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Grüne Guerilla

Von Anita Ericson

Reflexionen

Pflanzen lassen sich nicht vorschreiben, | wo sie zu wachsen haben. Guerilla Gardener nicht, wo sie noch mehr anpflanzen möchten.


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Eine Gstettn ist eine Fläche im verbauten Gebiet, die man aus der menschlichen Nutzung entlassen hat und sich selbst entwickeln lässt." Wenn Wilfried Doppler von der Wiener Umweltanwaltschaft das so sagt, kommen glückliche Kindheitserinnerungen hoch, von zwischen verdörrten Gräsern entdeckten Eidechsen und wilden Fangerlspielen unter riesigen Haselnusssträuchern. Und der Nachwuchs von heute? Der kann das noch immer täglich aufs Neue in Wien erleben: Gstettn sind, wie das Unkraut auf ihnen, nicht auszurotten. Doppler: "Diese Stadtbrachen oder Stadtwildnisgebiete sind sehr dynamisch: hier eine Gärtnerei, die zusperrt, dort ein Zinshaus, das abgerissen wird." Bis die Flächen umgewidmet, die Baupläne genehmigt, die Finanzierung gesichert ist, hat die Natur Zeit, sich ein Stück zurückzuerobern. Und die nützt sie in Windeseile.

Ein ausgetrampelter Pfad, der von Brennesseln bedrängt wird, strohige Grashalme, Schlingpflanzen, die eine alte Mauer zudecken. Ein paar morsche Latten vom Gebüsch überwuchert. Ein erfrischender Teich, dessen Baden-verboten-Schilder niemandem das Badevergnügen trüben. Gstettn sind in einer Stadtwelt voller Normen und strengen Regeln die letzten anarchen Flächen. Chaos außerhalb der Alltagsordnung, etwas sein lassen statt es zu formen - Stadtbrachen sind wertvolle Rückzugsräume für die Seelen von Erwachsenen und für die Fantasie von Kindern. Konventionelle Spielplätze können, selbst wenn sie nach den neuesten erlebnispädagogischen Erkenntnissen gestaltet sind, niemals so spannend sein wie ein Stück einfacher Natur. Verstecken spielen, Unterschlüpfe basteln, Gruben graben, Tiere beobachten, Blumen pflücken. Naturnahe Räume mitten in urbanen Ballungszentren tun uns allen wunderbar gut.

Die Gstettn gibt es in allen Größen: von der Baulücke in der City, die kurzfristig zum Parkplatz umfunktioniert wird und wo sich zähe Pflänzchen ihren Weg durch den harten Boden an die Oberfläche bahnen, bis zur aufgelassenen Fabrik mit verrosteten Gerätschaften und zerbröckelnden Mauern, von denen niemand mehr genau weiß, wozu das alles eigentlich einmal gedient hat. Kräuter und Moose, die in Pflasterritzen sprießen sind die kleinste Ausprägungen von Gstettn, die noch im dichtesten Siedlungsraum zu finden sind.

Grün im öffentlichen RAum. Das Auge des Betrachters erfreut sich am unerwarteten Grün. Guerilla Gardener helfen dem nach und tragen Grünes auch mitten in den öffentlichen Raum, wo von alleine nichts mehr gedeihen würde.

Guerilla Gardening ist eine Bewegung, die vom Londoner Richard Reynolds neu initiiert wurde, mit dem Ziel, den Kampf gegen die Verwahrlosung und Tristesse in der Stadt aufzunehmen. Ursprünglich das erste Mal praktiziert wurde Guerilla Gardening im 17. Jahrhundert, als arme englische Arbeiter brachliegende Flächen mit Gemüse gegen den eigenen

Hunger bepflanzten. Reynold greift diesen Gedanken auf und trägt ihn symbolisch weiter: Er pflanzt Krokusse auf Verkehrsinseln, lässt Tomaten am Stamm von Alleebäumen wachsen oder setzt Sonnenblumen unter Stoppschilder. Wie der Name Guerilla impliziert, bewegen sich Reynolds und seine Anhänger im legalen Graubereich.

