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Die militärische Zurückhaltung des Westens in Syrien hatte gute Gründe, aber schlechte Konsequenzen. Sie war wohl ein Fehler.
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Emotional ist ja nur allzu gut nachvollziehbar, dass Europa und die USA nach dem allzu hohen Preis - sowohl an Dollarmilliarden als auch an Menschenleben -, den die Kriege im Irak und in Afghanistan gefordert haben, nicht auch noch in Syrien militärisch intervenieren wollten.
Demokratien ziehen in der Regel ungern in den Krieg; und das ist gut so. Ganz besonders gilt das, wenn die eigene Heimat nicht unmittelbar bedroht erscheint, wie bei allen Nato-Feldzügen von Jugoslawien (ab 1994/95) bis Libyen (2011).
Deshalb und aus berechtigter Furcht davor, einen chaotischen Konflikt zu entfesseln, wie er im Irak nach Saddams Husseins Sturz ausbrach, waren sich die westlichen Führungsmächte seit Beginn des Aufstandes gegen Bashar al-Assad weitgehend einig: Wir mischen uns nicht militärisch ein, sondern höchstens diskret mit Geld und Geheimdiensten.
Die Entscheidung war populär, teils auch strategisch schlüssig und wirkte verantwortungsvoll - sie war aber womöglich trotzdem falsch. Denn der Preis der Nichtintervention in Syrien, den die dortige Bevölkerung zu entrichten hatte, beträgt derzeit rund 20.000 Menschenleben.
Auch wenn es nicht zu beweisen ist, so ist das mit einiger Wahrscheinlichkeit mehr, viel mehr, als ein zügiger Enthauptungsschlag (etwa nach dem Muster der Libyen-Kampagne) gegen das Assad-Regime am Anfang von dessen Schlachterei an Opfern gefordert hätte.
Langsam stellt sich die unerfreuliche Frage: Wenn der Westen bereit ist, 20.000 Opfer des Bürgerkriegs in Syrien als Kollateralschaden seiner bequemen Nichtintervention zu akzeptieren, würde er dann auch 50.000 Tote, 100.000 Tote, 200.000 Tote hinnehmen? Und was unterscheidet eigentlich den nicht geführten Krieg gegen die Baath-Diktatur in Damaskus unter diesem Gesichtspunkt von der seinerzeitigen Nato-Kampagne gegen den Balkan-Schlächter Slobodan Milosevic, heute als notwendiger Krieg weitgehend unumstritten? (Übrigens ohne Mandat der UNO, die damals genauso von Moskau blockiert wurde wie heute im Fall Syriens. So etwas geht schon, wenn man nur will.)
Die Entscheidung, dem Morden und dem daraus resultierenden Bürgerkrieg so lange zuzusehen, schwächt wohl auch allfällige Demokratisierungstendenzen in Syrien nach Assads Sturz: Denn zunehmend geraten die vom Westen militärisch weitgehend im Stich gelassenen Rebellen nun in den Einflussbereich der wahhabitischen Saudis, gemeinhin nicht eben als Verfechter der liberalen Westminster-Demokratie bekannt. Damit droht Syrien genau das, was die Westmächte (angeblich) mit ihrer militärischen Abstinenz verhindern wollten: eine außerordentlich lange und außerordentlich blutige Schlacht zwischen verschiedenen Ethnien, Religionen und ihren jeweiligen ausländischen Sponsoren.
Zwei Verlierer stehen schon fest: Syriens Zivilbevölkerung und die westlichen Demokratien, die sich im Konflikt zunehmend marginalisieren. Freuen können sich hingegen die verbliebenen Despoten dieser Welt. Denn der Westen signalisiert ihnen gerade unmissverständlich: 20.000 Opfer müssen noch lang kein Grund sein, eine derart blutrünstige Diktatur militärisch zu eliminieren.
ortner@wienerzeitung.at

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