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Grünfärberei

Von Michael Ortner

Wirtschaft
Nicht alles, was auf den Finanzmärkten grün leuchtet, ist auch grün.
© getty images / Elva Etienne

Grüne Investments boomen. In vielen Produkten tauchen jedoch Firmen auf, die an fossilen Brennstoffen verdienen.


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Der Strom ist grün. Der Beton ist grün. Der Flug nach Barcelona ist grün. Was vorher umweltschädlich war, ist plötzlich nachhaltig. Ob Auto, Wohnung oder Kleidung: Klimafreundlich verkauft sich gut. Unternehmen verpassen sich einen grünen Anstrich. Sie wollen uns ein gutes Gewissen verkaufen. So gut wie kein Produkt kommt heute mehr ohne das Label "nachhaltig" aus. Der Begriff, der ursprünglich aus der Forstwirtschaft kommt, wird strapaziert. Kaffeekapseln aus Aluminium sind nachhaltig, der Thunfisch auf der Pizza ist nachhaltig. Das Shampoo ist nachhaltig. Nachhaltigkeit verkommt zur Worthülse.

Wie gut sich mit Nachhaltigkeit Geschäfte machen lassen, hat auch die Finanzbranche erkannt. Grüne Investments boomen. Finanzprodukte mit den Labels "Öko", "Grün" und "Nachhaltig" schießen wie Schwammerln aus dem Boden. Aktienfonds werben mit Unternehmen, die Windräder aufstellen, die Gleichberechtigung forcieren oder sozialen Wohnbau finanzieren. Zahlen des Global Sustainable Investments Alliance Report zufolge sind inzwischen 35,3 Billionen Dollar weltweit in nachhaltige Investments angelegt. Das entspricht 92 Mal der Wirtschaftsleistung von Österreich. Von 2018 bis 2020 sind die nachhaltigen Investments um 15 Prozent gewachsen.

Doch nicht alles, was grün leuchtet, ist auch wirklich grün. Der Vorwurf von Greenwashing, also dem Versuch, sich möglichst umweltfreundlich und umweltbewusst darzustellen, lastet auf der Finanzbranche. Die britische Denkfabrik "Influence Map" untersuchte 130 sogenannte "Klimafonds". Das Ergebnis war ernüchternd. Mehr als die Hälfte von ihnen erfüllten nicht die Vorgaben des Pariser Klimaabkommens. In vermeintlich klimabewussten Anlageprodukten tauchen Firmen auf, die ihr Geld mit fossilen Energien verdienen. Es fehlt an Transparenz, verpflichtenden und einheitlichen Kriterien, was ein ökologisches Investment ist und was nicht. Umweltschutzorganisationen kritisieren, dass Banken und Pensionsfonds die Risiken fossiler Investments noch nicht eingepreist haben. Und wie die Wirkung grüner Investments auf die Umwelt gemessen werden soll, steht auf einem anderen Blatt.

Hebel oder Hemmschuh

Klimaforscher, Fondsmanager und Klimaaktivisten sind sich einig, dass ohne den Finanzmarkt die Klimakrise nicht zu meistern sein wird. Um den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, müssen die Treibhausgas-Emissionen weltweit sinken. Doch die Transformation verlangt enorme Investitionen. Staaten allein können sie nicht stemmen. Darum brauchen sie die Finanzbranche. Investmentfonds, Vermögensverwalter, Pensionskassen und Banken können ein großer Hebel sein - oder ein Hemmschuh. Denn sie entscheiden, ob in Zukunft vermehrt in Windräder oder Ölplattformen investiert wird. Sie können die großen Kapitalflüsse in Richtung Nachhaltigkeit umlenken.

Der Druck auf die Finanzbranche wächst. Sie muss ihre Investmentstrategie ändern und aus Branchen mit hohem CO2-Ausstoß aussteigen. Erst kürzlich sorgte einer der größten Pensionsfonds der Welt für eine Überraschung. Der niederländische Fonds ABP, der die Altersvorsorge von staatlichen Angestellten und Lehrern finanziert, trennt sich von seinen Anlagen aus dem Öl-, Gas- und Kohlegeschäft. In Summe geht es um 80 Beteiligungen in Höhe von 15 Milliarden Euro. Das sind zwar nur knapp drei Prozent des 528 Milliarden Dollar schweren verwalteten Vermögens, aber ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.

