Zum Hauptinhalt springen

Große Koalition und heilige Kühe

Von Hans Pechar

Gastkommentare

Die Weichen für eine neuerliche große Koalition sind gestellt. Mangels plausibler Alternativen werden die weit verbreiteten Vorbehalte gegen dieses größte aller kleineren Übel wenig ausrichten. Aber warum soll es diesmal besser laufen? Weil die neuen Frontmänner Harmonie und Konsensbereitschaft signalisieren? Entscheidend werden die inhaltlichen "Knackpunkte" einer künftigen Regierungszusammenarbeit sein.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 15 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Auffassungsunterschiede sind normal, sonst bräuchten wir kein Mehrparteiensystem. Die Frage ist, ob es sich um quasi geheiligte, unverrückbare Positionen handelt, oder ob man mental auf konstruktive Kompromisse eingestellt ist. Die Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik beruht darauf, dass beide Volksparteien in den meisten Politikbereichen zu einer konsensualen Form der Konfliktaustragung übergegangen sind.

Die Bildungspolitik läuft noch nach dem alten Muster des Kulturkampfes ab. Beide Blöcke haben sich ideologisch tief eingegraben und es bisher nicht geschafft, ihre Nase über den Schützengraben hinauszustrecken.

Die ÖVP hält das Gymnasialkonzept des 19. Jahrhunderts allen Ernstes für eine brauchbare Antwort auf den Qualifikationsbedarf der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts. Und die SPÖ will nicht begreifen, dass die "allgemeine Studienberechtigung", die ja auf das von ihr bekämpfte Gymnasialkonzept zugeschnitten ist, die Hochschulexpansion nicht fördert, sondern sie hemmt.

Gemeinsam haben ÖVP und SPÖ Österreich in eine Sackgasse manövriert, über die man außerhalb dieses Landes nur den Kopf schüttelt. Dass unsere Schulen im Alter von zehn Jahren selektieren, aber den Universitäten verboten wird, bei überfüllten Studienrichtungen Aufnahmeverfahren für 18-jährige Maturanten durchzuführen, dieser Umstand provoziert anderswo - je nach Temperament - blankes Entsetzen oder ungestüme Heiterkeit.

Wird eine große Koalition die Kraft zur Schlachtung solcher heiligen Kühe aufbringen? Dieser Regierungsform wird ja das Potenzial zur Lösung großer Fragen zugeschrieben. Aber die ersten Anzeichen sind nicht ermutigend. "Urgestein" Fritz Neugebauer, kompromissloser Gesamtschulgegner, dem sogar Schulversuche zu weit gehen, ist im ÖVP-Verhandlungsteam. Auf der anderen Seite sind für die SPÖ die Studiengebühren nicht verhandelbar. Immerhin: Im Vorschulbereich gibt es eine Annäherung.

Max Weber hat die Politik mit dem Bohren harter Bretter verglichen. Bei der österreichischen Bildungspolitik greift diese Metapher nicht. Gegen diesen Härtegrad der ideologischen Versteinerung hilft kein Holzbohrer. Vielleicht bringen die tektonischen Verschiebungen, die derzeit die globale Weltordnung erschüttern, Bewegung in die fest gefügten Fronten.

Hans Pechar leitet das Institut für "Wissenschaftskommunikation und Hochschulforschung" an der Universität Klagenfurt.