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Der EU-Sondergipfel hat die klassische Route unterbunden, neue Wege entstehen.
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Ayvacik/Ankara. Aufgeregt deutet Ahmet auf ein kaum sichtbares Boot weit draußen im Meer vor der dunklen Kulisse der griechischen Ägäisinsel Lesbos. Es sei das einzige Flüchtlingsschiff, das seit zwei Tagen die Passage hinüber geschafft habe. "Gendarmerie und Küstenwache haben alles dichtgemacht", sagt er. Ahmet ist Mitte dreißig, Olivenbauer, der im Winter auf ein paar Ferienhäuser bei der Ortschaft Yesil Liman in der türkischen Canakkale-Provinz aufpasst und regelmäßig am steinigen Strand entlangläuft. Der Wind bläst kalte Luft über das glitzernde, gurgelnde Meer.
Wie aufs Stichwort nähern sich plötzlich sechs Gendarmen in Tarnuniform und mit Maschinenpistolen. Sie wollen Ausweise sehen und erzählen, dass sie das Boot leider zu spät bemerkt hätten. Doch im Prinzip sei das Flüchtlingsgeschäft an dieser Küste beendet. Das zeigten schon die Festnahmezahlen. Am Montag hätten sie tausend Leute in Yesil Liman aufgegriffen, am Freitag nur noch 57.
Seit Juni waren täglich tausende Menschen von diesem hügeligen grünen Küste zwischen den Dörfern Gülpinar und Assos aufgebrochen - nach Lesbos, das zum Greifen nah wirkt. Mehr als 500.000 Ankömmlinge zählte die Internationale Organisation für Migration. Nirgends sind mehr Flüchtlinge aus der Türkei nach Europa gekommen als von diesem rund 50 Kilometer langen Küstenabschnitt, denn hier sorgt der vorherrschende Nordwind dafür, dass sie fast wie von selbst übers Meer getragen werden.
In Yesil Liman, dem "grünen Hafen", liegen zwischen Steinen unzählige Schuhe, Hosen, Rettungsringe, Schwimmwesten, defekte Schlauchboote, aber auch Teddybären und Plastikpuppen. Hinter der Böschung findet man Styroporblöcke, Taschen, Luftpumpen, riesige Kartonagen: Die Menschen haben sie in die Olivenhaine geschleppt und dann auf den Kartons geschlafen.
Inzwischen würden nur noch wenige es wagen, die Überfahrt anzutreten, erklärt Ahmet, der seinen echten Namen auf keinen Fall genannt haben will. Sofort nach dem Sondergipfel mit der EU zur Flüchtlingskrise habe sich alles geändert. In Brüssel war am 29. November ein Aktionsplan vereinbart worden, laut dem Ankara den weiteren Zuzug nach Europa eindämmt und dafür drei Milliarden Euro für eine bessere Versorgung der Flüchtlinge erhält. Mehr als 250 Soldaten patrouillieren jetzt täglich an der Küste. Mindestens 5000 Migranten und mehr als 35 mutmaßliche Schleuser wurden seither festgenommen.
Erleichterung für Anwohner
Wie es vorher zuging, erzählt eine etwa 50-jährige Frau, die in einem der schicken Strandhäuser von Yesil Liman lebt, mit vor Zorn bebender Stimme. "Es waren tausende. Sie kamen Tag und Nacht in unseren Garten. Sie machten uns Angst." Immer wieder wurde geschossen, wenn die Schleuserbanden aufeinander losgingen. "Auch wir wurden belästigt und bedroht. Wenn die Polizei gewollt hätte, hätte sie alle erwischen können, wie sie es jetzt tut." Man merkt ihr die Erleichterung an. "Ich hoffe, dass all diese Leute nie wieder hierherkommen." Andere Ferienhausbesitzer in der dünn besiedelten Region bestätigen, dass die Polizei sich nur höchst selten einmal zu einer Razzia am Strand aufraffte.
"Wenn man sie anrief, weil Bewaffnete herumliefen, sagten sie, wir kommen. Manchmal kamen sie, meistens nicht", berichtet ein Strandhauseigentümer. "Oder sie sagten, machen Sie doch Fotos von den Leuten mit der Kalaschnikow. Sehr witzig. Erst vor zwanzig Tagen wurde ein Mafioso am Strand erschossen." Auf seinem iPad hat der 55-jährige Mann ein Video. Man sieht, wie ein mit Menschen überladenes Boot nach Lesbos tuckert und ein Schiff der türkischen Küstenwache nur 50 Meter entfernt vorbeifährt. "Solche Videos gibt es massenhaft. Sie geben der Küstenwache Geld, damit sie wegschaut."
Aber auch viele normale Bürger dieser landwirtschaftlich geprägten Region haben vom Geschäft mit den Flüchtlingen profitiert. Als Essensbeschaffer, Fahrer, Wächter, Träger der Boote oder als Helfer zum Aufpumpen im Dienst der Schleuserbanden. Auch deshalb sagen viele: "Wir haben nichts gesehen." Wer doch redet, will nicht mit seinem echten Namen zitiert werden.
