Zum Hauptinhalt springen

"Habe meine Zweifel, dass man aus dieser Geldpolitik ohne Turbulenzen herauskommt"

Von Matthias Nagl

Politik
Geldpolitisch könnte alles beim Alten bleiben, sagt Mayer.
© Nagl

Volkswirt Mayer sieht noch keinen Aufschwung, aber weitere Euro-Probleme.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 10 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

"Wiener Zeitung": Herr Mayer, Sie schreiben eine Kolumne mit dem Titel "Wie geht es der Weltwirtschaft?". Wie geht es denn der Wirtschaft in Europa? Sind wir schon im Aufschwung?Thomas Mayer: Nach einer langen und schmerzhaften Rezession lässt jetzt der Schmerz nach. Die Stabilisierung, die wir jetzt sehen, möchte ich nicht als Beginn eines dynamischen Aufschwungs betrachten.

Was kommt nach dem Nachlassen des Schmerzes?

Ich fürchte, dass es sich nicht in eine kraftvolle Erholung übersetzen wird. Dagegen sprechen drei Gründe. Erstens: Die Fiskalpolitik, die in der Krise sehr restriktiv war, wird jetzt weniger restriktiv. Aber die Möglichkeit, expansiv zu sein, ist einfach nicht da. Die Defizite und die Schuldenquoten sind dafür zu hoch. Zweiter Punkt: Die Kreditkosten und die Kreditverfügbarkeit haben sich in den vergangenen zwei Jahren gebessert, gerade in den südlichen Ländern Europas. Aber wir werden keine Kreditexpansion sehen. Dazu sind die Bilanzen der Banken und Haushalte zu schwach.

Der dritte Faktor ist das globale Wachstum. Da geht es zwar besser als während der Krise, aber es ist ein deutlich gedämpfteres Umfeld als in der Vergangenheit. Gerade, wenn man an die Schwierigkeiten einiger Schwellenländer denkt.

Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret hat vor kurzem in der "Wiener Zeitung" angekündigt, dass die Europäischen Zentralbank früher oder später aus der expansiven Geldpolitik aussteigen muss. Sehen Sie diesen Ausstieg in nächster Zeit kommen?

Der Ausstieg sollte kommen, aber die Frage ist, ob er kommen kann. Sehen Sie sich die Entwicklungen um die Federal Reserve (US-Notenbank, Anm.) an: Als ihr Chef Ben Bernanke im Mai die Idee in Umlauf brachte, dass er die Geldspritzen im Herbst vielleicht zurückfahren könnte, hat das an den Finanzmärkten schon so einen Sturm verursacht, dass einige Schwellenländer schwer in die Knie gegangen sind. Die Leute haben sich damals angeschaut, ob diese Schwellenländer wirklich alle so stark sind. Dann ist man draufgekommen, dass es in diesen Ländern nicht so rosig aussieht.

Es wird also interessant sein, was jetzt passiert. Die Marktteilnehmer sagen, eine kleine Reduzierung der Geldinjektionen ist jetzt eingepreist, da passiert nichts mehr. Stimmt, aber das hat uns ja schon einiges gekostet. Wenn diese Politik fortgesetzt wird, ist die Frage, wie die Märkte darauf reagieren. Ich habe meine Zweifel, dass man aus dieser Politik ohne größere Turbulenzen herauskommt und sie deshalb vielleicht sogar dabei belässt.

Ihr jüngstes Buch trägt den Titel "Europas unvollendete Währung". Darin sprechen Sie auch Alternativen zum Euro an. Damit sind Sie aktuell nicht der einzige Ökonom. Wie könnte eine solche Alternative zum Euro aussehen?

Sie sprechen die Idee einer Parallelwährung an. Die Überlegung im Buch war, was kommen könnte, wenn die Euro-Rettung nicht funktioniert. Parallelwährungen entstehen dann, wenn das offizielle Zahlungsmittel nicht mehr passt. Wenn die Offiziellen trotzdem weiter auf der Währung bestehen, dann bilden sich parallele Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel am Markt. Ist die offizielle Währung zu knapp, bauen sich die Leute reichlicher verfügbare Parallelwährungen. Sie können aber auch dann entstehen, wenn die offizielle Währung zu reichlich vorhanden ist.

Das können Zigaretten sein, das können Fremdwährungen sein. Wenn man diese Überlegungen auf den Euro anwendet, besteht die Möglichkeit, dass die Euros aufgrund der expansiven Geldpolitik für die Überschussländer zu reichlich werden. In dem Fall würden die Leute das Vertrauen in den Euro als Wertaufbewahrungsmittel verlieren. Dann könnte sich ein alternatives Wertaufbewahrungsmittel bilden. In weiterer Folge könnte man sich dazu entschließen, Verträge in einer alternativen Währung abzuschließen, die eine reine Buchwährung bleibt, also nicht als Zahlungsmittel im Bargeldverkehr umläuft, einfach um sich vor der Inflation zu schützen.

Das ist eine Möglichkeit, gegen die argumentiert wird, die Politik würde das nie machen und sie würde sich nicht durchsetzen. Das ist nicht der Punkt. Solche Parallelwährungen werden nie offiziell eingeführt. Es ist der Versuch sich zu überlegen, was am Markt entstehen könnte, wenn es so weit kommt.

In Österreich werden im Wahlkampf vonseiten der FPÖ und dem Team Stronach ebenfalls Alternativen zum Euro gefordert. Aber wenn ich Sie richtig verstehe, würde eine solche Alternative nicht funktionieren, wenn sie von der Politik eingeführt wird?

Im Moment sind die Voraussetzungen, dass sich eine Parallelwährung am Markt bildet, einfach nicht gegeben. Die Inflationsraten sind niedrig, man regt sich nicht auf. So etwas gewinnt dann mehr Dynamik, wenn die Probleme sichtbarer sind.

Wenn einzelne Länder nun Alternativwährungen einführen wollen würden, würde das, glaube ich, nicht funktionieren. Es war ein riesiger Kraftakt der Politik, den Euro einzuführen. Ich denke, dass er eher durch spontane Entwicklungen am Markt verändert wird.

Am Sonntag wählt Deutschland den Bundestag. Dieser Wahl wird sehr große Bedeutung für ganz Europa zugeschrieben. Wie sehr wird der Wahlausgang Europas wirtschaftliches Wohlergehen beeinflussen?

Wenn Frau Merkel Kanzlerin bleibt - und die Umfragen sprechen dafür, wird sich vermutlich an der Grundausrichtung der europäischen Politik nichts ändern. Es wird so weitergehen, wie bisher. Das heißt, "Hilfe gegen Leistung".

Sollte wider Erwarten Rot-Grün in Deutschland gewählt werden, wäre das gut für die europäischen Schuldnerländer. Denn SPD und Grüne wollen in unterschiedlichen Formen eine Vergemeinschaftung der Schulden. Weniger gut wäre das möglicherweise für die deutschen Steuerzahler, denn sie müssten in Zukunft, wenn die anderen Länder nicht mehr bezahlen können oder wollen, gegenüber den Finanzmärkten für deren Schulden einstehen.

Zur Person

Thomas Mayer, geboren 1954, war von 2010 bis 2012 Chefvolkswirt der Deutschen Bank und ist nun dort Berater sowie leitender Wissenschaftler am Zentrum für Finanzstudien der Universität Frankfurt. Er sprach beim Hayek-Colloquium in Obergurgl in Tirol.