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Großteil wurde "atypisch" beschäftigt

Von Veronika Gasser

Politik

Das Arbeitsmarktservice (AMS) Österreich hat die Daten zum ersten Halbjahr vorgelegt. Die Statistik liest sich erfreulich: Die Zahl der unselbständig Beschäftigten stieg auf 3,1 Millionen und die Zahl der Arbeitslosen sank um 29.300 Personen auf 215.000. Die Arbeitslosenquote ist gegenüber dem Vorjahr von 7,4 auf 6,5 Prozent gesunken und könnte - so die hoffnungsvollen Prognosen - bis zum Jahresende auf unter 6 Prozent sinken. Der Großteil der neuen Jobs sind allerdings keine Vollzeitarbeitsplätze, sondern atypische Beschäftigungsverhältnissen oder projektbezogenen Jobs, oft ohne arbeitsrechtliche Absicherung.


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Ein weiterer Grund für den Trend am Arbeitsmarkt - Rückgang der Arbeitslosigkeit um 29.300 Personen - ist die gute Konjunktur. Der Beschäftigungsanstieg um 1,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr hätte allerdings kräftiger ausfallen können, wären die vom AMS angebotenen Jobsuchenden besser qualifiziert, betont AMS-Vorstand Herbert Böhm: "Wenn die Konjunktur weiter anhält, wird die Arbeitslosenzahl unter 200.000 sinken."

Der Arbeitsmarkt entwickelt sich sehr dynamisch und im Jahresschnitt sind bis zu 800.000 Personen beim öffentlichen Arbeitsvermittler - manche nur einen Tag - vorgemerkt, ein großer Teil davon sind Saisonarbeitskräfte.

Ein besonderes Augenmerk legt das "alte" Vorstandsmitglied - jetzt in einer neuen Funktionsperiode - auf die Qualifizierung von Arbeitssuchenden. Prinzipiell muss Österreich auf Grund der EU-Vorgaben im Nationalen Aktionsplan für Beschäftigung rund 20 Prozent der lange Zeit arbeitslos Gemeldeten in Schulungen bringen. "Standardisierte Kurse helfen allerdings nicht", weiß Böhm. Derzeit sind etwa 55.000 Arbeitslose in Kursen, im Vorjahr waren es 44.000. Vorrang bei unseren Kursen hat, so der AMS-Vorstand nicht die Dauer, sondern "ob die Kenntnisse später angewandt werden können."

"Job Coaching"

Ein anderer Schwerpunkt ist das "Job Coaching": Hier sollen Arbeitslose lernen sich selbst zu vermitteln. Die Realität sieht leider oft anders aus. Ein betroffener Arbeitsloser, etwas höhnisch: "Im Job-Coaching lernt man Händchen-Halten und positives Denken. Die Veranstaltungen erinnern an Gruppendynamik-Seminare. Ich zum Beispiel habe mich dabei in die Seminarleiterin verliebt - noch dazu unglücklich. Meiner Meinung nach ist diese Maßnahme nicht effizient, um einen Job zu finden."

Josef Wallner, Arbeitsmarktexperte der AK, erläutert gegenüber der "Wiener Zeitung" die Probleme bei Schulungen: "Viele der Schulungen sind gut und wichtig, doch muss die Kooperation mit den Betrieben verbessert werden." Wallner sieht die Gefahr, dass beispielsweise High-Tech-Betriebe eine Zusammenarbeit nur halbherzig anbieten: "Diese haben die Erwartung, dass die Ausbildung nicht mehr im Betrieb, sondern von anderer Stelle vorgenommen werden soll." Das Argument lautet: Soll ich in die Ausbildung eines Arbeitnehmers investieren, wenn ich nicht weiß, wie lang er im Betrieb bleibt? Die Folge: In den Unternehmen entsteht ein Mangel an Kenntnissen, welche dort auch nicht mehr nachproduziert werden können.

Zukauf von Know-How

Durch diese Haltung wird eine Tendenz zur Auslagerung von Arbeitsgebieten befördert, die den Zukauf von Personal und Know-How erzwingt. Das AMS muss nun dieser Entwicklung Rechnung tragen und verstärkt die Verantwortung für die Ausbildung der Jobsuchenden übernehmen.

Ein Großteil der vom AMS Vermittelten ist in atypischen Beschäftigungsverhältnissen oder bei Personal-Leasingfirmen untergekommen, denn diese Firmen sind Großkunden des Arbeitsmarktservice.

Die AK bewertet die gesunkene Zahl der Arbeitslosen prinzipiell als günstig. "Parallel beobachten wir aber eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und der -verträge", sorgt sich Wallner. Denn die "flexiblen" Arbeitsverhältnisse, ohne arbeitsrechtliche Absicherung, führen häufiger zu temporärer Arbeitslosigkeit. Als Gefahr droht Personen, die wieder in die Arbeitslosigkeit gleiten, entweder ein Verlust des Arbeitslosengeldes oder ein geringeres Arbeitslosengeld. Der AK-Experte fordert: "Diese Probleme der verminderten Absicherung müssen dringend bald überdacht und geändert werden."