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Große Show im Schauprozess

Von WZ-Korrespondent Wu Gang

Politik

Bo Xilai zeigt sich kämpferisch und widerruft am Tag eins sein Geständnis.


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Peking. Es sind nur wenige Bilder, die das Volksgericht von Jinan über einen Mikroblog an die Öffentlichkeit weitergibt. Sie zeigen - erstmals seit seinem Verschwinden vor 17 Monaten - den angeklagten Bo Xilai, wie er sich einmal an einem Tischchen abstützt und ein andermal die Beine lässig übereinanderschlägt.

Und immer trägt der ehemalige chinesische Spitzenpolitiker ein mildes Lächeln im Gesicht, als würde er sich über das um und für ihn veranstaltete Schauspiel insgeheim amüsieren. Dabei hat sich das Gericht mit der Inszenierung alle Mühe gegeben und extra Polizisten einfliegen lassen, die den 1,83 Meter großen und etwas abgeschlankten Bo noch einmal um eine Kopfhöhe überragen. Klein sollte er wirken und reuig, so hätte es das Drehbuch der Parteiführung vorgesehen. Doch selbst die gefilterten Blog-Updates machen schon in den ersten Stunden des Prozesses klar: Bo Xilai kooperiert nicht. Und sollte es jemals einen Deal gegeben haben, der dem Angeklagten bei einem Geständnis ein milderes Urteil und Schonung für seine Familie ermöglicht - er ist mit den ersten Attacken gegen den Kronzeugen hinfällig.

Dabei war alles genau geplant: Kurz nach 8 Uhr morgens erreicht der Konvoi mit dem entmachteten und aus der KP ausgeschlossenen Ex-Parteichef von Chongqing den weiträumig abgesperrten Gerichtskomplex. Wie schon am Tag zuvor demonstrieren vor dem Gebäude sowohl Befürworter als auch Gegner des ehemaligen Politbüromitglieds, diesmal sind es jedoch bedeutend mehr und auch die Polizei schreitet häufiger ein. Ausländische Journalisten oder andere unabhängige Beobachter sind im Gebäude nicht zugelassen, im mit 110 ausgesuchten Personen gefüllten Sitzungssaal sitzen auch fünf Familienmitglieder wie Bos jüngere Schwester Xiaoying.

Der vorsitzende Richter spricht zu Prozessbeginn von einem "extrem komplizierten" Fall, der reich an Daten, Fakten und Zeugenaussagen sei. Gemessen daran wirkt die Anklage der Staatsanwalt jedoch dürftig: Bo werden "Bestechlichkeit, Unterschlagung und Amtsmissbrauch" in einer Gesamthöhe von rund 27 Millionen Yuan (3,3 Millionen Euro) vorgeworfen - überschaubare Vorwürfe für einen Mann, der ein weitaus höheres Vermögen außer Landes geschafft und politische Gegner mit skrupellosen Methoden hinter Gitter gebracht haben soll.

Bo weist alle Vorwürfe zurück

Konkret geht es in diesem Verfahren nur um zwei Anklagepunkte. Zum einen soll Bo als Bürgermeister von Dalian von Tang Xiao Ling, dem Chef der Dalian International Development Ltd. 1,1 Millionen Yuan angenommen haben. Knapp 22 Millionen Yuan sollen zudem vom Unternehmer Xu Ming, dem Präsidenten des Fußballclubs Dalian Shide, gekommen sein. Beim zweiten Vorwurf geht es um Machtmissbrauch: Bo soll seine Position als Parteichef und Gouverneur von Chongqing genutzt haben, um seine Frau Gu Kailai zu decken, die den britischen Geschäftsmann Neil Heywood im November 2011 vergiftet hatte.

Kurz nach Verhandlungsbeginn fragt der Richter den Angeklagten, ob er eine Aussage machen wolle, und Bo bejaht, er wolle auf alle Vorwürfe einzeln antworten. Damit nimmt der Prozess Fahrt auf: Der stolze und machtbewusste Sohn eines alten Revolutionsführers gibt sich kämpferisch, weist alle Vorwürfe von sich und geht vielmehr in die Offensive. Er wüsste nichts über die Einzelheiten jenes Falles, geht Bo zunächst noch auf den ersten Anklagepunkt ein, ehe er die Bombe platzen lässt: Er widerruft sein bereits abgelegtes Geständnis, da er von der Disziplinarkommission so sehr unter "mentalen Druck" gesetzt worden sei, dass sein Gehirn schließlich "leer" gewesen sei. Die Staatsanwaltschaft zeigt sich davon allerdings unbeeindruckt und erklärt das Geständnis für gültig.

Daraufhin greift Bo den Kronzeugen Tang Xiao Ling scharf an, nennt seine Aussage "die hässliche Aufführung eines Mannes, der seine Seele verkauft" und ihn selbst einen "tollwütigen Hund". Erstmals ermahnt der Richter den Angeklagten, er müsse seine Sprache mäßigen. Doch der fährt fort und äußert heftige Zweifel an der vom Gericht verlesenen Aussage seiner Frau Gu Kailai, in der sie zugibt, mehrere hunderttausend Yuan und mehrere zehntausend Dollar aus gemeinsamen Safes der Eheleute entwendet zu haben. Bo kanzelt dies als "lächerlich" ab und sagt, seine Frau hätte selbst über weit mehr Bargeld verfügt, als sie genommen haben soll. Überhaupt hätte er sehr wenig Kontakt zu ihr gehabt und wüsste nichts über finanzielle Unregelmäßigkeiten, schon gar nicht über eine Villa in Südfrankreich, die Geschäftsfreund Heywood für die Familie organisiert haben soll.

Schließlich beschwert er sich noch über den "ungerechten Druck" und die juristischen Fallstricke, die ihm gelegt worden seien: "Ich bin kein perfekter Mann, ich habe auch keinen starken Willen, um so einem Druck standzuhalten." Nach 18 Uhr vertagt sich das Gericht schließlich, der Prozess wird am Freitag fortgesetzt. Vor dem Gerichtsgebäude wird noch immer demonstriert, ein Mann mit einem Mao-Porträt ruft fortwährend: "Bo, ich verneige mich vor Dir!" Er dürfte mit der heutigen Show zufrieden gewesen sein.