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Eine Dame ohne Hut wäre im englischen Ascot beim berühmtesten Pferderennen der Welt schlichtweg "shocking". Und das Prinzip des weiblichen Teils des englischen Königshauses, sich niemals ohne elegante Kopfbedeckung in der Öffentlichkeit zu zeigen, tut ein Übriges, um dem Inselstaat zu einer florierenden Hutindustrie zu verhelfen.
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In Österreich ist das allerdings etwas anders. Mit dem Untergang der Monarchie ließ hierzulande auch die Liebe zum Hut nach. Doch davon ließ sich Franz Wanke nicht beeindrucken. Der gelernte Hutmacher hatte zuerst im 10. Wiener Gemeindebezirk gemeinsam mit seinem Bruder einen Betrieb zur Erzeugung von Herrenhüten gegründet. Im Jahr 1936 übersiedelte er jedoch mit seiner Frau Hilda in den 4. Bezirk und verlegte sich dort auf die Produktion von exklusiven Damenhüten. Aufgrund der florierenden Auftragslage wurde sogar ein Zweigbetrieb für die Kappenerzeugung in Salzburg gegründet, der jedoch nach sechs Jahren wieder aufgegeben wurde.
Seit 1977 führen Franz Wankes Sohn Josef und seine Frau Ingrid das Geschäft, 1992 stieg auch deren Sohn Marcus ein. Im Unternehmen sind sechs Mitarbeiter beschäftigt.
Das Tragen eines Hutes sei leider ein wenig aus der Mode gekommen, "die Frauen schmücken sich zu wenig", bedauert Josef Wanke im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Nur zu besonderen Anlässen sei der Hut ein gefragtes Accessoire. Besonders im Sommer würde er ihn im Stadtbild vermissen. Das Unternehmen der Wankes, die "Wiener Modellhut Ges.m.b.H.", sei aber immerhin eine der wenigen Hutfabriken in Wien, die heute noch existiere - vor dem Krieg hätten mehr als 60 Betriebe den Markt mit Hüten versorgt, erzählt der Seniorchef.
Hoher Exportanteil
Vom Verkauf nur in Österreich könnte aber auch er nicht leben, der Exportanteil des Unternehmens liegt bei 75%. Absatzmarkt dafür ist Europa. Der Rückgang der Hutmacherbetriebe hat sich auch auf die Zulieferer ausgewirkt: Gutes Material zu bekommen sei heute sehr schwierig, sagt Ingrid Wanke. Aus Fernost beziehen sie die Stroharten Sisol, Parasisol und Bacou für die Sommerhüte, aus Europa kommen die Haarstumpen für die Wintermodelle. Besonders aber die Garnituren, also der Aufputz eines Hutes, stellen die Hutmacher immer wieder vor neue Probleme. Entweder sei die Qualität nicht entsprechend oder aber der Preis viel zu hoch, erklärt das Ehepaar.
Echte Handarbeit
Das Halbfabrikat, Stumpen oder Capeline, werden zugekauft. Der Hutmacher zieht es dann in feuchtem und heißem Zustand auf eine Holzform, nach dem Trocknen wird die Oberfläche bearbeitet. Die Modistin versieht den in Form gebrachten Hut mit Garnituren.
Schwierige Lehrlingssuche
Auch mit dem Nachwuchs sei es schwierig: Die Lehre zum Hutmacher oder Modisten sei zwar von drei auf zwei Jahre verkürzt worden, es fänden sich aber trotzdem kaum geeignete Bewerber. Und wenn ein Lehrling ausgebildet sei, bleibe er meist nicht in der Branche.
Bei Ingrid Wanke war es genau umgekehrt: Die gelernte Schneiderin hat auf Modisterei umgesattelt und auch die Meisterprüfung gemacht. Heute bildet sie die Lehrlinge aus und ist für den Entwurf von zwei Kollektionen pro Jahr verantwortlich. Mit denen reisen dann Vater und Sohn durch Europa: Der persönliche Kundenkontakt sei sehr wichtig, betonen Josef und Marcus Wanke. Dabei könne man viel besser auf individuelle Wünsche eingehen. Produziert wird nach Auftragserteilung, es gibt keine Lagerhaltung.
Die Zukunft sieht die Familie trotz aller Schwierigkeiten nicht allzu düster: Auch Marcus will weiterhin reisen und auf Bestellung produzieren. Auch die zwei Kollektionen pro Jahr sollen bleiben, allerdings möchte er den Namen "Wiener Modell", der seit 50 Jahren gesetzlich geschützt ist, mittels vermehrter Public Relations präsenter machen. Eine Kooperation mit einer Boutiquenkette in Wien, für deren Geschäfte das Unternehmen einige Exklusivmodelle herstellt, oder der entsprechende "Kopfschmuck" für Modenschauen scheinen ein guter Anfang zu sein. Und dass dieser Anfang auch zu einem guten Ende führt, ist durch den Junior gesichert: Er hat nach dem Handelsschulabschluss Hutmacher gelernt und plant bereits die Meisterprüfung.
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