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Haarbürste und alte Schuhe

Von Ned Parker und Ian Pedley

Wissen

Sie halten Haarbürsten in der Hand, abgetragene Schuhe oder Zigarettenstummel: Hunderte von Hinterbliebenen kommen in diesen Tagen zu den Behörden in den USA, um persönliche Gegenstände von mutmaßlichen Opfern der Terroranschläge auf das World Trade Center abzugeben. Die Ermittler hoffen, dass daran Hautschuppen, Haare oder Speichel haften, aus denen der genetische Fingerabdruck der Toten genommen werden kann. Seit Tagen werden unter den Tausenden Tonnen von Schutt in New York fast nur noch Leichenteile geborgen - zur Identifizierung der Opfer sind die Behörden auf die DNA-Analyse angewiesen.


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"DNA: Das ist das Ende der Reise für mich", sagt Robert Dorf, dessen Bruder Stephen seit dem Anschlag auf das World Trade Center vermisst ist. "Jetzt müssen wir warten, bis die Polizei uns anruft." Mehr als 6.300 Leichen liegen vermutlich unter den Ruinen der riesigen Wolkenkratzer. Nur gut 250 Opfer wurden bisher geborgen, lediglich etwas mehr als die Hälfte konnte bisher identifiziert werden.

"Ich glaube nicht, dass wir noch viele Leichen finden werden", sagt der Pathologe Robert Shaler, Leiter des städtischen Leichenbeschauerlabors. Die Ermittler haben Massen-Gentests von bisher ungekanntem Ausmaß vor sich.

Je tiefer die Helfer graben, desto häufiger finden sie nur noch Leichenteile und Körperfetzen. Mit den traditionellen Methoden der Identifizierung - durch Fingerabdruck, Zahnschema oder durch persönlichen Augenschein - kommen die Ermittler dabei nicht weiter. Der bei jedem Lebewesen einzigartige genetische Fingerabdruck ist die einzige Hoffnung für Hinterbliebene, dass sie eines Tages die sterblichen Überreste ihrer Lieben begraben können. Die DNA der Opfer wird dabei mit der von den persönlichen Gegenständen gewonnenen DNA oder mit der ihrer Angehörigen verglichen.

Obwohl New York das größte forensische Labor der gesamten USA hat, können die Wissenschafter die gigantische Aufgabe allein nicht bewältigen. Deshalb werden auch Privatlabors in den USA bei der Identifizierung helfen, etwa das Unternehmen Myriad Genetics oder auch Celera Genomics, das als erstes Labor der Welt den menschlichen Genom entschlüsselt hatte.

In den USA nehmen 900 Büros landesweit die Gen-Proben von Hinterbliebenen entgegen. In Europa richtet Interpol Annahmestellen für persönliche Gegenstände von mutmaßlichen Opfern ein.

Die Angehörigen müssen sich auf eine lange Wartezeit einstellen, bis sie über das Schicksal ihrer Lieben letzte Gewissheit haben und mit dem Begräbnis die eigentliche Trauerarbeit beginnen können. "Es ist eine Aufgabe von historischen Dimensionen. In einem Krieg hat man vielleicht 20.000 Tote, aber über einen Verlauf von mehreren Jahren, die Gen-Tests finden nach und nach statt. Hier gab es Tausende Opfer auf einen Schlag", so John Planz vom DNA-Labor der Universität von Nord-Texas.

Die Ermittlungsarbeit nach vorangegangenen Katastrophen nimmt sich im Vergleich dazu fast bescheiden aus: Beim Absturz der Egyptair 990 vor der Ostküste der USA zum Beispiel starben vor drei Jahren 217 Menschen. Erst vor einer Woche hat Jeff Kowalsky wieder weitere Überreste seines Vaters beisetzen können, die er nach ihrer endgültigen Identifizierung von den Behörden bekommen hatte. "Das geht nicht schnell und es wird nicht einfach - die Identifizierung wird Jahre dauern", ist Kowalskys Botschaft an die Hinterbliebenen des WTC-Terroranschlags. "Sie werden jahrelang wie gelähmt sein."