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Großmütter erhöhen die Chancen der Enkel nur für gewisse Zeit

Von Eva Stanzl

Wissen
© Coll. Human Life History Group/Univ. Turku

Jüngere Omas steigern die Überlebenschancen von Kleinkindern, ältere senken diese signifikant - vermutlich aus Konkurrenz.


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Wien. Großmütter erhöhen die Überlebenschancen ihrer Enkelkinder, aber nur bis zu einem gewissen Alter. Ist Oma zu sehr betagt, schränkt sie die Möglichkeiten der Kleinen ein. Zu diesem Ergebnis kommt ein finnisches Forschungsteam im Fachmagazin "Current Biology". Die Studie leistet einen neuen Beitrag zur Lösung des Rätsels der Menopause.

Wallungen, Stimmungsschwankungen, Gewichtszunahme, sprödere Haare und eine sensiblere Haut: Der Wechsel ist einschneidend in den Leben von Frauen. Doch warum sich die Evolution entschieden hat, der weiblichen Fruchtbarkeit lang vor dem Tod ein Ende zu setzen, ist wenig geklärt. Anders als alle anderen Weibchen im Tierreich leben Menschenfrauen viele weitere Jahre, ohne sich fortpflanzen zu können. Die "Großmutter-Theorie" erklärt die Funktion dieses zusätzlichen Lebensabschnittes damit, dass diese ihren mit Schwangerschaften und Geburten beschäftigten Töchtern und Schwiegertöchtern bei der Aufzucht der Nachkommen helfen und so deren Überlebenschancen erhöhen. Immerhin kommt kein Tier so unausgereift zur Welt und braucht so lange zum Erwachsenwerden wie der Mensch.

Biologen um Simon Chapman von der Universität Turku in Finnland haben die Großmutter-Theorie überprüft. Sie interessierte die Tatsache, dass immer mehr Frauen ihre Großmutter-Funktion um viele Jahre überleben. Was dies ein reines Ergebnis des Wohlstands oder ein Werk der Evolution?

Die Forschenden nahmen Gemeinderegister aus dem vorindustriellen Finnland unter die Lupe, als die Zustände hart waren und die Kindersterblichkeit hoch. Chapman und seine Kolleginnen und Kollegen überprüften, wie das Alter und die Gesundheit der Großmütter sich auf das Überleben von zwischen 1731 und 1890 geborenen Enkelkindern auswirkte.

Wie sich zeigte, erhöhen die Mütter der Mütter die Chancen von Kleinkindern zwischen zwei und fünf Jahren um fast 30 Prozent. Laut den Forschenden ist dies ein Beweis dafür, dass eine verlängerte weibliche Lebensspanne im Sinne der Selektion ist. Wenn hingegen die Mütter der Väter über 75 Jahre alt waren oder bereits im Sterben lagen, hatten Babys eine um 75 Prozent geringere Chance, ihren zweiten Geburtstag zu erleben. "Wir waren sehr überrascht, dass gerade alte und schwache Großmütter väterlicherseits sich für die Kinder als schädlich erwiesen", wird Chapman in einer Aussendung seiner Universität zitiert. "Die dahinterstehenden Mechanismen sind noch zu erforschen. Unser Verdacht ist, dass es an einer Art Konkurrenzkampf liegt zwischen Menschen, die unter einem Dach leben, wobei die Eltern ihre beschränkten Ressourcen zwischen abhängigen Kleinkindern und ebenfalls abhängigen Großmüttern aufteilen."

Laut den Forschern evolvierte die zweite, unfruchtbare Lebensphase der Frauen somit durchaus, damit Omas ihren Enkeln nützen. Die Vorteile flauen jedoch mit dem Alter ab. Mit zunehmender Gebrechlichkeit seien die Frauen immer weniger in der Lage, mit anzupacken, weswegen die Evolution dem menschlichen Leben auch ein Ende setze. In modernen Industrienationen sind die Menschen besser ernährt und medizinisch besser versorgt und leben länger als früher. Im Licht der Ergebnisse gewinnt das Streben nach einem gesunden Leben laut den Forschern jedoch an Gewicht.