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Gutes Geschäft mit lästiger Pflicht

Von Mathias Ziegler

Politik

Wer Geisteswissenschaftler, Mediziner oder Jurist werden möchte, der sollte in der Schule mindestens vier Jahre lang Latein gelernt haben. Andernfalls muss er bis zum Ende des ersten Studienabschnitts die - als schwierig geltende - Lateinergänzungsprüfung hinter sich bringen. Jährlich treten in Wien 1.300 Studenten an - rund ein Fünftel der Kandidaten fällt beim ersten Antritt durch. Das liege an unseriösen "Crashkursen" privater Anbieter, sagen die Prüfer. Stimmt nicht, beteuern die Institute: Die Uni-Institute würden eine Negativ-Kampagne gegen private Anbieter führen. Hinter all dem steht die Frage, warum Latein überhaupt Studienvoraussetzung sein soll.


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"Acrius insta; feri, Pugnax! - Streng dich mehr an; schlag ihn, Pugnax! Heute würde man rufen: Hau eam, mach eam fertig!" Johannes Divjak, Universitätsprofessor für Latein und bekennender Liebhaber des Wiener Dialekts, versucht seinen Zuhörern die lateinische Sprache möglichst anschaulich zu präsentieren. Die rund 30 Studenten, die sich im Seminarraum des Instituts für Klassische Philologie im wöchentlichen Vertiefungskurs auf die Ergänzungsprüfung im März vorbereiten, sollen auch während der Semesterferien "warm bleiben", erläutert Divjak, der im Latinum-Vorbereitungskurs zuvor zwei Semester lang über 200 Zuhörer hatte.

Dass das freiwillige Zusatzangebot in den letzten Wochen vor der Prüfung nicht von allen angenommen wird, dafür hat der Professor ebenso Verständnis wie für die teilweise nach wie vor erkennbaren Defizite seiner Lateinschüler: "Es dauert eben, bis so schwierige Dinge wie etwa der Gerundiv sitzen, das müssen wir halt immer wieder üben", wird er nicht müde zu wiederholen.

Auch zu Hause müsse zumindest eine halbe Stunde täglich geübt werden, um den Stoff richtig verarbeiten zu können. Denn immerhin erreiche der Kurs beinahe das Niveau des dritten Lernjahres in der AHS. "Das mit dem ständigen Mitlernen stimmt natürlich", gibt Anglistikstudentin Karin zu, die sich während der ersten drei Semester vor dem Latinum "erfolgreich gedrückt" hat. "Aber als Halbberufstätige komme ich mit dem zusätzlichen Lernen ganz schön ins Schwitzen. Ich weiß nicht, ob ich das wirklich schaffen werde."

Enthusiasmus versprüht der angehende Theologe Richard: "Die Matura war kein Problem, was sollte mir dann beim Latinum noch großartig passieren?" Kathi wiederum, die bereits zweimal zur Lateinprüfung für Literaturwissenschaften antreten musste, beklagt die Pedanterie der Prüfer: "Ich bin mündlich nur wegen eines kleinen Grammatikfehlers durchgefallen."

Mit Uni-Kurs kein Problem

So wie ihr geht es jährlich rund einem Fünftel der Kandidaten. Dass Kathi die Prüfung trotz der Teilnahme am kostenlosen Uni-Kurs nicht geschafft hat, widerspricht Professor Divjaks Überzeugung: "Wer meinen Kurs bis zur Prüfung ständig besucht, der fällt eigentlich nicht durch." Scheitern würden eher die Absolventen von unseriösen "Crash-Kursen", in denen der gesamte Lernstoff auf vier knappe Wochen komprimiert und nicht ausreichend vermittelt werde. Die Prüfungsaufgabe stelle hingegen bei geeigneter Mitarbeit kein unlösbares Problem dar. Glaubt man dem Professor, so gilt bis heute die Regel aus dem Jahr 1922, als die Maturitätsprüfung von 1885 novelliert wurde: "Die Prüfung hat in der Lesung, Übersetzung und Besprechung einer keine besondere Schwierigkeit darbietenden Stelle zu bestehen." Jedenfalls ist Divjaks Kollege Robert Wallisch überzeugt davon, "dass 98 Prozent der Leute, die bei mir lernen, auch durchkommen". Von privaten Kompaktkursen hält auch er wenig. Vielmehr empfiehlt der Prüfer den Studenten seinen einjährigen Universitätskurs. "Obwohl 12 Stunden Kurs in zwei Semestern insgesamt sechs verlorene Lehrveranstaltungen bedeuten. Aber zwei Drittel der Teilnehmer fühlen sich durch das Latein kulturell bereichert," behauptet der Lehrer.

