AP