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Gut, dass es (noch) einen Weltpolizisten gibt

Von Christian Ortner

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Christian Ortner.

Der Krieg gegen den Irak Saddam Husseins war ein Fehler. Deswegen jetzt keinen Krieg gegen den IS-Terror zu führen, könnte auch einer sein.


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Spät, halbherzig, aber besser als gar nichts: Dass die USA nun sehr begrenzte Luftschläge gegen die Terrororganisation IS im Irak führen werden, war mehr als überfällig. Dass die Europäer dabei auch weiterhin nonchalant wegsehen und den USA die Rolle des Weltpolizisten überlassen, muss man verstehen. Schließlich hat Europa mit dem barbarischen Käse-Boykott der Russen, der den müden alten Kontinent in den Grundfesten erschüttert, mehr als genug zu tun.

Was kein wirkliches Ruhmesblatt für das Friedensprojekt Europa ist. Denn was sich derzeit in den von der IS kontrollierten Teilen des Irak und Syriens abspielt, gleicht jenen Zivilisationsbrüchen, wie sie die Nazis in Osteuropa oder die Serben in Srebrenica veranstalteten. Es sind immer dieselben Bilder: hunderte junge Männer, die sich auf den Boden legen müssen und eine Kugel in den Kopf bekommen; Peiniger, die am Flussufer einem Gefangenen nach dem anderen den Fangschuss verpassen, bis sich das Wasser rot vom Blut der Opfer färbt. Da sind Kreuzigungen an der Tagesordnung und das Abschlagen von Köpfen mit dem Schwert; zum Opfer kann jeder werden, der den IS-Schlächtern nicht zu Gesichte steht.

Dass der Öffentlichkeit im Westen das Ausmaß der Barbarei noch immer nicht genug bewusst ist, liegt an einem bizarren Medienparadoxon: Die Videos, die sie dokumentieren, sind so brutal, dass kein TV-Sender sie ausstrahlen kann. Das dürfte auch ein Grund sein, warum die scheinbar zivilisierte Welt sich diesem Ausbruch des Bösen nicht angemessen gestellt hat: Solange nicht ausreichend viele Wähler im Westen ausreichend viele Leichen im TV gesehen haben, gibt es keinen Druck auf die Regierungen, den IS-Schlächtern so konsequent das Handwerk zu legen, wie das etwa am Balkan in den 1990ern spät, aber doch durch eine robuste Militärintervention gegen Slobodan Milosevics Mordbuben gelang.

Das Zögern des Westens hat mehrere Gründe, und keiner davon gibt Grund zum Stolz. Da ist einmal die nahezu traumatische Erfahrung des Westens mit Militärinterventionen in Arabien in den vergangenen Jahrzehnten, die beinahe ausnahmslos schiefgingen. Vom Irak über Libyen bis hin zur naiven Unterstützung des Arabischen Frühlings verschlimmerte nahezu jeder westliche Eingriff dort die ohnehin schon üble Lage. Das macht aus begreiflichen Gründen nicht eben große Lust, sich jetzt auch mit der blutrünstigen IS ernsthaft und vor allem am Boden militärisch auseinanderzusetzen. Dazu kommt, dass eine derartige militärische Operation vermutlich ähnlich schwer zu gewinnen wäre wie der Vietnam-Krieg: Auch die IS würde vermutlich einen blutigen Guerilla-Krieg gegen die Truppen der Ungläubigen führen. Und so ein Krieg käme auch jenen zugute, deren Partei man eher nicht ergreifen möchte, allen voran Syriens Schlächter Bashar al-Assad, gegen den die IS in Syrien erbittert kämpft (etwa, indem sie gefangene Soldaten Assads enthauptet).

Für seine Zögerlichkeit wird Europa früher oder später zahlen müssen.

Je mehr hyperbrutalisierte junge Europäer, die jetzt für die IS kämpfen, in ihre Heimat zurückkehren, umso größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass sie in Europa ein Massaker anrichten, wie sie es im Terror-Kalifat gelernt haben.