"Es ist unvorstellbar, wie viel Geld hier im Spiel ist", sagt ein grauhaariger Geschäftsmann aus der Kleinstadt Ayvacik, die rund 20 Kilometer von der Küste entfernt liegt und die wegen ihrer Lage an der Hauptstraße praktisch alle Flüchtlinge auf ihrem Weg zur Küste passieren. "Wer sich bei der Polizei beschwert, wird anschließend nicht selten von ihr bedroht. Die wenigen Schleuser, die festgenommen wurden, sind fast alle wieder frei."
Dann spricht der Geschäftsmann vom plötzlichen Reichtum der Bürger in der 8500-Seelen-Stadt Ayvacik. Automechaniker, die jetzt Mercedes fahren, verschuldete Immobilienmakler mit Brieftaschen voller Euro- und Dollarscheine oder neureiche Bauarbeiter mit dem Spitznamen "kacakci", Schmuggler. Auch kleine Einkaufsläden in den Dörfern entlang der Küste haben das Geschäft ihres Lebens gemacht. Wie viel jemand auch vorher verdiente, jetzt mache er das Zehnfache, erklärt der Geschäftsmann.
Die Schleuserbosse selbst stammen nicht aus der Nachbarschaft, sondern sind überwiegend Araber, Kurden oder Roma, häufig mit Autos, die das Kennzeichen der südtürkischen Provinz Hatay an der syrischen Grenze tragen. Sie besorgen Boote und Schwimmwesten in Istanbul oder Izmir; ein Netzwerk von Mitarbeitern sorgt in Ayvacik für den reibungslosen Ablauf. Weil Syrer und andere Araber in Istanbul keine Bustickets mehr kaufen dürfen, werden sie für 500 Dollar pro Person mit Kleintransportern zur Küste gefahren. Das Überfahrt-Komplettpaket inklusive Schwimmweste und drei Freiversuchen kostet rund 1300 Euro.
Da in ein Boot bis zu 50 Menschen gepfercht würden, kann die Mafia allein in Ayvacik pro Tag mehrere Millionen Euro einnehmen. Ein gutes Geschäft machten auch die Eigentümer der Olivenhaine, in denen sich die Flüchtlinge vor der Überfahrt sammelten.
Tatsächlich hatte die türkische Regierung die Flüchtlinge bisher weitgehend sich selbst und den Schleusern überlassen. Eine Infrastruktur zum Umgang mit den Migranten existiert praktisch nicht. Wer am Strand aufgegriffen wird, kommt in ein grotesk kleines "Rückführungslager" am östlichen Rand von Ayvacik. Platz ist nur für 84 Menschen. Auf dem Hof stehen junge Männer gelangweilt herum oder spielen Fußball. Beim Anblick der Journalisten drängen sie sich an den stacheldrahtbewehrten Zaun. "Zehn Tage sind wir hier! Wir haben Hunger!", klagt ein Iraner. "Freiheit!", ruft ein halbwüchsiger Pakistani.
In diesem Moment hält ein Minibus der Polizei vor dem Lager. Unter Bewachung steigen übernächtigt wirkende Frauen, Männer und Kinder um in einen großen weißen Reisebus. Die Menschen sind Syrer und Iraker, wurden gerade aufgegriffen. Ins Lager werden sie nicht gebracht, weil sie - anders als Iraner, Pakistaner und Afghanen -ein Recht darauf haben, sich in der Türkei aufzuhalten. "Man bringt uns zurück nach Istanbul", sagt ein schmaler junger Syrer. "Wir werden es woanders erneut versuchen. Wir wollen nach Europa."
Alle aufgegriffenen Flüchtlinge würden derzeit genötigt, ein Papier zu unterschreiben, dass sie die Türkei innerhalb von vier Wochen verlassen, berichtet Leyla Yavuz vom Menschenrechtsverein IHD in der eine Autostunde entfernten Großstadt Canakkale. "Aber das ist nur eine Formalität. Die Syrer können ohnehin machen, was sie wollen. Die anderen Flüchtlinge werden in Camps transportiert und abgeschoben."
Leyla Yavuz und ihre Mitstreiter sammeln Kleidung, Medikamente, Windeln und Lebensmittel, die sie nach Ayvacik bringen und im Auffanglager abgeben. Ins Camp dürfen sie nicht. Dessen Mitarbeiter seien zwar bemüht und täten ihr Bestes, seien aber völlig überfordert. Bis vor einer Woche seien nur wenige Migranten im Camp gewesen. Doch seit die Sicherheitskräfte jetzt durchgriffen, würden in Ayvacik plötzlich Tausende durchgeschleust.
Neue Route dauert länger
"Die Regierung will Europa zeigen, wozu sie in der Lage ist, wenn sie Geld bekommt", sagt Leyla Yavuz. "Aber die Europäer verhalten sich schäbig. Sie glauben, sie können mit Geld das Problem erledigen. Das wird nicht funktionieren. Diese Tragödie ist zu gewaltig."
Die Strände von Ayvacik sind jetzt "flüchtlingsfrei", dafür starten die Schlepper nun von der Küste der Nachbarprovinzen, von denen die Überfahrt weitaus gefährlicher ist. "Die Zahl der Flüchtlinge ist gesunken, aber sie kommen weiterhin", berichtet telefonisch aus Lesbos Igor Kubat, ein freiwilliger Helfer aus Schweden. "Statt sechzig Booten zwanzig am Tag. Sie landen nicht mehr im Norden, sondern im Süden von Lesbos. Dorthin dauert die Reise dreimal länger als bisher. Wir befürchten viele Tote."

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