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"Habe einen anderen Blick auf die Welt"

Von Christoph Forsthoff

Autismus
"Ich wollte Radrennfahrer werden", sagt Sänger Helmut Lotti.
© Moritz Mumpi

Der belgische Sänger Helmut Lotti über sein Leben mit der Diagnose Autismus und den Beginn seiner Laufbahn.


Der belgische Sänger Helmut Lotti, der sich als "leichten Bariton" bezeichnet, ist derzeit mit dem neuen Programm "Soul Classics in Symphony" und Hits wie "Purple Rain" und "Wonderful World" auf Tournee. Vor seinem Konzert in der Wiener Stadthalle, am Dienstag, 26. Februar, sprach der Sänger mit der "Wiener Zeitung" über Groove und Schulalbträume.

"Wiener Zeitung": Sie werden dieses Jahr 50 - ein Datum, das Sie vielleicht alt fühlen lässt?

Helmut Lotti: Sie sind nicht der erste Journalist, der mich danach fragt, doch für mich ist das überhaupt kein Thema.

Nun, bisweilen stellt sich eine gewisse Altersweisheit ein.

Vor allem habe ich viel mehr Spaß an dem, was ich mache und weiß, wann ich auch mal nein sagen muss. Was ganz wichtig ist im Leben, denn Sachen, die man nicht im Griff hat, sollte man einfach loslassen.

Was haben Sie besser im Griff?

Mich, mein Leben. Wenn 80 Prozent im Alltagsleben gut laufen und 20 Prozent nicht gut, kann man damit schon ziemlich zufrieden sein - aber wenn diese 20 Prozent im Kopf zu 80 Prozent werden, dann sollte man etwas ändern. Und das habe ich getan mit dem Ergebnis, dass Arbeit und Privatleben nun in einem guten Verhältnis zueinander stehen und ich heute viel besser weiß als vor zehn Jahren, wer der Künstler Helmut Lotti sein soll.

Und wer soll der Künstler Helmut Lotti nun sein?

Der er immer war. Ich habe immer gedacht, es gäbe mehr künstlerische Möglichkeiten für mich und habe in den vergangenen Jahren meine Grenzen ausgetestet. Heute weiß ich, dass man ein Image nicht so einfach loswerden kann. Und insofern habe ich jetzt meinen Frieden mit dem Künstler Helmut Lotti geschlossen.

Ihr neues Album "Soul Classics in Symphony" bringt Soul groß raus. Für diese Musikrichtung braucht es einen ganz besonderen Groove. Verfügen Sie über diese Bandbreite?

In Belgien stand ich mit der neuen Platte wochenlang ganz oben in den Charts, eben weil ich nicht versuchte, krampfhaft so nah wie möglich am Original zu bleiben und "schwarz" zu klingen. Mein Album ist zu 50 Prozent eine typische Helmut Lotti-Platte.

Was zeichnet diese aus?

Melodien sind für mich das Wichtigste, zudem muss es auf meinen Alben immer eine romantische Note geben, der Groove ist da eher Nebensache.

Im vergangenen Jahr wurde bei Ihnen eine leichte Form von Autismus diagnostiziert. Wie hat das Ihr Leben verändert?

Es hat mich beruhigt, jetzt weiß ich, was los ist. Ich selbst kann wenig dagegen unternehmen, meine Umwelt hingegen schon. Wenn ich andere besuche, bitte ich sie beispielsweise, das Fernsehgerät auszuschalten, da für mich sonst ein Gespräch nicht möglich ist. Auch ein zu lautes Radio lenkt mich ab, bei Themen, die mich nicht interessieren, fällt mir die Konzentration schwer, während ich bei Sachen, die mich interessieren, derjenige bin, der sich damit am längsten auseinandersetzen kann. Da kommt dann mein Hyperfokus durch.

Wie erleben das Ihre Mitmenschen?

Mein Einschätzungsvermögen im zwischenmenschlichen Bereich ist manchmal ein Problem. Mir fällt es etwa schwer, zu erkennen, wann ich besser keinen Scherz mache. Ich habe einfach einen anderen Blick auf die Welt.

Haben Sie diesen anderen Blick auf die Welt schon vorher bei sich wahrgenommen?

Ja, wobei ich immer dachte, ich sei einfach anders.

Sie stammen aus einem musikalischen Elternhaus.

Meine Mutter spielt Akkordeon, mein Vater hat gesungen und mein Großvater war Intendant der Oper in Genf, doch ich selbst habe nie über eine musikalische Ausbildung nachgedacht. Ich habe zwar schon als Kind gesungen, aber das war es dann auch.

Was hat Sie in Ihrer Jugend denn sonst interessiert?

Mein Interesse galt allein dem Sport, ich wollte kein Sänger werden, sondern Radrennfahrer. Als ich so mit 18 merkte, dass es für die große Sportkarriere nicht reichen wird, hat mich meine Mutter bei einem Gesangswettbewerb im Fernsehen angemeldet. Ich habe übrigens gar nicht gewonnen, ich war nur unter den ersten drei Kandidaten. Aber zwei Monate danach hatte ich meinen ersten Hit und 40 Auftritte im Monat.

Das war der Beginn Ihrer Karriere.

Ja, ich habe zugunsten der Laufbahn als Sänger die Schule abgebrochen, aber bis zu meinem 30. Lebensjahr plagten mich Albträume. Mir träumte regelmäßig, dass ich bei der Abschlussprüfung versage.

Seit zwei Jahren sind Sie wieder liiert. Wie geht es Ihnen und Ihrer neuen Partnerin?

Wir sind ganz glücklich. Wenn es am Anfang nicht funktioniert, sollte man gut befreundet bleiben, aber nicht versuchen, etwas krampfhaft zu bewahren, nur weil man sich verliebt hat. Denn man wird die Unterschiede nicht auflösen können, sondern kann diese nur akzeptieren: Geht das nicht, sollte man es lieber lassen. Dies habe ich in der Vergangenheit manchmal falsch eingeschätzt, was vielleicht mit dem Autismus zu tun hatte.

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Soul Classics in Symphony von Helmut Lotti Wiener Stadthalle, 26. Feb., 20 Uhr

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