Die kolportierte Durchfallquote von 30 bis 40 Prozent bei seiner Prüfung kommentiert Wallisch, an der Gerüchtebörse als schwierigster Prüfer gehandelt, so: "Unsere Anforderungen sind überaus bescheiden. Aber manche Menschen sind einfach nicht einmal bereit, Minimales zu tun, sondern versuchen sich irgendwie durchzuschwindeln." Und Divjak wiederum versichert, dass am Ende "wirklich fast jeder durchkommt. Bisher ist bei mir ein Einziger auch durch die dritte Wiederholung gerasselt."

So wie es Studentenvertreterin Susanne Steiner schildert, geht es aber sicher nicht: "Einige besuchen irgendeinen Schnellkurs, legen sich das Skriptum unter den Kopfpolster und glauben, damit hat sich's."

"Latein kann jeder lernen"

Das private "ABC-Zentrum" hat wenig Verständnis für die ablehnende Haltung der Universität gegenüber Pauker-Kursen. Die staatliche Einrichtung habe vermutlich Angst um ihren eigenen Kurs und führe deshalb eine Negativkampagne gegen private Anbieter.

Welche Methode erfolgreicher ist, könne niemand genau sagen, weil die Universität keine exakten Aufzeichnungen darüber mache, welche Kurse die gescheiterten Kandidaten besuchten. Hingegen führt das private Institut eine eigene Statistik, die auf Feedbacks der Studenten beruht. Diesen Aufzeichnungen zufolge sind mindestens 90 Prozent der jährlich 200 bis 300 ABC-Kunden bei der Lateinprüfung erfolgreich.

"Sechs Jahre Latein sind nicht aufholbar"

Diese hohe Quote erreicht das Institut nach eigenen Angaben vor allem durch professionelle Lehrer und maßgeschneiderte Skripten. Die Kursteilnehmer sollen dabei sogar bis knapp unter das Niveau der AHS-Matura kommen. Latein sei für jeden erlernbar, überall und auch in kurzer Zeit, heißt es. Und überhaupt sei alles, was danach an Prüfungen komme, wesentlich schwieriger. Wer das Latinum nicht schaffe, sei ohnehin für das Studium ungeeignet.

Peter Pieler, Studiendekan des Instituts für Römisches Recht, ist anderer Ansicht: "Ich glaube nicht, dass man Latein wirklich in einem Jahr oder noch weniger erlernen kann. Sechs Jahre sind kaum aufholbar."

Ein Hindernislauf

Zwei Wünsche an die Universität hat man bei den privaten Instituten: Eine Objektivierung der Prüfung - "die Professoren erstellen die Angaben, Kurs und Prüfung sind extern" - und somit dieselbe Ausgangsposition für alle Kandidaten. Und weniger Bürokratie - "die Anmeldung ist oft ein Hindernislauf."

Dass es mit dem Crashkurs-Besuch allein nicht getan ist, weiß auch "Lernen 8"-Geschäftsführer Eduard Völker: "Wenn die Studenten das Ihre beitragen und auch selbständig lernen, können wir das Unsere beitragen, dass sie durchkommen." Zaubern könne er nicht. Dass der private Schnellkurs keinesfalls kulturell bereichernd ist, gibt Völker offen zu: "Wir trimmen die Leute für die Prüfung. Nicht mehr und nicht weniger. Latein in seinem ganzen Wesen kann man bei uns nicht lernen. Dazu reicht die Zeit auch gar nicht aus."

Schlüssel zur eigenen Kultur

Dieser Aspekt bleibt dem universitären Kurs vorbehalten, dessen Ziel Robert Wallisch neben einem besseren Zugang zur eigenen Sprache auch darin sieht, eine Tür zur europäischen Kulturgeschichte und somit zu enormem Wissen zu öffnen. "Im Islam etwa wäre es undenkbar, dass ein Intellektueller den Koran aus dem 7. Jahrhundert nicht versteht."

Günter Schmid, Direktor des GRG 4 am Wiedner Gürtel, bezeichnet Latein als "Halbpreisticket" zu den lebenden Fremdsprachen. "Gerade weil es tot ist und sich nicht mehr weiterentwickelt, eignet es sich wie ein Leichnam zum Sezieren und Verstehen des Corpus." Bedingung sei allerdings, dass Latein "richtig" unterrichtet werde, denn "der übliche Hauptakzent auf klassische Autoren und Mythen ist für den Normalverbraucher des 21. Jahrhunderts kaum vertretbar."

Die kulturgeschichtlichen Aspekte stoßen bei jenen Studenten, die sich mit dem toten Sprach-Corpus herumschlagen mitunter freilich auf wenig Verständnis. Literatur-Studentin Kathi: "Ich bin am Ende des ersten Abschnitts und dabei in Mindestzeit unterwegs. Jetzt verliere ich wegen der Latein-Prüfung ein Semester. Kulturgeschichtliche Aspekte schön und gut, aber warum wird eine tote Sprache zur Studienvoraussetzung gemacht?"