Noch fehlt es aber an Transparenz. "Es ist nach wie vor schwer festzustellen, wie nachhaltig ein Finanzprodukt ist", sagt Erika Singer, Programmmanagerin Sustainable Finance beim WWF. Momentan gebe es nur sehr grobe Vorgaben durch die europäische Offenlegungsverordnung, sagt sie. Finanzunternehmen müssen seit März 2021 belegen, wie nachhaltig ihre Angebote sind. "Die Vorgaben, inwieweit ein Nachhaltigkeitsnutzen besteht, sind sehr vage. Unternehmen können alle möglichen Informationen bereitstellen, die es schwer vergleichbar machen", sagt Singer, die zwölf Jahre im Finanzsektor gearbeitet hat.

Kritik kommt nicht nur von Umweltorganisationen, sondern auch von Aufsichtsbehörden. "Noch gibt es keine einheitlichen Mindeststandards für nachhaltige Geldanlagen und kein unabhängiges Verbraucherlabel", schreibt die deutsche Finanzaufsicht BaFin auf ihrer Website. Jeder Anbieter auf dem Finanzmarkt verstehe etwas anderes unter "grün" oder "ökologisch".

Die EU-Offenlegungsverordnung ist ein großer Schritt nach vorne, entgegnet der Fondsmanager Jörg Moshuber. "Jeder Fonds, der von sich behauptet, dass er nachhaltig ist, muss darstellen, wie er es macht", sagt Moshuber, der bei Europas größtem Vermögensverwalter Amundi die Ethik-Fonds-Familie verantwortet. In den Fonds sind nur Aktien und Anleihen versammelt, die einen Fokus auf Umwelt, soziale Verantwortung und gute Unternehmensführung legen, die sogenannten ESG-Kriterien. ESG steht für Environmental, Social und Governance. Im Amundi Ethik Fonds finden sich unter anderem Solarunternehmen, Pharmafirmen, eine Baumarktkette und IT-Konzerne.

Unternehmen, die mehr als fünf Prozent ihres Umsatzes mit fossilen Energieträgern generieren, sind ausgeschlossen. Moshuber betont, dass der Fonds mit dem österreichischen Umweltzeichen ausgezeichnet ist. Der Verein für Konsumenteninformation vergibt es im Auftrag des Klimaministeriums an Finanzprodukte, die Gewinne durch nachhaltige Investitionen erzielen. Investments in fossile Energien, Gentechnik, Rüstung und Atomkraft sind ausgeschlossen. Das schafft Transparenz für den Anleger. Noch gibt es aber keine gesetzlich verbindlichen Bestimmungen, was als nachhaltig gilt und was nicht.

Grüner Atomstrom?

Das betrifft aktuell auch die Atomkraft. Befürworter sehen in der Kernkraft eine CO2-arme Energiequelle, um die Klimaziele zu erreichen. Gegner lehnen sie mit dem Hinweis auf den Atommüll konsequent ab. Auf EU-Ebene wird derzeit darüber gestritten, ob Atomkraft grün ist oder nicht. Das Ergebnis wird im zentralen Regelwerk, der EU-Taxonomie, festgeschrieben. Auf hunderten Seiten definiert die EU darin ihre Umweltziele.

"Die EU-Taxonomie ist eine einmalige und klare Definition, was als nachhaltig gelten kann. Die Kriterien müssen möglichst wissenschaftsbasierenden Regeln folgen. Atomkraft und fossiles Gas haben demnach in der Taxonomie nichts verloren", fordert Singer. Das Regelwerk strahlt auch auf den Finanzmarkt aus. Wenn Brüssel Atomkraft als nachhaltig einstuft, könnten Banken das als Empfehlung werten, Kernkraftwerke zu finanzieren. Der schlechte Ruf der Atomkraft wäre reingewaschen, Atomstrom künftig grün.