Gute Ideen ohne handfeste Konzepte

Von Martin Otzelberger

Gastkommentare
Martin Otzelberger war bis zu seiner Pensionierung im Management internationaler Elektro- und Elektronikkonzerne tätig.
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Bei der Energiewende fehlen konkrete Umsetzungs- und Lösungsvorschläge.


Ein Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter ist längst überfällig. Viele Forderungen und Ideen in Bezug auf die Energiewende sind nachvollziehbar, aber das Problem der Politik liegt im Mangel an konkreten Umsetzungs- und Lösungsvorschlägen - sowohl technischer als auch finanzieller Natur. Damit scheinen sich Verantwortungsträger kaum fundiert zu beschäftigen.

Wie soll zum Beispiel in Zukunft Warmwasser für die Heizung in die einzelnen Wohnungen gelangen? Wie kommt der Strom künftig in die Steckdosen. Wie werden die vielen angestrebten zusätzliche E-Autos und Wärmepumpen mit Energie versorgt? Hier bieten sich nach dem heutigen Stand der Technik nur begrenzte technische Möglichkeiten an.

Zum Beispiel wurden im vergangenen Jahr im österreichischen Straßenverkehr 9,36 Milliarden Liter an fossilen Kraftstoffen verbraucht: Grob gerechnet entspricht dies etwa 80 Milliarden Kilowattstunden (kWh). Für die Erzeugung einer solchen Energiemenge sind 80 Flusskraftwerke wie jenes in der Freudenau notwendig. Damit stellt sich folgendes Problem: Wie soll dieser Bedarf beim geplanten Ende der fossilen Kraftstoffe gedeckt werden? Ganz zu schweigen von der Bereitstellung der dafür erforderlichen Netzkapazitäten und Ladestationen in ganz Österreich. Wien etwa wäre übersät von Aufgrabungen für Leitungsverlegungen. Abgesehen von der Frage, wo die immense Zahl der für die Errichtung von Ladestationen sowie die Verlegung und Wartung der Leitungen benötigten Betriebe eigentlich herkommen soll.

Und was die Energiewende beim Heizen betrifft: In Wien sind derzeit rund 574.000 Gasheizungen in Verwendung, davon 400.000 in Altbauten. Wie wären Zinshäuser umzurüsten und zu welchen Kosten? Vor allem aber: Wer soll das bezahlen? Allzu viele Lösungsvarianten wird es im dicht bebauten Gebiet nicht geben. Wahrscheinlich werden Vermieter und Eigentümer verpflichtet, die Kosten erforderlicher Umrüstungen zu finanzieren. Aktuell macht die Diskussion über Mietpreisdeckel diese Überlegungen zur zukünftigen Finanzierung nicht einfacher.

Fernwärme wird es nicht überall geben. Für Anschlüsse mit zentralem Wärmetauscher fürs ganze Haus im Keller gibt es nicht überall genug Platz. Die Anbindung jeder einzelnen Wohnung mit bestehendem Radiatoren- und Warmwassersystem würde finanziell den privaten Rahmen sprengen.

Wärmepumpen führen in Ballungszentren auch wegen ihrer Geräuschentwicklung und des großen Platzbedarfs zu vielen Problemen - vom hohen Strombedarf pro Wohnung (Anschlusswert: etwa 20 Kilowatt) erst gar nicht zu reden. Nicht alle Dächer sind für Solaranlagen geeignet, liegen in der Sonne und haben Südlage. Auch Wärmepumpen mit Tiefenbohrungen auf Grundstücken werden wohl selten realisierbar sein.

Um 2040 fertig zu sein, müssten allein in Wien ab sofort mehr als 33.000 Heizungen pro Jahr umgerüstet werden - das wären etwa 90 Umrüstung pro Tag! Wer heute Elektriker und Installateure sucht, weiß, dass flächendeckend Fachkräfte fehlen und die Geräte nur begrenzt lieferbar sind.