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Eisenoxidstaub zerkocht Tumoren im Wechselmagnetfeld. | Neue Therapie, wenn keine andere mehr geholfen hat. | Berlin. Andreas Jordan hält mit einer Pinzette eine Fünf-Cent-Münze in die Einkerbung eines kleinen braunen Kastens auf seinem Schreibtisch. An den beiden Einkerbungsrändern befinden sich Spulen, die ein Wechselmagnetfeld indizieren können, das seine Polarität bis zu 100.000 Mal in der Sekunde wechseln kann. Kaum ist das Gerät eingeschaltet, beginnt die Münze orange-rot zu glühen. Jordan lässt sie in eine Schale Wasser gleiten, wo sie sich unter lautem Zischen schwarz färbt. So ähnlich wie der Münze rückt Jordan auch Krebsgeschwüren zu Leibe und kann sie damit sogar vollständig zerstören.
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Bisher ruhte die Krebstherapie vor allem auf drei Säulen: Operieren, Bestrahlen und Chemotherapie. Jetzt dürfte als vierte Option die "Thermotherapie mit Nanopartikeln" hinzukommen. "Das Prinzip ist eigentlich ganz einfach und ähnelt dem mit der Münze", erklärt Erfinder Jordan: "Bei der Behandlung wird feinster Eisenoxidstaub in bösartige Geschwülste injiziert und in einem Wechselmagnetfeld erhitzt. Die Tumorzellen werden dabei richtiggehend gekocht: Sie platzen oder werden stark geschwächt." Der Trick dabei: Mit dieser Technik ist der Arzt in der Lage, den Tumor von innen heraus zu bekämpfen. Die Nano-Teilchen werden direkt in den Tumor injiziert und verbleiben auch dort aufgrund einer Hülle aus Aminosilanen, die die Partikel nach ihrem Erhitzen im Tumor verklumpen lassen. So kommen sie nicht mehr heraus.
Lange Vorarbeiten
Obwohl es so einfach klingt, dauerte die Entwicklung der Therapie enorm lange. Sein ganzes Arbeitsleben hat der jetzt 50-jährige Jordan an verschiedenen Materialien, Probanden und Feldspannungen geforscht. Eine jetzt im November abgeschlossene Studie bei Patienten mit einem wiederauftretenden Gehirntumor, dem sogenannte Glioblastom-Rezidiv, ist gerade erfolgreich abgeschlossen worden. Dabei wurden Patienten mit der Thermotherapie behandelt, die weder Operation noch Bestrahlung und Chemotherapie heilen konnten. Doch selbst hier hat die Therapie schon beachtliche Erfolge erzielt.
Viele der als nicht therapierbar eingestuften Patienten leben noch jetzt, ein bis zwei Jahre nach der Thermobehandlung. Insgesamt überlebten die mit der neuen Therapie behandelten Patienten 13,4 Monate länger als eine nicht mit der Thermotherapie behandelte Kontrollgruppe. "Wenn der Tumor noch nicht gestreut (metastasiert) hat, schlägt die Therapie teilweise verblüffend gut an", sagt der Leiter der Studie, Professor Klaus Maier-Hauff von der Neurochirurgischen Klinik des Bundeswehrkrankenhauses in Berlin. Und das bei schon fast hoffnungslos abgeschriebenen Patienten.
Nicht nur im Gehirn
"Wir durften allerdings bis jetzt in unseren klinischen Studien aus ethischen Gründen nur austherapierte Patienten behandeln", erklärt Jordan. Auf Grund der guten Ergebnisse hat er jetzt die europäische Zulassung für die Erstbehandlung von noch nicht mit anderen Verfahren behandelten Gehirntumorpatienten Patienten beantragt.
Die minimal-invasive Nano-Krebs-Therapie bietet sich nicht nur bei Hirntumoren an. Auch bei Speiseröhren- und Prostata-Krebs beurteilt Professor Peter Wust von der Klinik für Strahlenheilkunde am Virchow-Klinikum der Charite Berlin die Versuche seiner derzeitigen Studie als äußerst vielversprechend. "So kann die Nanotherapie vor allem bei Indikationen eingesetzt werden, wo die herkömmlichen Therapieverfahren keine befriedigenden Ergebnisse liefern", sagt Wust. Er konnte bis jetzt auch keinerlei schwerwiegenden Nebenwirkungen der neuen Therapie beobachten. Im Gegenteil: "Gerade bei Prostata-Krebs treten bei der Behandlung mit der neuen Therapie Nebenwirkungen wie Impotenz und Inkontinenz kaum auf", freut sich der Experte für Strahlenheilkunde. Weitere in Zukunft geplante Anwendungen für die Nanotherapie sind Brust-, Leber-, oder Gebärmutterhalskrebs.
Noch viel bessere Ergebnisse konnten die Krebsforscher bei Versuchen an Ratten und Mäusen erzielen. Jordans Kollegin Regina Scholz hat in den letzten Jahren hunderten Tieren Tumorzellen ins Hirn gepflanzt: "Sie beginnen danach unmittelbar zu wuchern, weil die Tiere aufgrund eines angezüchteten Immundefekts keine Abwehr haben." Es erfordere viel Fingerspitzengefühl, sich zur gewünschten Hirnregion der Nager vorzuarbeiten und ihnen später die Nanomagnetchen in die Tumore zu spritzen. Wie die menschlichen Patienten bekommen sie eine Temperatursonde in den Kopf, ehe sie im kleinen, eigens konstruierten Laborapplikator behandelt werden. Scholz: "In der Regel sterben sie dann nicht am Krebs, sondern an Altersschwäche." Das erhofft sich Jordan auch für seine künftigen Patienten.

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