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Große Welt der kleinen Dinge

Von Andreas P. Pittler

Politik

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Unser Planet ist reserviert, der Mond ins Grundbuch eingetragen, die Sonne Gegenstand eines Notariatsaktes. Die Städte sind numeriert, die Straßen belastet, das Schicksal beziffert. Düster sieht es aus auf der Welt der Ewa Lipska. Doch es gibt ein Licht am Ende des Tunnels: die Liebe. Mag der Lauf der Dinge noch so widrig sein, es gilt, sich sein eigenes Refugium zu schaffen, um auf diese Art dem Unbill der Zeit zu trotzen. Nicht, dass Lipska das Schreckliche nicht wahrnähme, dass sie es verweigerte, nein, sie antwortet nur nicht auf konventionelle Weise. Mit exakter Schärfe, penibler Genauigkeit und einer guten Portion trockenem Witz analysiert sie die Situation und zieht daraus ihre Schlüsse. Und wie die Liebe die Antwort auf eine trostlose Welt sein kann, so ist es mitunter besser, unterwegs zu sein, als an einem falschen Ort zu verharren. Denn wer fortschreitet, also unterwegs ist, der macht sich auf zu neuen Ufern, sucht und findet Übergänge, lebt Entwicklung.

Ewa Lipskas Poesie ist voll Lakonie. Keine Ausschmückungen, kein bombastischer Firlefanz, ja mitunter nicht einmal Kommas. Ein, zwei Worte, die exakt umreißen, worum es geht. Lipska ist sparsam mit ihrer Sprache, und nicht selten wird ihr eine pessimistische Grundstimmung angesichts des mannigfachen Ungemachs attestiert, auf welches sie mit der Flucht ins kleine Glück reagiere. Doch steht dieser Pessimismus nicht allein in ihrer Lyrik, er wird gebrochen durch Ironie und immer wieder aufblitzenden Humor, der immer schon ein probates Mittel gegen die Furcht war. Mag die Lage mitunter hoffnungslos sein, so sei sie wenigstens nicht ernst. Und so erhebt uns Lipska mit ihren Wortbildern vom nackten Beton der Wirklichkeit auf die helle Wolke der Phantasie. Wenigstens ein Gedicht lang.

Ewa Lipska wurde 1945 in Krakau geboren und gilt als eine der angesehensten polnischen Lyrikerinnen der Gegenwart. Sie arbeitete lange in einem Verlag und gehörte den Redaktionen verschiedener Literaturzeitschriften in Polen an. In Wien wurde sie vor allem als Leiterin des Polnischen Kulturinstituts bekannt, ehe der Droschl-Verlag nun ihr Werk in einer schmucken Sammlung dem deutschsprachigen Publikum näher bringt. Der vorliegende Band enthält eine Auswahl aus sechs Büchern der Lyrikerin, die einen ersten Einblick in ihr Schaffen bietet und auf weitere Kostproben ihrer Kunst hoffen lässt.

Ewa Lipska: Achtung: Stufe. Verlag Droschl, Graz 2004, 104 Seiten, 21 Euro