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Haidar, die Gandhi aus West-Sahara

Von Alexander U. Mathé

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Aminatou Haidar wurde deportiert und gefoltert. Eigentlich ein Grund für die Menschenrechtsaktivistin, Marokko zu meiden. Hunderttausende andere haben bereits das Weite von dem Land gesucht, das ihre Heimat West-Sahara 1975 annektiert hat. Doch Haidar blieb.


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Die 42-Jährige lebt mit ihrer Mutter und ihren zwei Kindern in der westsaharauischen Hauptstadt El Aaiun. Dort setzt sie sich seit Jahrzehnten für ein Referendum über die Unabhängigkeit der West-Sahara ein, das die marokkanische Regierung seit einem Urteil des Internationalen Gerichtshofs im Jahr 1975 und einer Resolution der UNO-Vollversammlung noch nicht durchgeführt hat.

Ihr Engagement zog gravierende Konfrontationen mit den marokkanischen Behörden nach sich. 1987 wurde sie deportiert - vermutlich eine Säuberungsaktion im Vorfeld des Besuchs einer UN-Kommission, die sich ein Bild von den Verhältnissen in der West-Sahara machen wollte. Die kommenden vier Jahre galt Haidar als verschwunden. Die verbrachte sie mit verbundenen Augen in einem Gefängnis, erzählte Haidar später. Sie wurde gefoltert, gedemütigt und im Ungewissen gelassen, ob sie je wieder frei sein würde.

Doch während viele ihrer Landsleute zur Waffe gegen Marokko griffen, blieb Haidar nach ihrer Entlassung und trotz des erfahrenen Leids dem friedlichen Einsatz gegen die Unterdrückung des saharauischen Volks verbunden. Das hat ihr auch den Spitznamen "Gandhi der West-Sahara" eingebracht.

Nun sieht es so aus, als könne Haidar den Kampf in ihrem Land nicht fortführen. Sie sitzt auf dem spanischen Flughafen Lanzarote fest und darf nicht mehr ausreisen, weil sie keinen Pass besitzt. Der wurde ihr letzte Woche in Marokko abgenommen, nachdem sie von einer Reise nach Amerika zurückgekommen war, wo sie für ihre Zivilcourage ausgezeichnet wurde. Am Flughafen von El Aaiun gab sie "West-Sahara" als Staatsbürgerschaft an - ein Zeichen, mit dem sie die Existenz dieses Staates monierte.

Diese Einstellung gefiel den marokkanischen Behörden naturgemäß nicht. Als Haidar beim anschließenden Polizei-Verhör auf ihrer saharauischen Nationalität bestand, zogen die Beamten den Schluss, dass sie auf ihre marokkanische Staatsbürgerschaft und somit auch auf ihren marokkanischen Pass verzichtet hatte. Sie konfiszierten ihre Papiere und schickten sie mit dem nächsten Flieger zurück nach Lanzarote, über das sie eingereist war.

Quer durch die marokkanischen Parteien griffen die Abgeordneten Haidar verbal an und sprachen von Provokation. "Entweder man ist ein Patriot oder ein Landesverräter", sagte König Mohammed VI. Für ihn kommt die Affäre Haidar ungünstig. Ergab doch unlängst eine Umfrage, dass lediglich 49 Prozent der Marokkaner glauben, in einer demokratischen Republik zu leben, während 33 Prozent Marokko als autoritär einstufen.

Dennoch tut Haidar alles, um für ihren Unabhängigkeitskampf wieder dorthin zurückzukehren. Seit Montag befindet sie sich im Hungerstreik. Ein Mittel, mit dem Gandhi seinerzeit Erfolg hatte.