In Wien gibt es seit 2007 die Gruppe

Kampolerta, die sich ganz allgemein der ungewöhnlichen Nutzung von öffentlichen Räumen verschreibt. Das Repertoire des rund 25 Leute umfassenden Kollektivs reicht von Guerilla Gardening Aktionen über Installationen und Performances im öffentlichen Raum bis hin zur Bespielung von ungenutzten Freiräumen wie Baulücken, Verkehrsinseln oder vergessenen Märkten. Wie die meisten Mitglieder von Kampolerta ist auch Michael Landschaftsarchitekt: "Der öffentliche Raum wird zunehmend von Werbeflächen diktiert. Von Leuten, denen er eigentlich offenstehen sollte, wird er kaum mehr genützt." Um darauf hinzuweisen, dass öffentlicher Raum jedem gehört, lancieren die Kampolertas spontane Aktionen wie beispielsweise im vorigen Sommer, als sie in U-Bahn-Stationen Topfpflanzen aussetzten und die verwaisten Aschenbecher begrünten oder Gemüse und Kräuter am Max-Winter-Platz im Stuwerviertel einsetzten. "Der öffentliche Raum ist für alle da. Nehmt ihn in Besitz!", sagt Irene, ebenfalls Landschaftsarchitektin und Kampolerta-Mitglied der ersten Stunde. "Über Architektur wird so viel gesprochen, über Park- und Platzgestaltung hingegen kaum." Michael fällt ihr ins Wort: "Grün zu pflanzen ist wesentlich mehr als bloße Stadtbehübschung." Gärtnern hat etwa auch eine soziale Komponente. Michaels Utopie wäre ein Gemeinschaftsgarten in jedem Bezirk, der die Bewohner aus ihren engen Wohnungen ins Freie und zueinander bringt.

Sozialer Wert. Grün im grauen Stadtdschungel hat optischen und sozialen Wert. Wilfried Doppler ist Referent für Naturschutz in der Wiener Umweltanwaltschaft und er weist besonders auch auf den ökologischen Nutzen von Grünflächen innerhalb des verbauten Gebiets hin: "Der Temperaturunterschied zwischen Stadtzentrum und Peripherie kann bis zu acht Grad betragen. In der Wiener City werden durchschnittlich zwei Grad mehr gemessen als in den Außenbezirken." Städtisches Grün mildert die Hitze der Sommernächte, "besonders in Zeiten des Klimawandels muss der Aufheizung der Städte mit entsprechender Pflanzenmasse entgegengewirkt werden." Gebäude und Straßen versiegeln zudem den Boden, Wasser kann nicht mehr versickern und fehlt dann im Sommer, sodass künstlich bewässert werden muss. Kletterpflanzen wirken zudem als Staubfilter.

Damit singt Doppler auch ein Loblied auf die Gstettn, die ohne teure Pflege von ganz alleine zur Verbesserung des Mikroklimas beitragen. So dynamisch wie Stadtbrachen entstehen und wieder zugebaut werden, so dynamisch entwickelt sich Flora und Fauna auf ihnen. "Auf trockenen, schottrigen Böden entsteht eine karge, schüttere Vegetation, auf nährstoffreichen Böden schießen die Ackerunkräuter aus dem Boden", erzählt der Naturschutzreferent über die erste Besiedelungswelle jeder Gstettn. Woher die Pflanzen so plötzlich kommen? Da gibt es Samen, die hundert Jahre und länger im Boden überleben, um sofort zu keimen, wenn die Umstände passen. Da gibt es Streuner, die von Wind oder Insekten über weite Strecken transportiert werden. Da gibt es Stauden, die unterirdische Ausläufer bilden.

In den ersten Jahren pendelt sich die niedrige Vegetation ein, bis schließlich die Gehölze und die Bäume kommen. Das dauert eine Weile, weil es zunächst nur wenige Baumsamen schaffen, sich in der dichten Krautschicht durchzusetzen. Haben schließlich einige Jungpflänzchen überlebt, verschwinden in ihrem Schatten dann nach und nach die Kräuter. "Ließe man Gstettn ganz sich selbst überlassen, würde am Ende ein Wald entstehen." Egal ob Wiese, Gestrüpp oder Wald, Gstettn sind wertvolle Lebensräume für Insekten und Vögel und kleinere Wildtiere wie Mäuse, Fuchs, Dachs oder Marder.

ERholungsgebiet Gstettn. Typische Wiener Gstettn sind die Aspanggründe im dritten Bezirk, große, frei zugängliche Baulücken. Die bekannteste

Wiener Stadtbrache ist das ehemalige Ziegelwerk am Wienerberg, das heute als Erholungsgebiet genutzt wird. Artenreiche Wiesen wechseln mit Baum- und Strauchgruppen, teils sind die Flächen gemäht, teils sich selbst überlassen. In Transdanubien dient die aufgelassene Schottergrube an der Wagramer Straße heute als Süßenbrunner Badeteich. Die Wiesenbereiche sind als Liegeflächen gepflegt, am südlichen Ufer lässt man der Natur freien Lauf. Auch in Parks findet man Wildnisgebiet wie etwa im Auer-Welsbach-Park an Stelle eines abgerissenen Kinderfreibads. Uferböschungen wie am Wienfluss oder das Rückhaltebecken im Auhof, das befestigte Bachbett der Liesing oder ihre renaturierten Ufer, das Grün am Donaukanal - auch Gstettn an Fließgewässern verdienen Beachtung.

info

broschüre.

"Am Anfang war die Gstettn - Wiener Stadtwildnisflächen" - ein Wiener Gstettnführer - ist gratis erhältlich bei der Wiener Umweltanwaltschaft;

T: 01/379 79, www.wua-wien.at

Blogs.

www.guerillagardening.org

kampolerta.blogspot.com